Ende der Lügen - DER SPIEGEL
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POLEN Ende der Lügen

Siebzehn Jahre lang konnte die katholische Kirche - einst eine Speerspitze des Wandels im Ostblock - ihre peinlichen Stasi-Kontakte vertuschen. Nun ist der Damm gebrochen.
• aus DER SPIEGEL 3/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pater Tadeusz Isakowicz-Zaleski schlief schon, als es an der Tür des Pfarramts von Wola Justowska bei Krakau klopft. Zaleski sieht durch den Spalt eine junge Frau im weißen Kittel, im Hintergrund warten zwei Männer in Sanitäteruniform. Als er öffnet, stürzen sich die beiden vermeintlichen Sanitäter auf ihn, werfen den Priester zu Boden, Handschellen rasten ein. Die drei verwüsten das Pfarrhaus, es hagelt Schläge und Fußtritte. Dann fliehen sie.

Der Überfall in der Dezembernacht 1985 war schon der zweite auf den regimekritischen Kaplan. Ein halbes Jahr zuvor hatten Unbekannte vor dem Haus seiner Mutter gelauert. Sie brannten Zaleski mit einer Zigarettenkippe ein V auf die Brust - das Siegeszeichen der verbotenen Gewerkschaft »Solidarität«, für die sich der Geistliche eingesetzt hatte. »Es gibt keinen Zweifel, das waren Stasi-Leute«, sagt Zaleski. Bis heute wurde keiner von ihnen gefasst. »Das interessiert mich auch nicht, ich will ja keine Rache.«

Aber 20 Jahre später darf Zaleski endlich seine Akte einsehen. »Ich erlebte einen Schock, der schlimmer war als die Schläge damals.« Aus den vergilbten Pa-

pieren geht eindeutig hervor: Der Kaplan stand auf der schwarzen Liste des »Sicherheitsdienstes« (SB) und wurde pausenlos beschattet - von Priesterkollegen, Ordensbrüdern, Freunden, Bekannten.

Zaleski forschte weiter, bald will er ein Buch veröffentlichen. Darin wirft er 39 Geistlichen aus der Region Krakau vor, für die Stasi spioniert zu haben. Dass die polnische Kirche seit Ende des kommunistischen Regimes versäumt habe, ihre Stasi-Kontakte aufzuarbeiten, sei ein gewaltiger Fehler gewesen, der sich nun räche, so Zaleski. »Diese Vergangenheit kann man nicht verschweigen. Sie ist wie eine schwere, unheilbare Krankheit, die einen irgendwann einholt.«

Mit der Stasi-Affäre um den zurückgetretenen Warschauer Erzbischof Stanislaw Wielgus ist es so weit. Um ein Haar hätte ein Mann, der dem Sicherheitsdienst über Jahre ein williger Zuträger war, eines der höchsten geistlichen Ämter Polens übernommen. Und schlimmer noch: Wielgus leugnete bis zuletzt. Er belog seine Schäfchen, seine Kollegen und den Papst selbst. Erst ein - wohl diskret hinter den Kulissen gesprochenes - Machtwort Benedikts XVI. führte zum Rücktritt Wielgus' in letzter Minute. »Der Schaden für das Ansehen der katholischen Kirche ist enorm«, glaubt Pater Zaleski.

Die Affäre stürzt das Land in eine neue Stasi-Debatte. Der historische Kompromiss zwischen Dissidenten und Kommunisten scheint endgültig zerbrochen. 1989 hatten Regimegegner den Machthabern am Runden Tisch den friedlichen Übergang zu Kapitalismus und Demokratie abgehandelt. Dafür blieben die Apparatschiks der Volksrepublik und ihr Spitzelapparat weitgehend unangetastet.

So sollte auch verschwiegen werden, dass die Akten des Sicherheitsdienstes einen prominenten Theologen namens Stanislaw Wielgus führten, Deckname: »Adam«, »Adam Wysocki« oder »Grey«. Von 1967 an traf der damals an der Katholischen Universität Lublin studierende

Geistliche mindestens 50-mal mit SB-Agenten zusammen. Die schätzen ihren Zuträger in Soutane: Langsam sei »ein Vertrauen gewachsen«, immer offener habe Wielgus über Vorlieben von Kollegen geplaudert, über Kandidaten für Anwerbungsgespräche und die Stimmung im Seminar. 1973 verpflichtete er sich sogar schriftlich zur Zusammenarbeit mit der Stasi - prompt erhielt er einen Reisepass, durfte für zwei Jahre ausreisen, um mit einem Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in München zu studieren.

Als die rechte Zeitung »Gazeta Polska« im Dezember - Wielgus war noch Bischof in Plock, aber bereits vom Papst als Metropolit von Warschau vorgeschlagen - erstmals über Stasi-Verwicklungen berichtete, leugnete der Geistliche. Nie habe er mit den Kommunisten zusammengearbeitet und das auch dem Papst gesagt.

Auf Rückendeckung aus dem Klerus konnte er sich verlassen. Einflussreiche Gottesmänner, allen voran Primas Józef Glemp, hatten sich seit Jahren strikt dagegen gewandt, die Akten der kommunistischen Sicherheitsdienste - in Polen Täschchen genannt - aufzuschlagen. Das säe Hass und führe zu Hexenjagden.

Doch der Sündenfall des frommen Hirten ließ sich nicht mehr vertuschen. Wenige Tage vor der anberaumten Investitur in der Warschauer Kathedrale »Johannes der Täufer« gruben Journalisten Akten aus, die die Stasi-Kontakte einwandfrei belegen. In einer schwulstigen Erklärung räumte Wielgus seine Verbandelungen ein.

Da war es allerdings schon zu spät. Bis in die Nacht drängten liberale Bischöfe im Vatikan auf die Entlassung von Wielgus. Mit einem 80 Seiten langen Fax soll sich auch die polnische Staatsführung direkt an Benedikt gewandt haben. Nun erst gab Wielgus nach und erklärte - während der Inthronisierungsmesse am Sonntagmorgen - seinen Rücktritt.

Die Affäre ist der Höhepunkt einer ganzen Serie von Stasi-Enthüllungen, die Polen in den vergangenen Jahren erschütterten: Konrad Hejmo, jahrzehntelang für die Betreuung polnischer Pilger im Vatikan zuständig, spitzelte für die Kommunisten genauso wie Mieczyslaw Malinski, ein Kommilitone und Freund des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. Ein anderer, Michal Czajkowski, mit Verdiensten um die Annährung von Katholiken und Juden, hatte der Stasi sogar über Jerzy Popieluszko Auskunft gegeben. Jener Pater war 1984 entführt, misshandelt und später tot in einem Stausee gefunden worden.

Als die Kommunisten 1945 die Macht in Polen übernahmen, wussten sie, dass sie in der katholischen Kirche einen mächtigen Gegenspieler haben würden: Seit das Land im 18. Jahrhundert von Preußen, Russen und Österreichern aufgeteilt worden war, entwickelte sich die Kirche zum Träger des Polentums. Unter den Nazi-Besatzern zahlte der polnische Klerus einen hohen Blutzoll, der die Autorität der Kirche noch erhöhte.

Nach dem Krieg schlossen die Kommunisten Priesterseminare und internierten etliche Geistliche. Erst ab 1956 entwickelte sich zwischen Staat und Klerus ein halbwegs friedliches Nebeneinander. Später verschlechterte sich das Verhältnis wieder, als sich Kirchenleute an die Seite der freien Gewerkschaft Solidarnosc stellten. Immer häufiger versuchte die Stasi nun, Priester ideologisch zu infiltrieren. Sie lockte mit Karriereversprechen und Auslandsaufenthalten, drohte, Alkoholexzesse oder Frauengeschichten öffentlich zu machen. Allzu sturen Patern hetzte man gar Schlägertrupps auf den Hals.

Vor allem um den Krakauer Kardinal Karol Wojtyla waren SB-Offiziere aktiv. Der spätere Papst gab die Parole aus, mit den Sicherheitsdiensten dürfe auf keinen Fall geredet werden. Er hielt sich dran, andere waren weniger standhaft. Bis zu 15 Prozent der Priesterschaft, darunter zahlreiche Bischöfe - so schätzen Historiker -, sollen mit dem Staat kooperiert haben.

Über fast alle legte der Sicherheitsdienst eine Akte an, hörte Wohnungen ab, protokollierte Privatgespräche. Wer wie Wielgus eine Verpflichtungserklärung unterschrieb, galt als besonders zuverlässig.

Doch selbst bei ihm ist schwer abzuschätzen, welchen Schaden er bei den ausspionierten Zielpersonen tatsächlich angerichtet hat. Ein Problem, das den Kirchenoberen über Jahre als Argument diente, die Aufarbeitung ihrer Stasi-Vergangenheit praktisch komplett zu verweigern.

»Der Fall Wielgus ist als Symptom einer tieferen Krise der Kirche zu verstehen«, sagt der Philosoph und Kirchenkenner Tomasz Terlikowski. Die Hierarchen seien immer noch »überaus empfindlich« gegen Kritik. Sie wehren sich dagegen, dass die polnische Öffentlichkeit bei kirchlichen Würdenträgern denselben Maßstab ansetze wie bei weltlichen Politikern. Es gehe nicht an, dass Kirchenfürsten bei Verfehlungen ausgetauscht werden wie korrupte Minister.

Vor allem die freie Presse ist dem konservativen Klerus ein Dorn im Auge. Primas Glemp hält die Affäre Wielgus noch immer vor allem für ein Komplott der Medien: »Ich bin überzeugt, dass das ein organisierter Angriff war, und es wird der nächste folgen«, diktierte er verblüfften Journalisten in die Mikrofone.

Doch die Zeit der Hardliner scheint nun vorüber. Józef Michalik, Chef der polnischen Bischofskonferenz und neben Glemp der starke Mann in der katholischen Kirche, hat den Wielgus-Rücktritt gutgeheißen. Am Freitag verhandelte Polens Episkopat über Stunden darüber, wie die Stasi-Vergangenheit aufgearbeitet werden solle. Eine Forderung: Nicht nur die Kirchenspione, sondern auch alle weltlichen Agenten, Zensoren und Schläger müssten eine gerechte Strafe erhalten.

Dafür fühlen sich die Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski (Kaczyński), der Präsident und der Premier Polens, zuständig. Lech hatte sich während der Messe, als Wielgus seinen Rücktritt bekanntgab, nicht zusammenreißen können und begeistert in die Hände geklatscht - um dann ob der Würde des Hauses erschrocken innezuhalten.

Die Brüder hatten schon als Oppositionelle im Umfeld Lech Walesas eine knallharte Abrechnung mit den Kommunisten verlangt. Jetzt wollen sie mit einem Sondergesetz den Stasi-Rentnern zu Leibe rücken. Während ein Lehrer heute höchstens 1200 Zloty (310 Euro) Pension kassiert, erhalten ehemalige Angehörige der Sicherheitsdienste etwa das Dreifache. Geht es nach den Kaczynskis (Kaczyńskis), sollen den Ex-Geheimdienstlern künftig nur noch 600 Zloty bleiben. »Wir wollen härter als bisher zuschlagen«, sagt Jaroslaw Kaczynski, »denn jetzt haben wir die Chance.« JAN PUHL

* Nach Wielgus' Rücktrittserklärung am 7. Januar.

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