USA Ende der Geschichte
Al Gore beliebt zu scherzen: »Stellen Sie sich vor, wie schwer die beiden letzten Jahre für mich waren«, fordert der bei den Präsidentschaftswahlen des Jahres 2000 nicht an den Urnen, sondern an der Entscheidung des Obersten Bundesgerichts gescheiterte einstige Vizepräsident seine Zuhörer auf. Die fließen, ob in New York oder San Francisco, geradezu über vor Wohlwollen - bis er weiterspricht: »Statt der gewohnten freien Fahrt muss ich die Straßen jetzt mit anderen Wagen teilen.«
Doch selbst die Lacher seines Publikums können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Machtverlust ihn tatsächlich schwer getroffen hat. Er fällt ihr nicht ins Wort, wenn seine Frau Tipper erklärt: »Ich bin überzeugt, dass du damals gewonnen hast.« Gemeinsam mit ihr stellte Gore, 54, in den vergangenen 14 Tagen ein Buch über den Zustand der amerikanischen Familie vor. Er selbst begnügte sich dabei mit dem eher traurigen Satz: »Ich war mal der zukünftige Präsident der USA.«
Das will er, wenn nicht alles täuscht, wieder werden - und mehr natürlich. Ausgerechnet in einer Zeit, in der sein einstiger
Gegner als politisch unschlagbar gilt, meldet sich Gore zurück. Während seine Parteifreunde, zutiefst geschockt über ihre Niederlage bei den Kongresswahlen vor vier Wochen, jede Opposition eingestellt zu haben scheinen und sich vor dem Präsidenten wegducken, fordert der einstige Inbegriff eines Losers mehr Widerspruchsgeist von den Demokraten.
Deren Zustimmung zum neuen Sicherheitsministerium für die Terrorabwehr und zu Ermittlern, die seit dem 11. September in der Privatsphäre der US-Bürger herumschnüffeln dürfen, sei ein schwerer Fehler gewesen. Gore: »Ein Alptraum wie beim Großen Bruder.«
Während euphorische Konservative am liebsten heute schon den Gouverneur von Florida, Jeb Bush, zum Nachfolger seines Bruders George W. küren möchten, hat Amerikas sprachlose Opposition plötzlich eine Stimme wiedergefunden: Der Wirtschaftskurs des Präsidenten gleiche einem »verirrten Autofahrer, der nicht anhalten mag, um sich nach dem Weg zu erkundigen«, schimpft Gore, so, als hätte der Präsidentschaftswahlkampf 2004 bereits begonnen. Mit fast 300 Millionen Amerikanern im Schlepptau »rast Bush immer tiefer in eine wirtschaftliche Wüste«.
Der Präsident und seine Berater betrieben Haushaltspolitik nach dem Muster der zusammengebrochenen Schwindelfirma Enron, klagt der Demokrat: »Sie sagen Einkünfte voraus, die sich nicht materialisieren werden, und versuchen, Ausgaben zu verstecken, die trotzdem da sind.« Das Ganze sei »eine Katastrophe«, Bushs Umweltpolitik schlicht »unmoralisch«.
Außenpolitisch ein ähnliches Bild: Es sei ein »historischer Fehler«, zum Waffengang gegen Saddam Hussein zu trommeln und dabei den Krieg gegen den Terrorismus zu vernachlässigen, warnte der neue Herausforderer immer wieder auf seiner Comeback-Tour. Er sagt, was etwa deutsche Minister nicht einmal mehr denken dürfen: Bushs »katastrophale« Außenpolitik habe ihren »Fokus verloren«, der Versuch, »offen nach Welt-Dominanz zu streben, ist ein Rezept für Ärger«.
Die Rückkehr des Totgeglaubten, über die viele Demokraten eher erschrocken und Republikaner in vorweggenommener Siegeszuversicht geradezu entzückt sind, hatte sich zwar abgezeichnet, aber niemand im politischen Washington hatte ernsthaft damit gerechnet. Gore schien erledigt. Noch heute kommt ihm der Name Bush nur schwer über die Lippen. Er hat sich auf den bitteren Satz zurückgezogen: »Der andere wurde vereidigt, Ende der Geschichte.«
Ob es wirklich das Ende der Geschichte war, wollte Gore allerdings von Anfang an noch einmal wissen. Er nutzte die Zeit der Zwangspensionierung, wie er sie auch in der nicht gerade machtvollen Position eines Vizepräsidenten genutzt hatte - er akkumulierte Berge von Wissen und gab es weiter: Gore lehrte Journalismus, seinen eigentlichen Beruf, an der Universität Columbia, erforschte Familiensoziologie an der Fisk University in Tennessee, veranstaltet mit Professoren aus vielen Fachbereichen Symposien zur Globalisierung an der Universität Harvard.
Schon für Ende September 2001 hatte er sein Comeback als Präsidentschaftsaspirant angesetzt - dort, wo alle Bewerber traditionell ihre Wahlkämpfe beginnen, im Bundesstaat Iowa. Doch die Anschläge von New York und Washington zwangen sogar Gore vorübergehend zum Stillhalten.
Ein Jahr später ist solche Rücksicht vergessen. »Wir müssen nicht nur dem Namen nach Opposition sein«, sagt er, »wir müssen eine deutliche Alternative aufzeigen.« Bis Weihnachten will er offiziell bekannt geben, ob er wieder antritt.
Chancen hat er derzeit nur wenige. Wie jeder andere Demokrat würde Gore einstweilen noch haushoch gegen Bush verlieren. Doch er kann auf Umfragen verweisen, die ihm unter allen demokratischen Bewerbern noch das beste Ergebnis einräumen. Gore ist überzeugt, dass die Katastrophen, vor denen er warnt, auch eintreten werden. Ein misslungener Schlag gegen Saddam Hussein etwa könnte die gesamte politische Lage schnell umkehren.
Larry Aber, ein enger Vertrauter und Direktor eines Kinderhilfswerks, vergleicht Gore mit einem anderen Vizepräsidenten, der erst nach einer Niederlage im zweiten Anlauf das Weiße Haus erobern konnte: Richard Nixon. Genau wie jenen dunklen Geist der amerikanischen Politik treibe auch den notorischen Besserwisser Gore die feste Überzeugung, er sei geeigneter als alle anderen und müsse schlicht Präsident werden. Larry Aber: »Ich glaube nicht, dass er ganz einfach still im Dunklen verschwindet.« HANS HOYNG
* Bei einer Autogrammstunde in New Mexico.