Jugend Enterbte Erben
Während einer Demonstration gegen Rassismus auf dem Frankfurter Römerberg mischten sich plötzlich Skinheads unter die Leute und verteilten irritierende Lektüre: »Für uns steht fest«, stand da auf knallgelben Flugblättern, »daß Probleme nicht mit den Mitteln der Gewalt auf den Rücken Unschuldiger ausgetragen werden dürfen.« Und: »Keine weitere Verharmlosung Rechtsradikaler.«
Die Kundgebungsteilnehmer staunten. Denn die Handzettelverteiler, die mit ihren rasierten Schädeln so aussahen, wie sich Normalbürger junge Rechte vorstellen, waren zwar Skins, aber keine Rechtsradikalen.
Skin, englisch für Haut, ist nicht gleich Skin. Die Linken nennen sich »Redskins« (Rothäute) und beschimpfen die Rechten als »Boneheads« (Knochenköpfe). Und die Flugblattverteiler von Frankfurt gehören zu einer Bewegung, die sich »Sharp« nennt ("Skinheads against racial prejudice«, Skinheads gegen rassistische Vorurteile).
Aktivisten der 1988 in den USA entstandenen Fraktion, die es mittlerweile auch in Großbritannien, Belgien, Holland und Deutschland gibt, treten der Unterstellung entgegen, wer eine Glatze trage, sei auch ein Fremdenfeind. Gegen die politische Fehleinordnung wehren sie sich in eigenen Zeitschriften und mit Flugblättern, auf Demonstrationen und manchmal auch mit bloßen Fäusten.
Uli, 35, Redakteur beim Berliner Glatzenblatt Skintonic, schätzt die gesamte deutsche Skinhead-Szene auf etwa 6000 Personen; rund 2000 davon kaufen seine Zeitung. »Grob geschätzt«, sagt er, »ist ein Drittel der Skins nicht rechts. Das heißt nicht unbedingt, daß sie links sind, sie sind eben keine Rassisten.«
Bei einer Keilerei zwischen linken und rechten Skins im Anschluß an ein Konzert der »Beck's Pistols« in Düsseldorf blieb der politische Hintergrund der Auseinandersetzung verborgen. »Keiner blickte durch«, erinnert sich Skin Axel, »auch die Polizei nicht.« Bilanz der Straßenschlacht: Zehn Verletzte, einer davon lebensgefährlich - ein Sharp-Skin lief in ein Messer.
So heftig geht es zu, seit sich ein Teil der Rasierten wieder auf die Ursprünge der Bewegung besinnt: Fußball und Bier, Prügeleien, Ska und Reggae - alles, was Spaß bringt und im Zweifel das Establishment erschreckt.
Als fröhlich raufende Saufkumpel machten Skins schon vor rund 20 Jahren in Großbritannien brutal Front gegen die »Mods«, die sich Motorroller, schicke Freundinnen und teure Klamotten leisten konnten. Weil mittellos, waren Skins auf ihren Körper angewiesen: In Tugenden wie Kraft, Männlichkeit und Trinkfestigkeit sahen diese Jugendlichen die einzige Chance, sich überlegen zu fühlen. So ging es bereits Ende der sechziger Jahre hart zur Sache, wenn Portemonnaie-Besitzer im Lebensumfeld auftauchten, zum Beispiel in Fußballstadien, die Skins traditionell als ihr Territorium begreifen.
Den Punks galt »No Future« oder »Null Bock« als Motto, den Skins dagegen »Joy«, das inzwischen nur noch »Oi« heißt. Viele Unterschiede, aber ein gemeinsamer Gegner: Skins und Punks haßten inständig das liberale Establishment der Ära nach der Studentenbewegung. Häufig arbeitslos, fühlten sich britische Skins vom »Chancengleichheits-Gelabere der Sozialarbeiter-Fuzzis« betrogen und von der Gesellschaft ausgestoßen. Skins seien, schrieb der britische Soziologe John Clarke, in der Jugendkultur die »enterbten Erben«.
»Pakis verdreschen«, »Schwule ticken«, anfangs ein Ausdruck jugendlicher Bandenmentalität, wurde immer mehr zur reaktionären Äußerungsform eines Protests, den linke Forscher für einen Ausdruck alter Klassenkonflikte hielten: Wo der Sozialstaat nicht mehr helfen konnte oder wollte, fand die »dominante Kultur in der Jugend den populären Buhmann aus den Alpträumen des Volkes«, analysierten britische Soziologen in den siebziger Jahren. Teddyboys, Mods, Rocker, Hippies, teilweise sogar Punks - sie alle wurden integriert, doch Skins gehören bis heute zu »einer Art gefährlicher außerirdischer Lebensform«, »irgendwo zwischen Massenmördern und Höllenhunden angesiedelt«, so der Skin-Historiker George Marshall.
Politisch aktiviert wurden Teile der Bewegung Mitte der siebziger Jahre. In England hatte die rechtsextreme »National Front«, in Deutschland die wiedererstarkte extreme Rechte, ein Jahrzehnt später, entdeckt, daß die Rauflust der kahlköpfigen Subproleten nützlich sein könnte.
Systematisch wurden Skins als Ordner angeworben, und spätestens beim Musikfestival in Reading 1978 brach der Konflikt zwischen rechten und linken Fans offen auf: Sänger Jimmy Pursey von der Gruppe Sham 69 - damals gleichermaßen Punk- wie Skin-Idol - verließ heulend die Bühne, als ihm Dutzende von »Glatzen« mit Hitlergruß salutierten.
Die Schere öffnete sich: Punks befruchteten fortan die Szene der Autonomen, Skins die der Rechten. Und daß sich jetzt die Szene politisiert, ist bei den Glatzen umstritten.
Dem Mönchengladbacher Skin-Aktivisten Markus, 26, bleibt dabei »der Fun-Gedanke auf der Strecke«. Er betreibt einen Oi-Schallplattenversand und ärgert sich vorwiegend darüber, daß die schmalen Gewinne nicht reichen, um die Total-Tätowierung seines Körpers zu finanzieren. Als einer der Prominenten in der Szene besteht er darauf, »daß wir keine rechten Schweine sind - mir wäre es lieber, wenn ,Sharp' gar nicht sein müßte«.
Sein Ex-Wohngenosse Axel, 22, hat auch schon die Spielverderber ausgemacht: »die Ost-Glatzen«. Skintonic pflichtet ihm bei: »Im Osten sieht es politisch ganz übel aus.« Erst nach der Maueröffnung habe die Bewegung einen entscheidenden Schub nach rechts erhalten.
Nun beginnt die Gegenbewegung zu wirken. Schon sind die ersten Knochenköpfe zu den linken Skins übergelaufen. Xaver, 23, der als 16jähriger Klempnerlehrling zu den Faschisten gestoßen war, fragt sich heute, »warum überhaupt. Irgendwie war ich Mitläufer, hirnverbrannt«. Die Frankfurter Szene überzeugte, nach hitzigen Diskussionen am Stammtisch, irregeleitete Skins, aus der rechtsextremen FAP auszutreten.
Selbst die Band Böhse Onkelz, wegen rechtsextremer Texte in den achtziger Jahren noch heute zur rechten Szene gerechnet, geht seit drei Jahren aggressiv gegen Fascho-Fans vor: Ein eigener Ordnerdienst reist auf Tourneen mit und zerrt bei Konzerten jeden zahlenden Gast vor die Tür, der die Rechte zum Hitlergruß reckt.
Auf dem Skin-Treffen, das traditionell zur Jahreswende im Dreiländer-Eck bei Aachen stattfindet, sind Rechte inzwischen unerwünscht: Antirassistische Skins haben dafür gesorgt, daß Rechtsradikale sich dort kaum mehr blicken lassen. »Da kommen«, sagt Redskin Martin, 26, »nur noch die Unverbesserlichen aus dem Ausland, die nicht wissen, was hier abgeht.«
Skin-Frau Beate, 23, stand kürzlich als Zeugin in Hamburg vor Gericht. Ihr Freund hatte gemeinsam mit einem Kumpel zwei »rechte Glatzen« nach einem Hitlergruß aus einer Reeperbahn-Disko gescheucht. Draußen trafen sie auf zwei Zivilfahnder der Hamburger Kripo im Skinhead-Look, die dazwischen gingen. Folge: »Die Bullen kriegten einen Teil der Prügel ab.« Folge zwei: Die linken Skins wurden verurteilt, die rechten gingen straffrei aus.
Schlägereien zwischen beiden Fraktionen sind inzwischen fast unausweichlich, allerdings mit einer hohen Dunkelziffer. Denn in einem sind sich die zerstrittenen Glatzen nach wie vor einig: »Bullen raus!« Konflikte werden mit dem Faustrecht ausgetragen - vorausgesetzt, die Skins erkennen einander.
Denn neuerdings greifen rechte Boneheads zu Tarnmaßnahmen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtete, daß äußere Erkennungszeichen gefährlich werden: »Die lassen ihre Haare wachsen.«