Entwicklung verpennt
(Nr. 24/1981, Autoindustrie: Ford-Manager Robert Lutz über die japanische Bedrohung)
Ford-Manager Robert Lutz findet es kaum glaublich, aber wahr, daß Ford 1980 in Europa knapp 1,5 Millionen Wagen mit 140 000 Mitarbeitern produzierte, Toyo Kogyo aber mit 22 000 Beschäftigten 1,1 Millionen Autos.
Sind die Japaner daran schuld, daß manche Unternehmer falsche oder gar keine Entscheidungen getroffen haben, daß manche nicht innovativ genug waren, daß sie die Zukunft falsch eingeschätzt haben?
Warum sollte man in Zeiten problemloser Expansion Risiken eingehen, warum sollte man neue Produkte und Fertigungsprozesse einführen -- fragt Lutz, wenn ein weniger geändertes Produkt geringere Kosten verursacht und kurzfristig größeren Ertrag bringt. Die Antwort gibt seine heutige Klage.
Es geht nicht darum, daß -- wie Lutz meint -- westliche Regierungen »ihre« Automobilindustrie auf dem Altar des Freihandels opfern, sondern daß der »Unternehmer« Robert Lutz den Freihandel als wichtige Grundlage der sozialen Marktwirtschaft auf dem Altar von Managementfehlern opfern will.
Wir brauchen in Europa nicht mehr Protektionismus, mehr Staat und mehr Beamte, sondern mehr Freihandel, weniger Bürokratie, mehr innovative Unternehmer, die nicht erst wach werden, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Dann wird auch die europäische Automobilindustrie ihre Zukunft haben.
Mülheim (Nrdrh.-Westf.) DR. OTMAR FRANZ Mitglied des Europaparlaments
Ich habe in Japan gelebt und gearbeitet. Als Fakultätsmitglied eines japanischen Managements-Institutes kann ich den Ausführungen von Robert Lutz nur voll zustimmen. In gleicher Weise pflichte ich den Argumenten über die Grenzen und Auswirkungen freien internationalen Handels bei.
Völlig ungleiche Sozialsysteme können sich nicht im freien wirtschaftlichen Wettbewerb fair gegeneinander messen. In Japan hat man das schon vor vielen Jahren erkannt und die eigene aufblühende Industrie vor dem harten, zerstörerischen Wind internationalen Wettbewerbs durch hohe Zölle und sowohl durch direkte als auch vor allem durch »unsichtbare« Einfuhrbeschränkungen geschützt. Dennoch -- oder gerade deswegen -- konnte sich diese Industrie zu der heutigen internationalen Wettbewerbsfähigkeit entwickeln.
Honolulu PROF. DR. H. KRAMER University of Hawaii & Japan-American Institute of Management & Science
Es wird zwar einer Stimme der Kritik nach außen (aber nicht nach innen) weitestgehend Raum gegeben, andererseits aber immer noch nicht dazu beigetragen, die Leistungen der Japaner im Vergleich zu Europa so einzuordnen, daß dieser arrogante bequeme Tonfall nach und nach verschwindet, mit dem unter anderem frustrierte europäische Manager die Forderungen S.8 nach japanischen Selbstbeschränkungen politisch durchzusetzen versuchen.
Es kann überhaupt nicht die Rede davon sein, daß der ominöse Mentalitätsunterschied zu den »seltsamen« Japanern in der unterschiedlichen Agrarentwicklung fundiert sei und damit die Vergangenheit unwiderruflich dafür verantwortlich zu machen ist, sondern die Wahrheit ist, daß das deutsche Management die Verantwortung dafür trägt, weil es die japanische Entwicklung verpennt hat.
Berlin DETLEF KNOLL