ELFMETER
(Nr. 32/1969, Demoskopie)
Ihr Artikel über die »Demoskopie« ist besonders interessant; es ist bedauerlich, daß er nicht als Titelgeschichte erscheinen konnte. (Doch sehe ich ein, daß die Defregger-Affäre den meisten Lesern wichtiger ist, und ihre Darstellung ist ungewöhnlich ausgewogen und unparteiisch.)
Der »bandwagon effect« und der »underdog effect« sind wahrscheinlich oft, wenn nicht immer, gleichzeitig vorhanden. Sie können sich gegenseitig aufheben, oder der eine oder andere kann überwiegen. Ob man jemals mit einiger Sicherheit wird feststellen können, was davon eintreten wird, ist mir zweifelhaft.
Washington KURT ROSENWALD
Was glauben Sie, wollten amerikanische Soziologen bezeichnen, als sie für die vermutete Rückwirkung von Meldungen über den sicheren Vorsprung einer Partei auf das Wahlverhalten die Metapher »bandwagon effect« prägten, wenn Sie bandwagon mit »Musikwagen« übersetzen? Hatten nicht die Wortpräger eher das Bild jenes bandwagon vor Augen, den die amerikanischen Frontier-Pioniere benutzten? Er fuhr an der Spitze einer Reihe mit ihm verbundener Wagen. Kippte er um, so fielen auch die anderen um. Alfter (Nrdrh.-Westf.)
RALF LÜTZENKIRCHEN Wissenschaftliches Institut der Konrad-Adenauer-Stiftung
Aber anstatt den Widerspruch zwischen demokratischem Ideal und der Wirklichkeit des Regierens zu erleichtern, tun die Demoskopen so, als ob es diesen Widerspruch nicht gäbe. Sie verkaufen den Politikern im Amt ein Opiat, das sie vor der Notwendigkeit von Änderungen und Entscheidungen dadurch blind macht, daß die Mehrheit des Volkes nicht in der Lage ist, sich selbst über die Dinge vernünftige Gedanken zu machen. Anstatt wirklich demokratisch zu wirken, wirken die Demoskopen als Volk-für-dumm-Grollhändler. Sie beliefern die Politiker mit den Mitteln, womit sie ihrerseits das Volk für dumm verkaufen, anstatt damit vernünftiger zu regieren.
Iserlohn (Nrdrh.-Westf.) PAUL I. ANDERSON
Umfrage-Ergebnisse -- vorausgesetzt, die Interviews finden in der Wohnung statt -- können nicht repräsentativ sein. Aus meiner Erfahrung als Freizeit-Interviewer muß ich sagen, daß nur ein kleiner Teil der Aufgesuchten überhaupt ansprechbar ist. Das sind überwiegend Menschen mit zwei hervorstechenden Eigenschaften: Sie sind schwatzhaft und haben Zeit. Genausowenig wie diese Menschen den Durchschnitt des Volkes repräsentieren, sowenig können die Ergebnisse der Befragung die wahre Volksmeinung widerspiegeln. Darüber sollten die Demoskopen einmal nachdenken.
Obervellmar (Hessen) WOLFGANG RINGSLEBEN
Im Wahlkampf 1965 haben wir keine Kopf-an-Kopf-Prognose gestellt, sondern jeweils nur den augenblicklichen Stand der Wählerpräferenz festgehalten. Und auch das nicht bis wenige Tage vor der Wahl, sondern wir haben korrekt, um jede auch noch so unwahrscheinliche Wahlbeeinflussung zu vermeiden, sechs Wochen vor der Wahl aufgehört, Umfrage-Ergebnisse zu veröffentlichen. Um uns dennoch dem Test der Wahlprognose nicht zu entziehen, hinterlegten wir sie zwei Tage vor der Wahl beim Notar und gaben sie erst nach Schließung der Wahllokale im Fernsehen bekannt. Diese Prognose war bis auf ein Prozent genau. Meine Äußerung gegenüber der »Zeit« vom 4. September 1965 über die Möglichkeit eines SPD-Wahlsieges war nur meine persönliche Meinung, die auf Umfrage-Ergebnissen aus der Zeit vor dem 10. August basierte. Bei drei aufeinander folgenden Bundestagswahlen, 1957, 61, 65, hat das Institut für Demoskopie Allensbach vor dem Wahltag eine auf ein Prozent genaue Prognose veröffentlicht oder beim Notar hinterlegt. Eine derartige Leistung haben nur ganz wenige Umfrage-Institute in der Welt aufzuweisen.
Allensbach PROF. DR. ELISABETH NOELLE-NEUMANN
Zu der Behauptung der Meinungsforschungsinstitute, ihre Arbeit entbehre der Manipulierbarkeit, liefert Frau Professor Noelle den Gegenbeweis selbst, denn ihr »Geheimes Organ« spricht von einem globalen Sieg der CDU, während wieder kurz vor der Wahl ihre Demoskopie die berühmt-berüchtigte Meldung bringt, die SPD führe mit drei Prozent vor der CDU. Eine solche Meldung hat ihr Pendant im Fußball. Ein typischer Kulminationspunkt der Manipulierbarkeit ist der Elfmeter, der den Spielfluß einer Mannschaft mittels Schockwirkung eklatant zu stören vermag, da er auf sie so lähmend wirkt, daß für sie das Spiel verlorengeht.
Backnang (Bad.-Württ.) HERMANN SCHIEFER
Sie stellen in Ihrem Bericht die Zahl 2000 als magische Größe vor. So ein Schmarrn. Auch die klarere Aussage, daß sich die Befragung von mehr als 2000 Personen nicht lohnen würde. kann aber allenfalls unter Berücksichtigung der Rentabilität des Meinungsforschungsinstituts richtig sein. So wird selbst bei einem einwandfrei durchgeführten Random-Verfahren bei dieser Stichprobengröße der Artikel der großen Parteien nach den Gesetzen der Statistik in jeder dritten Befragung mindestens um ein Prozent vom richtigen Wert abweichen, ein Fehler von wenigstens zwei Prozent wäre in jeder 20. Befragung zu erwarten. Um die Genauigkeit zu verzehnfachen, (das heißt die Fehler auf ein Zehntel zu reduzieren), müßten hundertmal soviel Befragungen durchgeführt werden. Das wird den Instituten aber zu teuer.
Stuttgart OTMAR BAUE
Den einzigen, der dem Demoskopie-Problem in Deutschland bisher gerecht wurde, haben Sie aus Ihrer SPIEGEL fleißigen Dokumentarsammlung ausgeschlossen: Gmelin mit seinem ebenso faszinierend wie exzellent geschriebenen Angriff auf die TV-Demoskopie. Ich sage das nicht aus Freundschaft: aber ich habe Gmelin vor gut einem Jahr für eine schwedische Untersuchung interviewt. Man begreift in Deutschland nicht den subtilen Konvergenztheoretiker. Ein notwendiger Außenseiter vor einer vernagelten öffentlichen Meinung in Deutschland. Dort sieht man alles nur schwarz und weiß.
Göteborg (Schweden) L. JOHANNSON
Endlich begreift auch der SPIEGEI die von uns seit je betriebene Demoskopie-Kampagne.
Reutlingen (Bad.-Württ.) OTTO GMELIN
Institut für Massenkommunikation e. V. Berlin