NAHER OSTEN / RÜSTUNG Elektronischer Winter
Am braundreckigen Wasser des Suezkanals sonnten sich israelische Touristen. Sie picknickten im Schatten der koptischen Kirche von El-Kantara und photographierten sich vor Bunkern. Sie begutachteten Schilder, auf denen Witzbolde ein Suez-Hilton mit klimakühlen Zimmern und eine Fatma-Bar mit koscherem Essen anbieten.
Nur eines durften die Touristen an der südlichen Küste der von Israel besetzten Sinai-Halbinsel nicht: baden. Letzte Woche zogen die meisten Urlauber überdies wieder ab. Denn diesen Donnerstag endet am Suezkanal der Waffenstillstand, falls er nicht verlängert wird.
Mit dem Herannahen des 5. November wurde der Welt wieder bewußt, daß im Nahen Osten ein Brand schwelt, der nur durch den Bürgerkrieg in Jordanien und den Tod Nassers verdeckt worden war, ein Brand aber, der durch die 90tägige Waffenruhe noch gefährlicher geworden Ist. Denn Ägypter und Israelis nutzten die Feuerpause zum Wettrüsten. Die Arsenale auf beiden Seiten des Suezkanals sind voller denn je.
»Eines der modernsten Raketensysteme der Welt« (so Israels militärischer Geheimdienstchef Jariv) mit insgesamt 500 bis 600 Raketen bauten Ägypter und Sowjets während des Waffenstillstands auf.
Mit massiver Verstärkung ihrer Stellungen am Kanal und mit umfangreichen Waffenlieferungen aus den USA wappneten sich »die Israelis für die nächste Runde im Nahostkrieg.
Nach dem »elektronischen Sommer«, den Israels Verteidigungsminister Dajan im Frühjahr an der Kanalfront prophezeit hatte, kündigt nunmehr Ägyptens neuer Staatschef Sadat einen »elektronischen Winter« an -- auf einer noch höheren Eskalationsstufe.
Die Chancen, daß Israelis und Araber sich am Verhandlungstisch einigen, sind minimal: Israel will den Gesprächen des Uno-Vermittlers Jarring fernbleiben, bis die Ägypter alle nach dem Beginn des Waffenstillstands montierten Raketenbatterien wieder abbauen; Ägyptens Staatspräsident Sadat aber versichert, er werde »keine einzige Rakete zurücknehmen«.
Während Israels Außenminister Abba Eban den Ägyptern »zynische Mißachtung der getroffenen Abmachung« vorwirft, beschuldigt Ägyptens Außenminister Riad Israel, es habe alle Vereinbarungen mit arabischen Ländern gebrochen, »sobald sie seinen kolonialistischen Zielen im Wege standen«.
Das Waffenstillstandsabkommen, das beiden Seiten nur »Instandhaltung bestehender Einrichtungen« ermöglichte, wurde freilich zuerst von Kairo gebrochen: Sowjets und Ägypter bauten das Raketennetz am Suezkanal so dicht aus, daß Israels Kampfpiloten kaum noch Lücken finden dürften.
Seit Beginn der Waffenruhe verstärkte Kairo die Zahl seiner Raketenbatterien -- so der israelische Geheimdienst -- von 16 auf rund 50. In einer 50 Kilometer breiten Zone westlich des Suezkanals operieren Ägypter und Sowjets inzwischen mit
* zehn Batterien des Raketentyps Sam-3 gegen tieffliegende Jagdbomber; die 200 Mann starken Bedienungsmannschaften in jeder Raketenstation sind Sowjets; > mindestens 38 Batterien der Sam-2, die auf höher fliegende Maschinen abgefeuert wird; die Sam-2-Basen stehen entlang der 140 Kilometer langen Front in einem Abstand von vier Kilometer, so daß sie ein koordiniertes Feuer auf die Angreifer eröffnen können;
* zahlreichen beweglichen Ein-Tonnen-Raketen des Typs »Ganef«, die gegen tieffliegende Flugzeuge und als Boden-Bodenraketen (Reichweite: 70 Kilometer) einsetzbar sind.
Eine ultramoderne Radar-Ortungsstation bei Baltim im Nildelta informiert die Kommandeure der Raketen-Batterien früher als bisher über anfliegende israelische Maschinen.
Der fieberhaften Aktivität auf dem jenseitigen Kanalufer sahen die Israelis nicht tatenlos zu. Um künftig auch gegen sowjetische 203-Millimeter-Geschosse gewappnet zu sein, die Moskau den Ägyptern in den letzten Monaten schickte, vertieften und verstärkten die Israelis ihren Westwall am Kanal.
Bis zu 30 Meter tief sind die israelischen Befestigungen aus Zement, Steinen und Eisenbahnschienen jetzt in den Sand der Sinai-Wüste eingegraben. Rund 20 Kilometer östlich der nach dem israelischen Generalstabschef benannten Bar-Lev-Linie buddelten Dajans Soldaten überdies einen zweiten Verteidigungswall. Ihre Feuerkraft verstärkten die Israelis mit 175-Millimeter-Geschützen made in USA. Reichweite: 35 Kilometer.
Da die Ägypter auch Brückenmaterial und amphibische Fahrzeuge an den Kanal brachten, wappneten sich die Israelis nicht nur für eine Fortsetzung des Grabenkriegs, sondern auch für den Fall, daß ägyptische Truppen über den Kanal setzen:
* Sie bauten das Straßennetz im Kanalgebiet aus, um die Beweglichkeit ihrer zahlenmäßig unterlegenen Truppen zu verbessern.
* Aus den USA beziehen sie 200 Panzer, darunter den Typ M-60, den derzeit schnellsten und feuerstärksten amerikanischen Panzer. Washington liefert überdies zusätzliche Jagdbomber des Typs »Phantom«, Luft-Boden-Raketen, die Ägyptens Sam unschädlich machen sollen, und elektronische Geräte, die das ägyptische Radar verwirren können.
Trotz des Wettrüstens bekundeten Ägypter wie Israelis Interesse an einer Verlängerung der Feuerpause.
Die Israelis hoffen, die Großmächte könnten Ägypten doch noch zum Abzug wenigstens einiger Raketenbatterien bewegen. Und Ägyptens neue Führungsspitze will offenbar vor jeder militärischen Auseinandersetzung erst die neu erworbenen Machtpositionen in Kairo stabilisieren.
In der ersten Kabinettsitzung unter Leitung des neuen ägyptischen Premierministers Mahmud Fausi standen nur innenpolitische Fragen auf der Tagesordnung.