VERBRECHEN Ende einer Ehe
Als der arbeitslose Bergmann Michael K. beschloss, den Teufelskreis seines Lebens zu durchbrechen, war er ganz ruhig. Es stieg keine Wut in ihm hoch, kein Schmerz, noch nicht einmal Angst - nur tiefe Gleichgültigkeit. Er saß reglos auf seinem Stammplatz auf der pastellfarbenen Fernsehcouch, zappte durch die Programme, und als die Leere in ihm immer gähnender wurde, kippte er ein paar Bier in sie hinein und ein paar Kräuterschnäpse hinterher.
Es war Silvester, und Michael K. war allein, zum ersten Mal seit 22 Jahren. Die beiden Töchter waren längst aus dem Haus, und Sabine - seine Sabine - hatte ihn einfach sitzenlassen, auf der Fernsehcouch, nach einem halben Leben, in diesem Einfamilienhaus, dem die Familie abhanden gekommen war. Diesmal tanzte sie mit ihrem Liebhaber ins neue Jahr, im »Kosma«-Saal, draußen auf den Dörfern.
Michael K. dachte kurz darüber nach, ob er sich »Dinner for One« im Dritten Programm anschauen sollte. Dann änderte er seine Pläne: Um 16.55 Uhr drehte er den Ton des Fernsehapparats leise, legte die Fernbedienung auf den kiefernen Couchtisch und wählte die Nummer der Polizei. »Guten Tag«, sagte er sachlich, »in unserem Keller sind zwei Babyleichen eingemauert. Seit 15 Jahren.«
Noch in der Silvesternacht wurden die Eheleute K. festgenommen, getrennt voneinander. Unter dem aufgestemmten Kellerboden ihres gepflegten Eigenheims am Stadtrand von Altenburg fand die Spurensicherung tatsächlich die Überreste zweier Säuglinge »unterschiedlichen Verwesungsgrades«. Nach ersten Obduktionsergebnissen soll zumindest ein Kind, ein Mädchen, zum Zeitpunkt der Geburt »voll ausgebildet« und lebensfähig gewesen sein.
Michael K., 48, gab bei seinen Vernehmungen an, die toten Kinder bereits »Anfang und Mitte der neunziger Jahre« im heimischen Souterrain entsorgt zu haben, auf Wunsch seiner Frau. Sabine K., 44, räumte gegenüber der Kripo ein, heimlich zwei Babys geboren zu haben, Frühgeburten allerdings, die bereits tot zur Welt gekommen seien.
Pünktlich zum neuen Jahr konnte der Boulevard der Republik eine jener Gruselgeschichten präsentieren, die mit den Worten »grausiger Fund« beginnen und in denen die bange Frage gestellt wird, wie so etwas möglich sein kann, in einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, zivilisiert zu sein. Warum haben die Eltern, gegen die jetzt wegen Totschlagsverdachts ermittelt wird, all die Jahre geschwiegen? Warum haben sie damals keinen Arzt gerufen? Warum hat niemand die Schwangerschaften bemerkt?
Und: Spielt die Schauergeschichte nicht in Thüringen, mitten im »proletarisierten« Osten, den Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) erst vor einem halben Jahr in Kollektivhaftung genommen hatte, nachdem man bei Frankfurt (Oder) neun tote Neugeborene in Blumenkästen entdeckt hatte?
Antworten gibt es kaum, nicht damals und nicht heute, und schon gar keine einfachen. Kriminalisten zählen jährlich konstant 20 bis 30 Säuglingstötungen, und zwar bundesweit. Erklärungen sind eher in der leisen, irrationalen Welt zwischenmenschlichen Zusammenlebens zu suchen, im privatesten Privatleben, dessen Bewerkstelligung scheinbar immer komplizierter wird und das viele Menschen schlicht überfordert.
Das Streben nach individueller Freiheit und die Sehnsucht nach familiärer Sicherheit bilden längst einen Spannungsbogen, der Persönlichkeiten brechen kann, zumal das eigene Leben ständig mit der medialen Welt der Reichen, Schönen und Glücklichen konkurrieren muss. Im Extremfall kann so etwas tödlich enden - so wie im thüringischen Altenburg.
Da ist Michael K., der ehemalige Bergmann. Zu Ostzeiten schuftete er als Dammbauer in den Uranerzminen der Wismut, ein Haudegen des Sozialismus, mit breitem Kreuz, schnoddrigem Charme und Sonderzulage in der Lohntüte. Ein Kerl, der was hermacht, privat und in Gesellschaft. Da ist Sabine, die schöne, resolute Tochter des Parteisekretärs, die keine Lust mehr hat auf ihr langweiliges Studium als »Ingenieurin für Ver- und Bearbeitung pflanzlicher Produkte« und stattdessen lieber als Kindergartenhelferin in der Kindertagesstätte »Nord 6« arbeitet.
Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, als sich die beiden im Januar 1981 über den Weg laufen. Schüchterne Treffen, Tanz im Volkshaus, ein verstohlener Kuss - über die erste gemeinsame Nacht wird später im Hochzeitsalbum das schlichte Fazit zu lesen sein: »Keine Vorkommnisse«. Im September 1983 dann, die älteste Tochter ist gerade auf die Welt gekommen, wird geheiratet - eine zünftige Feier im Clubhaus der Altenburger Kaninchenzüchter, mit Kurzen, Bier und Glückwünschen. »Nur das, was ihr jetzt selbst erreicht, bleibt auch für die Zukunft von Bestand.«
Die junge Familie erreicht in den folgenden Jahren immerhin ein Stück real existierenden Wohlstand. Ein beschauliches Leben in der DDR-Bürgerlichkeit des Einfamilienhauses, das Sabines Großmutter gehört; eine zweite Tochter, um die sich die junge Mutter aufopferungsvoll kümmert, als die Kleine wochenlang im Kinderhospital liegen muss und der sie Medizin aus dem Westen besorgt; ein Familienhund und sicheres Einkommen.
Der Bestand des Staates, in dem die K.s leben, pulverisiert sich indes von selbst. Kurz nach der Wende wird Michaels Arbeitsplatz abgewickelt, erst null Stunden Kurzarbeit, dann eine Abfindung, die gerade so für den ersten Westurlaub der Familie reicht: zwei Wochen Türkei, Halbpension, Lastminute von Neckermann. »Die beste Zeit meines Lebens«, sagt Michael K., obwohl er die Türken eigentlich »nicht besonders mag«. Sabine war nicht gerade begeistert, als er damals aus dem Reisebüro kam und sie mit den Tickets überraschte.
Vielleicht hat er damals schon angefangen, dieser seltsame, schleichende Bruch zwischen zwei Menschen, den man nicht richtig kapieren kann, obwohl man Tag und Nacht zusammen ist. Sabine arbeitet weiter als Kindergärtnerin, ihr Mann macht eine Umschulung zum EDV-Kaufmann, und jeder rückt ein Stück weiter in seine eigene Welt. Der Ton wird stumpfer, befehlsartiger, was soll man schon groß reden? Als Michael seiner Frau eine Gitarre schenkt und ein paar Unterrichtsstunden dazu, verliert sie bald die Lust an dem neuen Instrument, und das Einzige, was Michael dazu sagt ist: »Schade um das Geld«.
Und dann sei es schließlich passiert. An dem Tag, an dem er mit den Töchtern im Garten seiner Eltern war, um den alten Kirschbaum zu fällen. Das Datum weiß er nicht mehr, noch nicht mal das Jahr - »irgendwann, Anfang der Neunziger« sei er jedenfalls nach Hause gekommen und habe Sabine weinend auf dem Fußboden gefunden, halb im Bad, halb im Korridor. Er habe die Kinder in ihr Zimmer geschickt und gefragt, was los sei. Sie habe ein Kind geboren, habe Sabine unter Tränen geantwortet, ein totes - von ihm natürlich, von wem denn sonst! Es läge oben, auf dem Dachboden, in einem Deckchen. Er solle auf keinen Fall hineinsehen. Nein, sie wolle keinen Arzt, zu niemanden ein Wort.
Michael sagt, er habe gehorcht und verdrängt und gehandelt wie eine Maschine. Das Bündel Mensch in den Keller getragen, die Backsteine des Bodens gelockert und ein kleines Grab ausgehoben. Hätte er von der Schwangerschaft etwas bemerken müssen? Sabine hatte zugenommen, sicher. Aber weitergequalmt wie ein Schlot, f6-Zigaretten, von früh bis spät.
Das Kleine hätten sie schon irgendwie durchgekriegt, aber das hätte bedeutet, dass man noch mal 18 Jahre hätte zusammenbleiben müssen. Kein Problem für ihn. Aber für Sabine? Jetzt war es eh zu spät.
Michael goss Beton über das Kind, und versiegelte das Geheimnis wie einen alten Erzstollen. Was er dabei fühlte? »Nichts«, sagt er, und die Augen wirken noch leerer als sonst. »Das hat ja nicht gelebt, man hatte ja keinen Bezug dazu.« Es sei schon komisch: Als seinerzeit Nora, der Familienhund, gestorben sei, habe er ihn extra
zum Tierfriedhof gefahren; Bestattung für 250 Euro, Grabplatte inklusive. Der Hund, »so schlimm das klingt«, habe ein besseres Begräbnis gekriegt als das tote Kind, das jetzt unter dem Podest der Waschmaschine lag und das Sabine fast täglich besuchte, weil sie anfing, wie wild zu waschen, »unten beim Grab«.
Eine heilere Welt fand sie nur bei der Arbeit: im Kindergarten, wo sie ganz liebevolle Erzieherin sein konnte, Fasching feierte mit den Kleinen und ihnen das Märchen vom »Zuckertütenbaum« erzählte, den man ordentlich gießen muss, damit Zuckertüten auf ihm wachsen, wenn die Kinder in die Schule kommen.
Privat verstrickte sie sich dagegen in einen Teufelskreis. Während sie sich immer weiter von Michael entfernte, fesselte sie das Kind im Beton immer enger an ihren Mann. Es war wie ein geheimer Pakt, aus dem keiner der beiden aussteigen konnte und der aufs Neue besiegelt wurde, als Sabine Mitte der Neunziger ein zweites heimliches Kind gebar - und Michael ein zweites Mal in den Keller stieg. Wieder will niemand etwas bemerkt haben, er nicht, die Töchter nicht, niemand. Wieder habe ihn seine Frau gebeten, niemandem etwas zu erzählen. Mit wem sollte er auch darüber sprechen? »Hast du das Kind an die Wand geklatscht?«, immerhin das wollte er von seiner Frau wissen - keine Reaktion. »War es ein Junge oder ein Mädchen?« - Achselzucken.
Das Schweigen wurde immer schlimmer. Nachdem Michael 1998 arbeitslos geworden war, lebten sie fortan hauptsächlich von den knapp 1000 Euro, die seine Frau nach Hause brachte. Er habe immer öfter getrunken, sich »einen gelötet«, damit das Vergessene vergessen bleibt. Irgendwann habe er Sabine gefragt, wie es denn weitergehen solle. »Wenn die Töchter aus dem Haus sind«, habe sie ihm geantwortet, »dann häng ich mich auf.«
Sabine hat sich entschieden weiterzuleben. Sie hat einen neuen Freund gefunden, einen alten Arbeitskollegen von Michael, und ihrem Mann erzählt, dass sie jetzt die Wochenenden mit ihrem Liebhaber verbringt. Es gab Streit, und irgendwann sagte Michael einen Satz, den er in dem Film »Das Schweigen der Lämmer« aufgeschnappt hatte: »Quid pro quo - das eine gegen das andere.« Wenn sie so weitermachen würde, käme alles heraus. Alle Welt würde erfahren, was unten im Keller liegt.
Sabine habe ihm nicht geglaubt - bis zur Silvesternacht. In Handschellen war Michael zum Erkennungsdienst gebracht worden, der im alten Standesamt von Altenburg untergebracht ist, dort wo er Sabine vor 22 Jahren geheiratet hatte. Getrennt, auf der anderen Seite des Korridors, brachten sie Sabine herein. Durch das Lüftungsgitter habe er sie weinen gehört. Doch statt »Befriedigung«, sagt er, habe er nichts gespürt. Nicht das Geringste. SVEN RÖBEL