NAHOST Ende der Koexistenz
Nach Abschluss der Arbeiten an den ersten 150 Kilometer Sperrwall zum palästinensischen Westjordanland arbeitet Israel jetzt mit Hochdruck am zweiten Abschnitt des umstrittenen Zauns - der vehementen Kritik aus Washington zum Trotz. Israel hält das pro Kilometer etwa zwei Millionen Euro teure Bauwerk für notwendig, um sich gegen palästinensische Terroristen zu schützen. »Der Zaun bringt keine Sicherheit, er verschärft nur den Konflikt«, kritisiert dagegen die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem. Die Palästinenser, die den Zaun »Apartheids-Mauer« schimpfen, beklagen zusätzliche Härten für ihren ohnehin beschwerlichen Besatzungsalltag und Landraub. Tatsächlich reicht der Sperrwall tief ins Westjordanland hinein. Bisher beschlagnahmte die israelische Regierung per Militärorder bereits 15 Quadratkilometer Land, 85 Prozent davon in palästinensischem Besitz. Rund 12 000 Palästinenser finden sich mit ihren Dörfern nun auf der israelischen Seite des Zauns - getrennt von ihren Landsleuten, aber ohne nach Israel zu dürfen. Insgesamt seien mehr als 210 000 Menschen betroffen, so Betselem.
Der Zaun verlaufe mitten durch reiches palästinensisches Farmland, durch Gärten und Olivenhaine, erschwere den Zugang zu Äckern und Schulen, Arbeitsplätzen, Kliniken und anderen sozialen Diensten, heißt es in einem Bericht von EU, Uno und Weltbank. Manche Dörfer können die Palästinenser nur noch über Militärcheckpoints verlassen. Für Bauern will Israel zusätzliche Tore öffnen. Stacheldrahtrollen, Wachtürme, Überwachungskameras und Gräben geben dem Bollwerk ein martialisches Aussehen, vor allem dort, wo acht Meter hohe Betonmauern errichtet wurden. Zwar sprechen auch israelische Zeitungen von einem »größenwahnsinnigen Monument für das Ende der Koexistenz« - doch die Bevölkerungsmehrheit ist dafür. Brisant wird die Lage, wenn sich der Zaun den großen Siedlungsblöcken weiter im Süden nähert und Ost-Jerusalem, wo bisher nur wenige Kilometer stehen. »Wenn der Sperrbau wie geplant weitergeht, werden über 200 000 Ost-Jerusalemer Palästinenser von ihren Familien und Geschäften im Westjordanland abgeschnitten«, warnt der israelische Anwalt Daniel Seidmann: »Das ist dann das Ende der Roadmap zum Frieden.«