»Er hat sein Vaterland betrogen« - DER SPIEGEL
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»Er hat sein Vaterland betrogen«

Der KP-Chef von Tibet, Zhang Qingli, über die Rolle des Dalai Lama und Pekings Religionspolitik
Von Stefan Aust, Andreas Lorenz und Gerhard Spörl
• aus DER SPIEGEL 33/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Zhang, Tibet ist traditionell ein tief religiöses Land, zugleich ist die KP Chinas eine weltliche Partei. Marx hat die Religion als Opium fürs Volk bezeichnet. Wie passt das eigentlich zusammen?

Zhang: Die Natur ist vielfältig, verschiedene Lebensformen kommen miteinander aus, die Welt ist bunt. Auch in der Ideologie ist das so. Wir betonen Harmonie, damit unterschiedliche Ideologien und Ideen miteinander in Eintracht leben können. Die chinesische Regierung praktiziert Religionsfreiheit.

SPIEGEL: Seit wann duldet die Kommunistische Partei denn Religion, so wie sie ist?

Zhang: Partei und Regierung haben eine klare Religionspolitik. Erstens: Es herrscht Glaubensfreiheit. Zweitens: Die Religionsgemeinschaften müssen über sich selbst bestimmen, es darf keine Einmischung aus dem Ausland geben. Drittens: Sie müssen nach den

Gesetzen geführt und verwaltet werden. Und, viertens, wir leiten sie an, sich in die sozialistische Gesellschaft zu integrieren. Sie sehen es ja in Tibet, wie die Menschen zu den Tempeln pilgern, Gebetsräder drehen, zu Buddha beten.

SPIEGEL: Der Dalai Lama ist einer der populärsten Religionsführer der Welt, die Bevölkerung Tibets verehrt ihn zutiefst. Für die Regierung in Peking hingegen ist er ein verabscheuungswürdiger Separatist. Warum eigentlich?

Zhang: Unsere Politik gegenüber dem Dalai Lama ist klar und konsistent. Nach der Gründung der Volksrepublik und der friedlichen Befreiung Tibets wurde er 1954 in die Führung des Na- tionalen Volkskongresses gewählt. Dort blieb er Mitglied bis 1964. 1956 wurde er zum Direktor des Vorbereitungskomitees für die Autonome Region Tibet ernannt. Das alles geschah, um die Religionsfreiheit zu gewährleisten und Tibet in die große Familie der sozialistischen Länder einzubinden. 1959 ist er dann ins Ausland geflohen. Zweifellos war er damals ein Religionsführer, der allgemein respektiert wurde.

SPIEGEL: Nun soll er es nicht mehr sein?

Zhang: Er hat später viele schlechte Dinge getan, die mit der Rolle eines Religionsführers nicht in Einklang stehen. Der Kernpunkt ist: Jeder muss sein Vaterland lieben. Wie kann es sein, dass er nicht einmal sein Vaterland liebt? Wir haben ein Sprichwort: »Ein Hund findet seine eigene Hütte nicht dreckig, ein Sohn würde seine Mutter nie als hässlich bezeichnen.«

SPIEGEL: Der Dalai Lama liebt Tibet nicht?

Zhang: Tibet ist die Heimat des 14. Dalai Lama, China sein Vaterland. Er hat sein Vaterland betrogen. In den fünfziger Jahren rebellierte er, in den späten Achtzigern entfachte er Unruhen in Lhasa. Das war gegen Volk, Regierung, die Gesellschaft gerichtet. Er hat Tibet destabilisiert.

SPIEGEL: Der Dalai Lama ist ein weltweit respektierter Mann.

Zhang: Wenn ich mich recht entsinne, hat er von 1959 bis Mitte dieses Jahres 312 Besuche in den verschiedensten Teilen der Welt absolviert, das heißt: sechs Länder pro Jahr, 2005 waren es gar zwölf. Was hat er dabei getan? Das Ziel dieser sogenannten offiziellen Visiten waren das Bündnis mit antichinesischen Kräften und Propaganda

für seine separatistischen Ansichten, die mit der Religion kollidieren und die sich gegen das Vaterland richten, die Chaos schaffen und China destabilisieren sollen.

SPIEGEL: Aber in den vergangenen 20 Jahren hat sich in der Welt doch viel verändert. China hat sich geöffnet, der Handel globalisiert. Die Machtfrage auf dem Dach der Welt ist geklärt, der Dalai Lama hat auf die Unabhängigkeit verzichtet, er ist mit einer weitgehenden Autonomie Tibets einverstanden. Warum ist China nicht großzügig und selbstbewusst und lässt den Dalai Lama zurück ins Land, wie er es gern will? Oder stellt er noch immer eine Gefahr für Sie dar?

Zhang: Wir haben eine klare Politik. Nur wenn er wirklich und umfassend seine gegen die Gesellschaft und das Volk gerichtete Absicht aufgibt, das Vaterland zu spalten, nur wenn er seine spalterischen Aktivitäten stoppt, und nur wenn er öffentlich der Welt erklärt, die Unabhängigkeit Tibets aufzugeben, wird die Tür zu Verhandlungen immer offen für ihn sein.

SPIEGEL: Hat er das nicht längst getan?

Zhang: Das Problem ist, dass sein Verhalten und seine Aussagen nicht übereinstimmen. Er sagt: »Ich will einen mittleren Weg gehen und akzeptiere, dass es nur ein China gibt.« Aber in Wahrheit hat er nicht einen einzigen Tag aufgehört, das Vaterland zu spalten.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Zhang: Mit seinem sogenannten Mittelweg ist gemeint: Er will tibetische Siedlungsgebiete in den Provinzen Sichuan, Yunnan, Qinghai und Gansu in Tibet integrieren. Er möchte Chef dieses »Groß-Tibets« werden und verlangt, dass die Volksbefreiungsarmee aus der Region abgezogen wird. Außerdem will er zurück zu seinem früheren religiös-politischen feudalen Reich, so dunkel und grausam, wie es war. Damals regierten Beamte, Adlige und Mönche 95 Prozent der Bevölkerung. Und er beansprucht für Tibet sogar mehr Autonomie,

als Hongkong und Macau gewährt wird. Das ist Spalterei.

SPIEGEL: Aber gibt es nicht bereits Gespräche zwischen Vertretern des Dalai Lama und Peking?

Zhang: Seine Exilregierung ist illegal. Unsere Zentralregierung hat sie niemals anerkannt. Sie wird von keinem Land in dieser Welt diplomatisch akzeptiert, auch von Deutschland nicht. Mit der sogenannten Exilregierung gibt es von chinesischer Seite keine Gespräche. An den jetzigen Kontakten beteiligt sind lediglich einige Personen aus seiner engen Umgebung. Die Gespräche drehen sich um seine persönliche Zukunft.

SPIEGEL: In Amerika, Europa und auch in Asien ist die Sympathie mit dem Dalai Lama auch deshalb groß, weil die Kommunistische Partei Chinas nicht gerade besonders demokratisch ist.

Zhang: Offen gesagt, die Zahl der Menschen, die den wahren Dalai Lama kennen, ist sehr klein. Zu seinen Anhängern gehören die China-Feinde, dann sind da die wirklich Gläubigen, die durch diesen falschen Religionsführer in die Irre geführt werden. Und schließlich Leute, die die tatsächliche Lage nicht verstehen.

SPIEGEL: Immerhin ist der Dalai Lama Träger des Friedensnobelpreises.

Zhang: Ich habe nie verstanden, warum man eine solche Person wie den Dalai Lama mit diesem Preis ausgezeichnet hat. Was hat er für den Frieden getan? Wie viel Schuld trägt er gegenüber dem tibetischen Volk! Wie schädlich ist er für Tibet und China! Ich kann nicht verstehen, warum sich so viele Länder für ihn interessieren.

SPIEGEL: Tibet ist für viele Europäer noch immer ein Land voller Mythen. Seit einigen Wochen führt eine neue Eisenbahn nach Lhasa. Was bedeutet sie für Tibet?

Zhang: Wir sind über diese Bahn sehr froh. Jeder ist überzeugt, dass es ein Wunder ist, was die Kommunistische Partei auf dem Dach der Welt geleistet hat. Es beweist die Stärke Chinas, seinen wirtschaftlichen und technischen Fortschritt. Wichtiger noch: Die Bahn untermauert, dass die chinesische KP alles dafür tut, das Leben der unterschiedlichen Nationalitäten in den Grenzgebieten zu verbessern. Tibet ist nun wirtschaftlich mit anderen Provinzen und der ganzen Welt verbunden.

SPIEGEL: Es gibt Gerüchte, dass China in Tibet Atomwaffen stationiert hat. Können Sie das bestätigen?

Zhang: Ich kann Ihnen verantwortlich versichern, dass alles totale Phantasie ist. Es gibt in Tibet keine Nuklearwaffenfabrik.

SPIEGEL: Der Dalai Lama ist 71 Jahre alt. Er hat angedeutet, dass es womöglich keinen Nachfolger, keine Reinkarnation geben wird. Wie werden Sie sich verhalten? Werden Sie dennoch nach einer Reinkarnation suchen lassen?

Zhang: Der jetzige Dalai Lama ist der 14. Wir wissen nicht, wie lange er noch leben wird. Wir glauben, dass gute Leute länger leben, schlechte hingegen kürzer.

SPIEGEL: Dann muss der Dalai Lama mit seinen 71 Jahren ein guter Mensch sein.

Zhang: Es ist schwer zu sagen, ob er gut oder schlecht ist. Aber wenn wir seine Taten betrachten, scheint er kein guter Mensch zu sein.

SPIEGEL: Wenn der Dalai Lama keinen Nachfolger will, wird die KP dann sagen: Das ist gut so. Oder wird sie einen Nachfolger in Tibet selbst suchen lassen?

Zhang: Um einen Nachfolger für den Dalai Lama und den Panchen Lama zu bestimmen, gibt es von jeher ein bestimmtes Suchsystem. Nach den historischen Regeln und religiösen Ritualen müssen Mönche durch das Land reisen und mit der Goldenen Urne ein Los ziehen. Die Zentralregierung hat das letzte Wort.

SPIEGEL: Wird es einen offiziellen und einen inoffiziellen Dalai Lama geben, einen in Indien, einen in Tibet? Auch mit dem Panchen Lama, dem zweiten wichtigen religiösen Würdenträger Tibets, gibt es ja seit 1995 Konflikte: Der Dalai Lama erkannte einen Panchen Lama an, Peking bestimmte einen anderen.

Zhang: Die Reinkarnation des Panchen Lama ist seit der Qing-Dynastie, also seit dem 17. Jahrhundert, geregelt. Die Suche und die Ernennung des 11. Panchen Lama geschah strikt nach den historischen Regeln. Deshalb ist er von der Zentralregierung anerkannt worden. Er ist der legale Panchen Lama. Der Dalai Lama hat bei der Suche nach dem Panchen Lama die historischen Regeln gebrochen. Er hatte ja nicht einmal die Goldene Urne, um das Los zu ziehen. Der Dalai Lama schafft Chaos. Aber der Markt für ihn hier in Tibet wird immer kleiner.

SPIEGEL: In vielen Gegenden der Welt kann man ein Erstarken der Religion beobachten, zum Beispiel in den islamisch geprägten Regionen oder in den USA. Nimmt nicht auch in Tibet der Einfluss der Religion eher zu?

Zhang: Religion ist ein historisches Phänomen, das noch lange existieren wird. Unsere Religionspolitik ist sehr locker, sie entspricht den Realitäten. Aber Religion darf sich nicht gegen das Gesetz richten und sich nicht in Justiz, Bildung, Produktion und Arbeit einmischen. Man kann in China glauben, man kann es auch lassen. Wir mischen uns nicht in diese persönliche Entscheidung ein.

SPIEGEL: Sie haben aber angekündigt, die sogenannte patriotische Erziehung in den Klöstern zu verstärken, die sich auch gegen Anhänger des Dalai Lama richtet.

Zhang: Jedes Land dieser Erde lehrt seine Bevölkerung, die Heimat zu lieben. Wir organisieren eine patriotische Erziehung nicht nur in den Klöstern, sondern überall. Wer sein Land nicht liebt, ist nicht dazu qualifiziert, ein Mensch zu sein. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand.

SPIEGEL: Sprechen Sie eigentlich Tibetisch?

Zhang: Nur ein paar Worte, ich bin ja erst seit einigen Monaten hier. Ich will die Sprache aber lernen.

SPIEGEL: Herr Zhang, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Stefan Aust, Andreas Lorenz und Gerhard Spörl in Lhasa.

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