Ende der Unschuld - DER SPIEGEL
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INTERNET Ende der Unschuld

Bislang interessierte kaum, was Journalisten ihren privaten Online-Tagebüchern anvertrauten. Der »Zeit«-Kulturchef bekam für sein Dampfgeplauder nun Riesenärger.
• aus DER SPIEGEL 4/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Groß nachgedacht hatte er wohl nicht, Jens Jessen, Feuilletonchef der »Zeit«, bevor er sich in seinem Bürostuhl vom Schreibtisch weg zur Kamera kurbelte und zu reden begann. Schließlich saß er nicht bei »Anne Will«, sondern nur in seiner Hamburger Bürowabe. Er plauderte für sein Videoblog, das jüngste Spielzeug für Journalisten im Internet.

So ein Online-Tagebuch in Videoform ist ein relativ neues Medium und bedient im Zweifel eher die eigene Eitelkeit als eine große Zielgruppe. Es gibt noch nicht viele Regeln, wie man sich zu verhalten hat. Eigentlich geht es nur darum, dass jemand in seinem Büro oder zu Hause in seiner Küche sitzt und redet. Was, ist egal. Über was auch. Es gilt als verpönt, vom Blatt abzulesen. Möglichst frei und spontan soll alles wirken, beinahe privat.

Der Rest ist Spielerei - die im Fall Jessen nun zum Politikum wurde. Und das sonst so Leichte wog plötzlich bleischwer.

Die Sache mit der U-Bahn-Schlägerei in München solle man vielleicht einmal aus einer anderen Perspektive sehen, sinnierte Jessen. Dann riss er sich argumentativ selbst mit fort.

Man frage sich, ob »dieser Rentner, der sich das Rauchen in der U-Bahn verbeten hat und damit den Auslöser gegeben hat zu einer zweifellos nicht entschuldbaren Tat«, nicht auch in einer Kausalkette zu sehen sei, quasi als Finale »einer unendlichen Reihe von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen«, die jugendliche Ausländer hierzulande ständig zu erleiden hätten. Es stelle sich die Frage, so Jessens Pointe, ob das Problem nicht in Wahrheit darin bestehe, dass es »zu viele besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen und vielen Deutschen auch«.

Schwer vorstellbar, dass Jessen diese Sätze auch in seiner Zeitung hätte unterbringen können. Es ist auch erst Jessens dritte Videobotschaft. »Die Form verführt zu einer leicht kabarettistischen, überspitzten Sprechweise, zur Polemik«, sagt er später.

Das ist in seinem Fall fatal. Er beherrscht das Bewegtbildmedium nicht im Ansatz. Die Ironie verpufft. Der Polemiker verhaspelt sich. Es ist ein bisschen peinlich und ziemlich öde.

Vor allem aber: So etwas kann eben ganz anders rüberkommen als gedacht. Doch die Kampagne, die nach dem Beitrag von Jessen einsetzte, ist kaum noch verhältnismäßig zu nennen.

Von Freitag vorvergangener Woche an kursierte das Video in rechtslastigen Internet-Foren und auf der Online-Plattform YouTube. Am Sonntag zeigte Roland Koch bei einem Wahlkampfauftritt in Wetzlar einen Ausschnitt aus dem Videoblog mitten in seiner Rede. Mittlerweile sind süffisant vorgetragene Jessen-Zitate fester Bestandteil in Kochs Reden.

Am Dienstag kritisierte dann »FAZ«-Mitherausgeber Frank Schirrmacher das Werk in seiner Zeitung als »bedauerlich«. Am Mittwoch fand Jessen sich in »Bild« am Pranger. »Der feine Kultur-Chef der ,Zeit' verhöhnt verprügelten Rentner«, wiegelte das Blatt auf. »Bild«-Autor Franz Josef Wagner forderte gar, der »Zeit«-Kulturchef solle ins »RTL-Dschungel-Camp": Mit Jessen hätte es »einen Kandidaten, vor dem Kakerlaken, Mehlwürmer, Spinnen und alles Glitschige auf dieser Welt Angst hätten«.

Anders als bei einem gedruckten Text, das erfährt Jessen auf diese Weise leidvoll, wird beim Videoblog die Person des Journalisten plötzlich selbst öffentlich. Er verkauft nicht nur einen Text, er verkauft sich selbst. Was Fluch und Segen zugleich bedeuten kann, wie TV-Leute längst wissen.

Die Redaktion der »Zeit« wurde überrollt von Anrufen und Mails zum Teil ziemlich üblen Inhalts. In einem rechtslastigen Web-Forum wurde dazu aufgerufen, »diesen Verrückten im eigenen Haus völlig unmöglich zu machen, indem wir alle seine Kollegen mit entsprechenden Mails beschicken«. Dutzendfach gab es Gewaltdrohungen. »Eine organisierte Meute«, sagt Jessen fassungslos.

Printjournalisten, die sich im Internet vor die Kamera stellen, sind trotz ihrer sonstigen Professionalität in diesem Fach allesamt noch blutige Amateure. Meist sieht man das. Manchmal ist es rührend zu beobachten, wie steife Grübler mit der Kamera flirten wollen oder, wie Jessen, sich vor der Kamera sichtbar unbehaglich fühlen. Doch bisher wurde jeglicher Dilettantismus weggelächelt.

Die Kritik war meist ästhetisch und beschränkte sich darauf, dass der eine Selbstdarsteller den anderen parodierte. Der Journalist Harald Martenstein spielte in seiner Videokolumne etwa den gleichfalls bloggenden SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek nach. Der revanchierte sich. Alles sehr harmlos. Man blieb ja unter sich.

Damit ist nun Schluss, glaubt auch Martenstein, der in seinem Videoblog am Küchentisch über Politik und Alltag plaudert. Die Reaktion auf Jessen bedeute »eine Zeitenwende in unserer kleinen journalistischen Welt«.

Bisher habe gerade das Handgestrickte und Uninszenierte den Reiz der Videoblogs ausgemacht. »Das ist eben nicht einfach kleines Fernsehen, sondern eine eigene Form, meinetwegen auch Kunstform«, sagt Martenstein. »Gerade deshalb wird im Fernsehen ja auch alles vom Teleprompter abgelesen, um keine Fehler zu machen und keine Skandale zu provozieren.«

Videoblogger hätten mit dieser Gefahr bisher nicht rechnen müssen. Doch die Zeit der Unschuld ist endgültig vorbei. Auch Jessen sagt: »Die Lust ist mir gründlich vergangen.«

MARKUS BRAUCK

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