Engel der Armen - DER SPIEGEL
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Argentinien Engel der Armen

Die Volksheldin Evita Peron ersteht wieder auf - gespielt von Madonna. Argentinien läuft Sturm gegen die vermeintliche Blasphemie.
• aus DER SPIEGEL 7/1996
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Die Dame, die am Samstag abend das Restaurant »Patagonia« in Buenos Aires betrat, trug ein schwarzes Kleid im Stil der frühen fünfziger Jahre, die blonden Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengesteckt. Durch braungefärbte Kontaktlinsen blickte sie den Kellner an und bestellte gegrillten Lachs und Limonencreme. »Wie der Geist von Evita«, raunten die Gäste einander zu.

Auch ältere Argentinier, die das Armen-Idol Evita Peron noch erlebt haben, sind beeindruckt, wenn Madonna, 37, im Evita-Kostüm durch das Nachtleben von Buenos Aires zieht. Seit drei Wochen hat sich der US-Popstar in einem Luxushotel einquartiert, um sich auf die Dreharbeiten für die Verfilmung der Pop-Oper »Evita« vorzubereiten, die Ende vergangener Woche begannen. Jeden ihrer seltenen Ausflüge in die Stadt inszeniert sie als Happening.

Im Evita-Dreß ließ sie sich zur Nationalbibliothek chauffieren, um Bücher über den Peronismus zu studieren; als Evita besichtigte sie Schauplätze, an denen der »Engel der Armen« einst die Massen aufgestachelt hatte. Solche Auftritte sollen die skeptischen Argentinier überzeugen, daß die kunstblonde Amerikanerin das Massen-Idol, das 1952 im Alter von 33 Jahren an Krebs starb, würdig verkörpert. Denn vor allem Peronisten befürchten, daß Madonna nur eines im Sinn habe: den Mythos Evita vom Sockel zu stoßen.

Der Film sei »ein Angriff auf unsere Geschichte, eine Beleidigung unserer Würde, eine wüste Lüge«, wetterte die peronistische Abgeordnete Marta Rivadero, bevor die Dreharbeiten überhaupt begonnen hatten. Madonna werde Evita als Prostituierte verleumden, befürchtet Horacio Corzo von der »Stiftung Eva Peron«. Der Bischof der Provinzstadt Mercedes will den Popstar vorsorglich in seinen Segen einschließen: Christus werde »alle gefallenen Frauen« auf den Pfad der Tugend zurückführen.

Der Streit um den Film entzündet sich vor allem am Drehbuch, das auf dem Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice beruht. In Argentinien ist die Pop-Oper verfemt.

Schon US-Regisseur Oliver Stone wollte »Evita« vor zwei Jahren in Argentinien verfilmen. Beim gemeinsamen Essen sicherte der peronistische Präsident Carlos Menem ihm Unterstützung zu - bis er das Buch las: Das Musical zeigt Evita als machtbesessene Frau, die sich ihren Weg nach oben erschläft. »Ihr einzig Gutes hat sie zwischen den Schenkeln«, singt der Chor.

Unbekümmert um historische Fakten, läßt der Autor in der Abschlußszene Che Guevara mit Evita Tango tanzen. In Wahrheit hatte der Revolutionär die Präsidentengattin nie getroffen.

»Blasphemie«, heulten die Peronisten auf, in Buenos Aires kam es zu Proteststürmen. Menem zog seine Zusage zurück, der verstimmte Stone gab das Projekt auf. Jetzt leitet der britische Regisseur Alan Parker ("Angel Heart") die 60-Millionen-Dollar-Produktion. Hollywoods neuer Latino-Star Antonio Banderas spielt Che, der britische Darsteller Jonathan Pryce verkörpert den Präsidenten Juan Peron. »Parker erntet den Sturm, den Stone gesät hat«, klagte Madonna der Zeitschrift Gente.

»Madonna raus! Es lebe Evita!« haben wütende Peronisten auf Mauern und Hauswände in Buenos Aires geschmiert. »Macht keinen Quatsch mit Evita«, warnen Transparente im Stadtzentrum. Ein Abgeordneter schlug vor, Parker und sein Team auszuweisen.

Menem, der mit seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik den Peronismus zu Grabe getragen hat, sah eine Chance, sich bei den verbitterten Alt-Peronisten wieder einzuschmeicheln. Das Musical sei eine verleumderische Interpretation von Evitas Leben: »Die Massen, die an die Märtyrerin Evita glauben, werden das nicht hinnehmen.« Er verbietet Parker bislang, im Regierungspalast zu drehen. Vom Balkon der »Casa Rosada«, wo Peron und Evita zu ihren Anhängern sprachen, soll Madonna laut Drehplan »Don't cry for me, Argentina« in die Menge schmalzen.

Gleich nach seiner Ankunft in Buenos Aires versuchte der Regisseur, die Gemüter zu besänftigen: »Wir wollen uns an die geschichtliche Wahrheit halten.«

Doch was ist historisch korrekt? Evita ist längst Legende, Lüge und Wahrheit sind kaum zu trennen. »In diesem Jahrhundert hat Lateinamerika zwei Mythen hervorgebracht: Che Guevara und Evita Peron«, sagt der Peronist Horacio Corzo. »Evita und Che zählen zum Kulturerbe der Menschheit.«

Die Peronisten vergöttern Evita als Heilige, als Engel der »descamisados«, der Hemdlosen. Eva Peron, geborene Duarte, war ein armes, uneheliches Kind aus der Provinz - drei Merkmale, die im Argentinien der dreißiger Jahre ihre Zukunft besiegelt hätten. »Ihr einziges Kapital war ihr Körper«, sagt der Schriftsteller Jose Pablo Feinmann. »Das hat sie ausgenutzt.«

Sex, so befinden auch seriöse Historiker, war für Evita Mittel zum Zweck: »Mir ist es egal, mit wie vielen Frauen du schläfst«, soll sie zu Peron kurz vor ihrem Tod gesagt haben. »Aber sorge dafür, daß ich unsterblich werde.«

Das ist sie bis heute. Ihren Leichnam schaffte das Militär beim Putsch gegen Peron 1955 außer Landes, weil es Unruhen befürchtete. Die Regierung ließ die Peronisten gnadenlos verfolgen. Der Mythos Evita wuchs ins Unermeßliche.

Weniger nationalistische Argentinier können Parkers Film auch positive Seiten abgewinnen: Von den 60 Millionen Dollar Produktionskosten würden »mindestens zehn Prozent« in Argentinien investiert, rechnete der Buenos Aires Herald vor: »Das schafft 5000 Zeitarbeitsjobs mitten im Sommerloch.«

Am Ende, lästert das antiperonistische Blatt, könnte sich 44 Jahre nach Evitas Tod ihr berühmtester Ausspruch bewahrheiten: »Eines Tages werde ich zurückkehren«, hatte die von der Krankheit Gezeichnete ihren Anhängern vom Balkon der Casa Rosada zugerufen. »Und dann bin ich Millionen« - sie dachte allerdings an Menschen, nicht an Dollar. Y

»Das schafft 5000 Jobs mitten im Sommerloch«

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