INDOCHINA Entweder - oder
Rund 1 413 000 000 000 Franken (etwa 17 Milliarden Deutsche Mark) und über 30 000 französische Tote (nicht gerechnet Fremdenlegionäre) kostete Frankreichs Krieg in Indochina bisher.
Vorletzte Woche legte der Staatssekretär im französischen Verteidigungsdepartement, Pierre de Chevigné, seinem Chef, Minister René Pleven, eine Denkschrift vor. Inhalt: Frankreich muß entweder Indochina räumen oder die Ratifizierung des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) ablehnen.
Zu den finanziellen Gründen, die für die Räumung Vietnams sprechen, sind inzwischen eine Reihe von militärischen gekommen:
* Trotz des Einsatzes von 270 amerikanischen Bombern und Aufklärern ist es den roten Vietminh in der vergangenen Regenzeit gelungen, den Aufmarsch von 72 000 Mann im Thai-Gebirge unbemerkt durchzuführen.
* Trotz aufgeweichten Bodens und unwegsamen Gebirgs-Geländes konnten die Vietminh große Mengen 120- und 145-mm-Grabenmörser und neue
russisch-tschechische 80-mm-Gebirgsgeschütze in ihre Bereitstellungsräume transportieren. Sie widerlegten damit die zur Zeit für die Atlantikpakt-Streitkräfte gültige amerikanische Theorie, wonach schweres Geschütz-Material dem leichten vorzuziehen sei. (Frankreich mußte auf NATO-Befehl seine eigene Produktion an leichtem Geschütz-Material einstellen.)
* Die Vietminh verfügen über große Mengen amerikanischer und britischer Waffen. Herkunft: Hongkong. Die Vietminh erheben in fast dem gesamten Indochina - teils vermittels ihrer bis vor die Tore Saigons operierender Banden - Steuern. Die eingehenden Piaster tauschen sie im britischen Hongkong gegen US-Dollar. Die durch den brachliegenden China-Handel auf Sand gesetzten britischen Makler verhökern ihnen dafür »westliche« Waffen.
Frankreich schickt schon seit Frühjahr dieses Jahres keinen Truppen-Nachschub mehr nach Hanoi. Auch die Einschließung ihres Flottenstützpunktes Tourane an der ost-vietnamesischen Küste haben sie bisher ohne eine militärische Gegen-Aktion hingenommen. Allgemeiner Eindruck: Frankreich zieht sich langsam auf einige Stützpunkte am Meer zurück.