Er schießt
Die Polizeikapelle schlug Wirbel und blies den Chopinschen Trauermarsch. Zylinder in der Hand, stand Frankfurter Polizeipräsident Klapproth am offenen Grabe des Taxichauffeurs Kurt Albrecht (32, verheiratet, 2 Kinder), ihm gegenüber sechs stämmige Polizisten als letztes Geleit.
»Im Namen der Betriebsvertretung« trat Polizeiwachtmeister Urbig an Taxichauffeur Kurt Albrechts offenes Grab und gelobte, ebenfalls im Namen der Betriebsvertretung: »Wir werden innerlich an uns arbeiten, daß so etwas nie wieder passieren kann.«
Es war passiert, als Wachtmeister Walter Schneider vom 15. Revier der Frankfurter Polizei (Dein Freund, Dein Helfer) den Revierdienst am Wiesenhüttenplatz um 13 Uhr des 17. Oktober richtig übergeben hatte.
Mit einem Kollegen und dessen Frau ging er noch ein paar kleine Helle trinken. Als sich der Kollege gegen 19 Uhr verabschiedete, verspürte Walter Schneider noch keine Lust, schon nach Hause zu gehen. Zumal ihn zwei muntere Damen (Jahrgang 1888 und 1897) zu ein paar Schnäpsen eingeladen hatten. So war es schon nach Mitternacht, als sich Walter Schneider (Jahrgang 1924) auf der Straße vor dem Hauptbahnhof wiederfand.
Das Pärchen an der Straßenbahnhaltestelle wollte nicht, als Wachtmeister Schneider heranschwankte: »Zeigen Sie mal Ihre Kennkarte!« Als der Wortwechsel lauter wurde, kamen auch die Chauffeure vom Export-Taxistand gegenüber angelaufen.
Wachtmeister Schneider wollte den jungen Mann am Arm wegzerren. Da ging die Menge gegen ihn vor. Walter Schneider zog die Dienstpistole unter dem Regenmantel vor und schlug um sich. Als Taxifahrer Sebastian Heidenreiter den Revolverlauf auf sich gerichtet sah, versuchte er, ihn mit der linken Hand wegzuschlagen. Da drückte Walter Schneider ab. Mit einem Bruststeckschuß sackte Kurt Albrecht tot zusammen.
Die amerikanische MP kam. Dann erschienen Ueberfallkommando und Mordkommission. Seitdem sitzt Polizeiwachtmeister Walter Schneider im Polizeigefängnis. Bald wird er vor einer Frankfurter Strafkammer stehen, angeklagt wegen Totschlages.
Walter Schneider konnte sich am Morgen danach nicht mehr genau erinnern. Bisher hatte er sich von Schnaps und Frauen erfolgreich ferngehalten. Seinen Lehrjahren als Gebrauchswerber folgten Wanderjahre bei Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht, dann eine Stelle bei der Reichsbahn. Ende 1946 bewarb er sich um Polizeidienste.
Das Arbeitsamt schrieb: »Keine Bedenken.« Das Polizeirevier schrieb: »... Nachteiliges ist nicht bekannt«. Das genügte. »Es bestehen gegen die Einstellung in die Schutzpolizei keinerlei Bedenken.«
Am 10. Oktober 1946 mußte Walter Schneider den obligaten Prüfungsaufsatz schreiben: »Nach welchen Gesichtspunkten beurteilt die Bevölkerung den uniformierten Polizeibeamten?«
Seine Vorstellungen erwiesen sich als ausreichend gefestigt: »Die Bevölkerung erwartet von der Polizei Schutz und Hilfe. Der Polizeibeamte sichert der Bevölkerung diesen Schutz, wenn er seine Pflichten ... soweit er nur in der Lage ist, wahrnimmt. Damit die Bevölkerung sieht, daß das Vertrauen, das sie der Polizei gibt, gerechtfertigt ist, müssen die Polizeibeamten stets hilfsbereit, höflich, bestimmt und unbestechlich auftreten. Höflichkeit darf aber niemals zur Vernachlässigung der Pflichten führen ... auch privat muß der Polizeibeamte ein einwandfreies, sauberes Leben führen.«
Beurteilung: »Schlechte Satzstellung, sonst gerade noch brauchbar.« Sechs Tage später wurde Walter Schneider als Polizeianwärter in die Frankfurter Schutzpolizei aufgenommen. Er kam gleich zum Streifendienst. Ein halbes Jahr später wurde er durch den 12tägigen Kurzlehrgang für Polizeianwärter geschleift. »Mit noch genügendem Erfolg.«
Dann dauerte es noch ein knappes Jahr und Walter Schneider wurde Wachtmeister, mit Dienstausweis Sch 162 und Waffenpaß 011679. In den Personalakten wurde er als »geistig durchschnittlich veranlagt, aufgeweckt« geführt. Unter IIb stand: »Sein Auftreten muß sich noch festigen. Auf Grund seiner Jugend findet er nicht immer den richtigen Ton gegenüber dem Publikum.« Aber »Beherrscht die zur Zeit gebräuchlichen Waffentypen«. Allgemeines Urteil: »... auf Grund jugendlicher Unbekümmertheit schießt er manchmal über das Ziel hinaus ... verspricht aber, ein brauchbarer Beamter zu werden.«
Aehnlich beurteilte ihn sein altgedienter Reviervorsteher vor einem halben Jahr amtlich: »... beim polizeilichen Einschreiten auf der Straße findet er oft nicht den richtigen Takt. Er verbeißt sich gar zu gern in Kleinigkeiten, die unliebsame Auswirkungen haben. Er muß noch lernen, auf die einfachste Art und Weise das polizeiliche Ziel zu erreichen ...«
Als Polizeiwachtmeister Walter Schneider über das polizeiliche Ziel hinaus- und Taxifahrer Kurt Albrecht totgeschossen hatte, brauchte Poprä Klapproth nur ein Blatt Papier, um offiziell Abstand zu nehmen: »... und bedauere auf das tiefste, daß auf diese Weise ein unschuldiges Menschenleben ...«
Ende gut: »... hat der Polizeipräsident innerhalb der Bediensteten der Polizeiverwaltung eine freiwillige Sammlung zur Linderung der ersten Not der ins Unglück gestürzten Familie veranstalten lassen.«