»Er schlägt und schlägt mich« - DER SPIEGEL
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KRIMINALFÄLLE »Er schlägt und schlägt mich«

Der ehemalige Pastor Klaus Geyer, 62, den ein Gericht 1998 wegen Totschlags an seiner Frau verurteilte, über den Film »Mord im Haus des Herrn«, der am 10. März im ZDF läuft
Von Susanne Beyer und Nikolaus von Festenberg
• aus DER SPIEGEL 10/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Geyer, geben Sie mittlerweile zu, dass Sie im Sommer 1997 Ihre Frau erschlagen haben?

Geyer: Nein, das habe ich nicht.

SPIEGEL: Sie fühlen sich unschuldig?

Geyer: Ich fühle mich nicht nur unschuldig, ich bin auch unschuldig. Ich bin trotzdem verurteilt worden, und das Erschrecken darüber, was in der Justiz möglich ist, hat mich nicht verlassen, auch wenn ich heute manches nüchterner sehe.

SPIEGEL: Die meisten Prozessbeobachter hatten gegen das Verfahren nichts einzuwenden - was werfen Sie der Justiz vor?

Geyer: Der Prozess gegen mich war ein reiner Indizienprozess. Es war so, dass der Staatsanwalt und das Gericht sagten, jedes Indiz für sich sei anfechtbar und reiche nicht für eine Verurteilung aus, aber alle zusammen würden die Verurteilung rechtfertigen. Dabei war die Interpretation jedes einzelnen Indizes durch das Gericht mehr als fragwürdig, was ich hier leider nicht im Einzelnen ausführen kann. Jedenfalls blieb das Prinzip »Im Zweifel für den Angeklagten« total auf der Strecke.

SPIEGEL: Im Prozess wurde Ihr Intimleben verhandelt. Warum soll nun alles wieder an die Öffentlichkeit kommen?

Geyer: Ich kann mit dieser Verurteilung nicht einfach so in einem stillen Winkel leben. Ich kann nicht ruhig sein, als Totschläger abgestempelt, während der Täter frei herumläuft. Ich kann es nicht. Das mag eine Schwäche sein, und manche Psychologen würden das wieder als Ausdruck meines Narzissmus werten, aber so ist es nun mal: Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie den Film?

Geyer: Ich habe die Kassette schon lange bei mir liegen, aber mir fehlt bisher die Kraft, mich dem auszusetzen.

SPIEGEL: Obwohl es Ihnen so nahe geht, haben Sie einer Verfilmung zugestimmt?

Geyer: Ich habe nicht zustimmen müssen - ein solcher Spielfilm kann jederzeit auch ohne meine Zustimmung gedreht werden. Aber dass das Thema des Prozesses ein Thema für einen Film ist, das kann ich akzeptieren. Nur wollte ich keinen Dokumentarfilm und habe mich dagegen gewehrt. Aber weil ich der Drehbuchautorin Nicola von Hollander vertraute, habe ich ihr in Interviews meine Geschichte erzählt. Von da an habe ich mich nicht mehr in das Filmprojekt eingemischt. Das ist nicht mein Film, sondern ihr Film und der des Regisseurs Christian Görlitz, den ich auch schätze, und fällt somit auch ganz in ihre künstlerische Verantwortung.

SPIEGEL: Was haben Sie gegen einen Dokumentarfilm? Sie hätten sich darin doch selbst äußern können.

Geyer: Ich wollte nicht, dass wieder Menschen in die Öffentlichkeit gezerrt werden, die schon durch den Prozess furchtbar gelitten haben.

SPIEGEL: Psychologen sagen, ein Täter könne seine Tat so verdrängen, dass er sich nicht mehr an sie erinnert.

Geyer: Schon während des Prozesses gab es Leute, die versucht haben, mir genau das einzureden. Ich glaube aber kaum, dass das geht und wissenschaftlich haltbar ist. Da müsste ich auch, bezogen auf den Tag der Tat, ganz gravierende Blackouts haben, wovon nicht die Rede sein kann.

SPIEGEL: Während Ihres Prozesses empörten sich viele Menschen vor allem über den Tatbestand, dass ein Pfarrer immer wieder, sogar nach dem Verschwinden seiner Frau, außereheliche Beziehungen hatte. Darf ein Pfarrer fremdgehen?

Geyer: Nein, er sollte es wie jeder andere Christ nicht tun. Trotzdem muss man als Pfarrer versuchen, vor den Leuten und vor sich selbst glaubwürdig zu bleiben. Ich habe mir, nachdem mich alle diese Vorwürfe trafen, noch einmal meine Trauungspredigten angeguckt. In diesen Predigten habe ich mich tatsächlich gehütet, Dinge zu sagen, die ich ganz anders lebte. Ich habe zu den Brautleuten nie gesagt: Wehe, wehe, wenn ihr die Ehe brecht. Natürlich habe ich ihnen gewünscht, dass dies nicht passiert; aber ich habe auch damit gerechnet, dass so etwas in einer Ehe geschehen kann, und eher zum Thema gemacht, wie man dann in der Beziehung damit umgeht.

SPIEGEL: Im Prozess kam heraus, dass Ihre Frau unter Ihrer Untreue sehr gelitten hat.

Geyer: Das ist ein Problem, das mich heute noch stärker beschäftigt als damals. Natürlich fördern Nebenbeziehungen Fluchttendenzen. Man hat einen Konflikt in der Ehe, kommt da nicht weiter und versucht auf einem anderen Weg, sich die nötige Stabilität zu holen, statt sich dem eigentlichen Konflikt zu stellen.

SPIEGEL: Warum waren Sie und angeblich auch Ihre Frau einander untreu?

Geyer: Unser Leben lief damals einfach so. Von Anfang unserer Ehe an hatten wir auch immer wieder Nebenbeziehungen. Und ein solches Verhalten spielt sich ein. Das genießt man dann, denkt nicht mehr darüber nach und entwickelt in einer langen Ehe auch Verhaltensweisen, damit umzugehen.

SPIEGEL: Bereuen Sie die?

Geyer: Wenn ich noch einmal eine Beziehung führte, würde ich dem, was man Treue nennt, einen ganz hohen Stellenwert beimessen. Ich würde keine Nebenbeziehung haben. Die Belastungen sind zu hoch.

SPIEGEL: Hat die Liberalität der 68er, denen Sie sich zugehörig fühlen, Ihre freie Eheführung beeinflusst?

Geyer: Natürlich. Das Prinzip der Freiheit wurde damals ungeheuer hochgehalten. Die vielen praktischen Modelle, wie Leute damals zusammenlebten, stellten ja alles in Frage. Trotzdem hatten wir kein Konzept, kein Modell etwa einer »offenen Ehe«. Unser Leben hat sich einfach so entwickelt.

SPIEGEL: Wer sich Freiheiten nimmt, riskiert, den Partner zu belügen. Ein Pfarrer ist der Wahrheit verpflichtet.

Geyer: Wahrheit und totale Offenheit sind nicht identisch. Wir haben versucht, und es nicht immer geschafft, Lügen zu vermeiden. Wir haben über unsere Seitensprünge meistens geschwiegen, und auch, wenn wir etwas ahnten, sind wir meist schonungsvoll miteinander umgegangen. Der Grund ist ganz einfach: Wir liebten uns.

SPIEGEL: Für die Todesanzeige Ihrer Frau wählten Sie einen Bibelspruch, aus dem sich schließen lässt, dass Sie mit Gott hadern: »Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand« - Hiob 30, 21.

Geyer: Das war tatsächlich eine Situation, in der ich mit Gott nicht mehr zu Rande kam und ich mir dachte, der schlägt mich und schlägt mich und hört nicht mehr auf.

SPIEGEL: Glauben Sie heute noch oder wieder an Gott?

Geyer: O ja. Ohne diesen Glauben hätte ich die Erniedrigung von Prozess und Urteil und die Jahre der Haft nicht überstanden.

SPIEGEL: Wenn Sie sich von Gott gestraft fühlen, wofür werden Sie bestraft?

Geyer: Da komme ich über Fragen nicht hinaus. Ich sitze nicht auf dem Richterstuhl Gottes. Damals schickte mir die Theologin Dorothee Sölle eine Karte in die Haft, darauf stand, ich solle Geduld haben. Gott habe auch eine andere Seite.

SPIEGEL: Hat sich diese andere Seite für Sie offenbart?

Geyer: Ja. Zu meiner Beziehung zu Gott gehört ja auch mein gesamtes Umfeld, die Menschen, die Gott mir in der Zeit der Haft geschickt hat. Und ich habe im Gefängnis, trotz allen Schreckens über die gesamte Situation, die wunderbarsten und schönsten Erfahrungen gemacht. Das hat auch meinen Glauben gestärkt.

SPIEGEL: Die Kirche hat Sie von Ihrem Amt suspendiert, aber Sie haben den Pfarrer im Gefängnis nicht abgelegt?

Geyer: Klar war ich für die Mithäftlinge der Pastor - im Guten wie im Schlechten. Von denjenigen, die etwas gegen die Kirche hatten, habe ich das ganz schön zu spüren bekommen, für andere war ich wiederum Vertrauensperson.

SPIEGEL: Wie war es für Sie, nach fünf Jahren und vier Monaten im Gefängnis Leuten zu begegnen, die Sie für schuldig halten?

Geyer: Am Anfang meiner Gefängniszeit war ich versucht, die Menschen in Freund und Feind einzuteilen: Wer an dir zweifelt, ist ein Feind, wer nicht, ein Freund. Auch aus dieser Haltung musste ich erst herausfinden. Inzwischen, muss ich sagen, habe ich viele Freunde, die durchaus ihre Zweifel haben, und trotzdem bleibt eine gute Freundschaft. Bei anderen fällt es mir schwerer, den Zweifel zu akzeptieren. Es gibt ein weises Wort: Die eigentliche Bestrafung kommt erst hinterher - nach der Haft.

SPIEGEL: Inwiefern fühlen Sie sich jetzt hinterher bestraft?

Geyer: Ich habe ja vorher in bestimmten Zusammenhängen gelebt, in kirchlichen und theologischen Kreisen, in der Redaktion einer Zeitschrift, bei Aktion Sühnezeichen, was auch immer, und dann merke ich plötzlich, da und dort passiert beinahe so etwas wie im Stalinismus: Die Bilder werden abgehängt. Du bist aus der Geschichte raus, es gibt da das große Verschweigen, eine Berührungsscheu. Du kommst auch im Rückblick kaum noch vor. Man wird Unperson.

SPIEGEL: Sie sind schwer krebskrank. Gibt es etwas, was Sie, sozusagen im Angesicht des Todes, noch klären wollen?

Geyer: Meine Prognose ist tatsächlich schlecht: Knochenkrebs, der nicht mehr heilbar scheint und nach einer Ruhepause vor einem Jahr weiter fortschreitet. Hätte ich meine Frau tatsächlich erschlagen, dann wäre jetzt doch der Zeitpunkt gekommen, an dem ich reinen Tisch machen sollte. Ich hätte von niemandem etwas zu befürchten. Und wenn der eine oder andere mir den Kontakt aufkündigen würde, das wäre sekundär. Vor dem Tode soll man Aufklärung schaffen. Das mögen mir einige wieder nicht abnehmen, aber ich glaube, dass so etwas wichtig ist. Was also möchte ich machen? Ich möchte die Zeit, in der ich noch in relativ guter Verfassung bin, möglichst schön, allein und mit anderen, leben. Ich möchte menschlichen Kontakt haben, meine Tage auch genießen. Das hat Vorrang vor allem anderen. Und wenn mir noch Zeit bleibt, möchte ich meine Gefängniszeit noch einmal aufarbeiten.

SPIEGEL: Warum suchen Sie jetzt nicht nach einem möglichen anderen Täter?

Geyer: Dafür fehlen mir alle Anhaltspunkte, also auch die Hoffnung und die Kraft. Wenn ich irgendeine Spur hätte, dann würde ich es tun, und ich würde meine Kräfte dabei auch gern überfordern. Aber ich habe keine Spur. INTERVIEW: SUSANNE BEYER,

NIKOLAUS VON FESTENBERG

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Eine Tote und viele Rätsel

Am 16. April 1998 verurteilte die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Braunschweig den damals 57-jährigen evangelischen Pastor Klaus Geyer aus dem niedersächsischen Beienrode wegen Totschlags an seiner Frau Veronika Geyer-Iwand zu acht Jahren Haft. Geyer war der erste Geistliche, der in Deutschland einer solchen Gewalttat für schuldig befunden wurde.

Nach 20 Verhandlungstagen und dem Studium von 8500 Aktenseiten war das Gericht, das »fair und korrekt« verhandelte - so die SPIEGEL-Prozessbeobachterin Gisela Friedrichsen -, zu seinem auf Indizien gegründeten Urteil gekommen, Geyer bestreitet bis heute die Tat.

Der eindrucksvoll gründliche TV-Film »Mord im Haus des Herrn« (Sendetermin: Montag, 10. März, 20.15 Uhr im ZDF), den Christian Görlitz inszenierte und der auf dem Drehbuch der »Panorama«-Redakteurin Nicola von Hollander beruht, rekonstruiert szenisch die wichtigsten Momente der dramatischen Tage vom Hochsommer 1997, ohne dem Gericht in dessen Bewertung zu folgen, Geyer habe die Tat im Affekt begangen. Die Bilder und die Spannung des Movies leben vom Zweifel.

Am 25. Juli meldet Geyer seine Frau als vermisst. Zwei Tage später wird ihr Auto am Braunschweiger Bahnhof gefunden. Tags darauf entdeckt ein Jäger die Leiche der Frau in einem Wald bei Braunschweig - das Gesicht von Veronika Geyer-Iwand ist mit einem (nie identifizierten) Gegenstand bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert. Der Pastor wird unter Totschlagsverdacht festgenommen, das Amtsgericht Wolfenbüttel erlässt einen Haftbefehl.

Bei den Vernehmungen und später im Prozess stellt sich heraus, dass Geyer mehrere außereheliche Beziehungen unterhielt. In der Nacht, nachdem er seine Frau als vermisst gemeldet hatte, schlief der Geistliche im Ehebett mit einer Freundin aus Hamburg.

Im Auto des Pastors findet die Polizei Gummistiefel mit Spuren vom Tatort, der vom Fundort der Leiche 700 Meter entfernt liegt. Eine seltene Ameisenart, die getrocknet an den Stiefeln klebt, kommt ausgerechnet am Ort der Tötung vor. An Geyers Kleidung fanden sich keinerlei Blutspuren des mit großer Gewalt zugerichteten Opfers - ein Tod mit vielen Rätseln.

Nach der Verurteilung wurde Geyer aus dem Pfarrdienst entlassen, verbüßte zwei Drittel seiner Strafe. Er lebt heute krebskrank in Hannover.

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