Entscheidung im Granit-Staat - DER SPIEGEL
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Entscheidung im Granit-Staat

Im Präsidentschaftswahlkampf ist der US-Bundesstaat New Hampshire der erste wichtige Testplatz. Wie in einem Mikrokosmos spiegeln sich dort die Folgen von Wirtschaftskrise und nationaler Unzufriedenheit. Um sich gegen seine Herausforderer behaupten zu können, muß George Bush härter kämpfen, als ihm lieb ist.
• aus DER SPIEGEL 8/1992
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James R. Saint Jean ist in New Hampshire eine Rarität. Im Herzen Neu-Englands, wo Arbeitslosigkeit, Armut und Pleiten schneller angewachsen sind als sonstwo in den rezessionsgeplagten USA, hat der Geschäftsmann derzeit gut zu tun.

»Wir handeln mit äußerst günstigen Grundstücken«, umschreibt er verschämt das Arbeitsfeld seiner Firma. Saint Jean versteigert Immobilien in Manchester, der größten Stadt des kleinen Staates, in dem an diesem Dienstag die erste Vorwahl im Rennen um die Präsidentschaft stattfindet.

Die Geschäftsbücher der Saint Jean Auctioneers belegen, warum diesen Wahlkampf nur ein Thema wirklich prägt: die schlechte wirtschaftliche Lage - und die daraus folgende düstere Stimmung, die sich bleischwer vor allem über die Auftritte des um seine Wiederwahl kämpfenden George Bush gelegt hat (siehe Seite 146).

»Wir waren der amerikanische Traum«, sagt Saint Jean. Heute bezeichnet er sich als »Resteverwerter« der geplatzten Hoffnungen.

Bis 1988 bot seine Firma pro Jahr kaum zwei Dutzend Immobilien feil. 1989 schnellte die Zahl der zumeist zwangsversteigerten Häuser auf 500, im Jahr darauf verdreifachte sie sich und kletterte 1991 gar auf 1800 - Tendenz weiter steigend. Saint Jean, seit zehn Jahren Mitglied des Senats in der nur 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Concord, schätzt, daß »90 Prozent meiner Landsleute mittelbar oder unmittelbar von der Immobilien-Katastrophe betroffen sind«.

Der Schock über den Niedergang sitzt tief im »Granit-Staat«, der diesen Namen nicht nur seinem felsigen Fundament verdankt, sondern auch der als fast ebenso unverwüstlich gerühmten Natur seiner Bewohner und ihrer Wirtschaftskraft. Jetzt ist der Optimismus dahin:

Innerhalb von drei Jahren wuchs die Arbeitslosigkeit um das Dreifache, 52 000 Menschen können sich nur noch mit Hilfe von staatlichen Lebensmittelgutscheinen ernähren.

»Jobs« waren gefragt, wo immer sich die Kandidaten zeigten - schlecht für Bush, der noch vor einem Vierteljahr nicht wahrhaben wollte, daß Amerika in einer Krise steckt. Viel energischer als zunächst geplant muß sich der Präsident, der erst am Mittwoch voriger Woche offiziell seine Kandidatur für die Wiederwahl anmeldete, der ätzenden Kritik seines konservativen Gegenkandidaten Pat Buchanan erwehren.

Doch auch bei den Demokraten hat der ökonomische Einbruch zu heftigen Verschiebungen geführt. In New Hampshires Industriezentren neigten ihre Anhänger stets dazu, linksliberale, den Gewerkschaften nahestehende Bewerber zu bevorzugen. Das würde normalerweise den Bergarbeitersohn und Iowa-Senator Tom Harkin begünstigen. Aber die traditionelle Vorherrschaft der Gewerkschaften ist gebrochen, die Parteibasis hat sich verändert.

In Claremont etwa, wo noch in den sechziger Jahren die Führer von rund 4000 organisierten Arbeitern die Lokalpolitik beherrschten, leben heute nur noch 250 Gewerkschaftsmitglieder.

Und in Salem im dichtbevölkerten Süden des Staates ist der Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeiter noch viel geringer. Hier waren während des Reagan-Booms Angestellte zu Jobs und zu Wohlstand gekommen, vielfach in Computer- und Wehrtechnik-Unternehmen, die ihre Existenz allein den gigantischen Verteidigungsausgaben verdankten.

Hier im Süden New Hampshires wuchsen Städte und Gemeinden in den vergangenen beiden Jahrzehnten so rasch, daß die Gesamtbevölkerung um die Hälfte auf über eine Million anstieg. Hier erzielten Grundstücke bis in die zweite Hälfte der achtziger Jahre monatliche Wertsteigerungen von bis zu drei Prozent.

Um so härter wirkt sich nun die Rezession aus. Die Bankenkrise, sinkende Verteidigungsausgaben und öffentliche Finanznot zwangen Firmen und Privatleute in den Bankrott.

Die Schar frustrierter Wähler, die sich deswegen vor allem von Bush verraten fühlt, ist die wichtigste Zielgruppe für den Rechten Buchanan wie für das Feld der fünf Demokraten.

Zwar geht es in New Hampshire nur um wenige hunderttausend Wählerstimmen. Aber als Start- und Testplatz des Präsidentschaftswahlkampfes kommt der Abstimmung im Kleinstaat exemplarische Bedeutung zu. 1988 hatte sich Bush mit einem grandiosen Vorwahlsieg den Weg ins Weiße Haus gebahnt. Wer dagegen hinter die Erwartungen zurückfällt, muß seine Ambitionen auf die Präsidentschaft oft jäh begraben.

Das könnte nun ausgerechnet dem bisherigen Spitzenkandidaten der Demokraten, Bill Clinton, passieren.

New Hampshires meist gut ausgebildeten und informierten Wählern kommt es vor allem auf zwei Dinge an: Sie wollen wissen, was ein Kandidat gegen ihre Notlage zu tun gedenkt; und sie wollen sicherstellen, daß der, dem sie ihre Stimme geben, auch wirklich Siegeschancen hat.

Clinton, der erfolgreiche Gouverneur aus Arkansas, schien dafür die besten Voraussetzungen zu bieten. Eloquent und detailreich verbreitete er seine Botschaft. Und er galt als »wählbar« im ganzen Land, vor allem im Süden der USA, wo die Demokraten seit Jimmy Carter keinen erfolgreichen Kandidaten mehr aufbieten konnten.

Doch inzwischen blutet der Favorit aus vielen Wunden: Stories über angebliche Frauengeschichten trübten sein Image, _(* Mit Ehefrau Hillary. ) Berichte über Versuche, vor 23 Jahren dem Wehrdienst in Vietnam durch Tricks zu entgehen, richteten weiteren Schaden an. In einem Brief aus dem Jahre 1969, der dem Fernsehsender ABC zugespielt wurde, hatte sich Clinton bei einem Förderer bedankt, daß der ihn »vor der Einziehung zum Militärdienst bewahrt« habe.

Zeitungen und TV-Moderatoren berichteten nicht mehr über Clintons Wahlprogramm, sondern nur noch über den vermeintlichen Drückeberger - eine »schwere Hypothek«, wie Mitarbeiter des vor 14 Tagen beinahe sicheren Vorwahlsiegers einräumten.

Nutznießer dieses Niedergangs war Paul Tsongas, der mit einem unternehmensfreundlichen Wahlprogramm sogar unter Gewerkschaftern Anklang fand. »Er sagt auch unangenehme Wahrheiten«, lobten viele Freunde des Ex-Senators aus Massachusetts.

Ein Sieg des Mannes, der noch vor kurzem als krasser Außenseiter galt, würde die Demokraten in eine schwierige Lage bringen. Dem vom Krebs genesenen Tsongas traut kaum jemand einen landesweiten Erfolg zu - er hat schon jetzt kaum noch Geld in der Wahlkampfkasse und verfügt in den meisten anderen US-Staaten noch nicht einmal über eine schlagkräftige Organisation.

Zudem setzte auch gegen den neuen Favoriten sofort eine Zermürbungskampagne ein: Zweifel an seiner Gesundheit wurden gestreut, Fragen nach seinen Aktivitäten als Lobbyist gestellt.

Sollten die eigenwilligen New-Hampshire-Wähler ihn dennoch zu ihrem Favoriten für die Kür des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers machen und damit der Clinton-Kampagne einen womöglich entscheidenden Schlag versetzen, »wird einer der Großen in den Wahlkampf eintreten«, glaubt ein demokratischer Parteifunktionär.

Der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Richard Gephardt, und der texanische Senator Lloyd Bentsen werden bereits als Retter in der Not genannt - und natürlich der unvermeidliche New-York-Gouverneur Mario Cuomo, der vor zwei Monaten öffentlich seinen Verzicht kundgetan hatte. Das hinderte ihn nicht daran, am vorigen Mittwoch in Boston mit einer fulminanten Attacke auf Bushs Sozialpolitik seine herausragenden Qualitäten als Wahlkämpfer zu demonstrieren.

Für den überzeugten Demokraten Joe Walsh, der nach der Pleite seines Dekorationsbetriebs schließlich einen Job in der Bibliothek der High School des alten Eisenbahnknotenpunkts Keene gefunden hat, ändert das wenig. Vorletzte Woche trug er ein Werbeschild für Tsongas durch die Stadt. Doch in Wahrheit könne ihm der Ausgang eigentlich gleich sein, flüstert er so leise, daß die anderen Tsongas-Helfer ihn nicht hören. »Ich bin eh ein gebrochener Mann.«

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_145_ USA: New Hampshire

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* Mit Ehefrau Hillary.

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