Ende
Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Mißstände aufzuklären, in fragwürdige Zusammenhänge hineinzuleuchten und Uebelstände aller Art anzuprangern. Damit wollen Sie, wie ich vermute, der Wahrheit dienen. Eine großartige Absicht, mit der Sie zweifellos schon viel Gutes bewirkten.
Ganz und gar nicht der Wahrheit dienen Sie aber durch Ihren Artikel in Nr. 48 über Kordt. Ich protestiere entrüstet dagegen, daß man einen verantwortungsbewußten, in seiner Gesinnung untadeligen Menschen auf diese unfaire Weise in seinen Absichten diffamiert. Seit 1937 hatte ich immer wieder Gelegenheit, mich von Dr. Kordts Gesinnung und Geisteshaltung zu überzeugen.
In der Nazizeit gab es für anständige Menschen, die nicht schon von vornherein belastet waren, wohl nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie verließen das Land mit der bequemen Ausrede: »Nach mir die Sintflut.« Das wäre für Dr. Kordt als Diplomat ein Leichtes gewesen. Oder aber - vor allem dann, wenn durch Beruf und Stellung der Ansatzpunkt dafür gegeben war, sie entschlossen sich, zu bleiben, um wenigstens soviel zu bremsen und zu verhüten, wie in ihren Kräften stand. Mir scheint das letztere verantwortungsvoller. Mehr als einmal war ich Zeuge eines schweren Konflikts, den diese Entscheidung für Dr. Kordt bedeutete.
Ich bezeuge, daß er als einziger Mensch, der mir in ganz Deutschland bekanntgeworden ist, 1939 bereit war, sich selbst mit Hitler zusammen in die Luft zu sprengen. Er wollte also nicht einmal »übrigbleiben«. Das allein schon hebt ihn hoch über alle hinaus, die gleich Mutiges und gleich Selbstloses nicht von sich behaupten können.
Ich bezeuge gleichfalls, daß er seit 1937, von wo an ich Gelegenheit hatte, sein Verhalten und seine Handlungen zu verfolgen, täglich und stündlich Dinge tat, die nur dem einen Ziel dienten: Hitlers Ende nicht zu Deutschlands Ende werden zu lassen. Man kann jeden Menschen herunterreißen, wenn man ihm und sein Tun entsprechend schnoddrig kommentiert. Aber wir alle, die wir gegen Hitler protestiert, gekämpft, unter ihm gelitten und so gut, wie wir es vermochten, entgegengearbeitet haben, verbitten uns, daß es fünf Jahre nach Naziende in dieser Form und mit demjenigen Menschen geschieht, den wir als einen unserer besten, klügsten und tapfersten Gesinnungsgenossen während vieler Jahre erprobten und respektierten.
München
RUTH ANDREAS-FRIEDRICH
Herausgeberin von »Berlin Underground«, Tatsachenbericht aus Berlin 1938-45, erschienen 1947 bei Henry Holt, New York, 1947 Latimer-House-Verlag, London, und 1948 unter dem Titel »Der Schattenmann« bei Suhrkamp, Berlin.
In Ihren letzten Nummern haben Sie über die Memoiren des Staatssekretärs Meißner und des Gesandten Erich Kordt geschrieben. Vielleicht sollten Sie nachtragen, was Erich Kordt über Meißner zu berichten weiß. Hitler habe vor einem Kreis von Leuten, zu denen auch Erich Kordt gehörte, über Hindenburg erzählt, an dem das große Werk fast schon zu Anfang gescheitert wäre. Da habe sich im letzten Augenblick Staatssekretär Dr. Meißner eingeschaltet. Hindenburg habe am Schreibtisch gesessen, vor sich das Dekret über die Reichstagsauflösung, und habe nicht unterschreiben wollen. Hugenberg sei abwesend gewesen.
Da sei endlich Meißner, der seinen Herrn genau kannte, vorgetreten und habe die persönliche Antipathie Hindenburgs gegen den deutschnationalen Parteiführer und früheren Finanzrat Hugenberg geschickt ausgenutzt. »Herr Feldmarschall«, habe er gesagt, »das ganze Kabinett ist sich über die Notwendigkeit einer Reichstagsauflösung einig«, und nach einem kurzen Stocken habe er in leicht vorwurfsvollem ton hinzugefügt: »Lediglich Herr Geheimrat Hugenberg möchte diese aus parteipolitischen Gründen etwas hinausschieben.« Der alte Herr habe daraufhin wütend ausgerufen: »Immer noch diese parteipolitischen Erwägungen!« Er habe zur Feder gegriffen und das Auflösungsdekret unterschrieben.
Berlin
HANNS HERMANN