»Erbarmungslos borniert« - DER SPIEGEL
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»Erbarmungslos borniert«

Der Genossenstreit über den SPD-Abgeordneten Hansen
• aus DER SPIEGEL 7/1981
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SPD-Chef Willy Brandt war entsetzt. Während sein Stellvertreter Hans-Jürgen Wischnewski und Geschäftsführer Egon Bahr sich mühten, den Partei-Streit über den Düsseldorfer Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Hansen zu schlichten, heizte der Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner den Konflikt noch an.

In einem Interview mit der »Neuen Ruhr Zeitung / Neuen Rhein Zeitung« am Donnerstag letzter Woche ängstigte er die Genossen: »Wenn die SPD sich in die Opposition manövrieren läßt, dann steht sie vor der Spaltung. Dann geht es ihr wie der Labour-Partei in Großbritannien.«

Brandt reagierte sofort. Für Mittwoch dieser Woche rief er den SPD-Vorstand zu einer außerordentlichen Sitzung nach Bonn. Der Einwand einiger SPD-Funktionäre, dadurch werde die Situation weiter dramatisiert, konnte den SPD-Chef nicht umstimmen. Er findet Wehners Verhalten geradezu gefährlich, »parteischädigend«, wie ein Brandt-Vertrauter meinte.

Schon auf der Präsidiumssitzung am Montag letzter Woche konnte Brandt den Fraktionschef kaum mäßigen. Der SPD-Vorsitzende plädierte zwar für ein Parteiordnungsverfahren gegen Hansen, der in einem Beitrag in der Zeitschrift »Konkret« dem Kanzler vorgeworfen hatte, er verstoße »fortgesetzt gegen proklamiertes Selbstverständnis und programmierte Zielsetzung seiner Partei«. Brandt setzte dann jedoch, unterstützt von Bahr, die Formel durch, es müsse auch in schwierigen Fragen der Innen- und Außenpolitik möglich sein, »Meinungsverschiedenheiten in entsprechenden Formen auszutragen«.

Wehner aber ist für eine härtere Gangart. Der SPD-Zuchtmeister drängt auch jetzt darauf, Hansen nicht nur aus den Bundestagsausschüssen für Auswärtiges und Verteidigung zurückzuziehen, sondern ihn -- wenn möglich -- aus der Franktion auszuschließen.

Die Fronten in Fraktion und Partei sind inzwischen so verhärtet, daß sogar der sozialdemokratische »Vorwärts« vor einer »Rufmordkampagne gegen einen unliebsamen Kollegen« warnt. Von Solidarität ist nicht mehr die Rede, statt dessen wachsen die Aggressionen.

Schon in der Fraktionssondersitzung vor zwei Wochen wollte Karl Haehser, Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, »ein Stuhlbein« auf Hansens Schädel zertrümmern, Zwischenrufer wünschten ihm »Tod bei Glatteis«.

Egon Franke, Innerdeutscher Minister und Chef der rechten Kanalarbeiter, stempelte Hansen danach öffentlich als Idioten ab: »Ich weiß nicht, ob Hansen im Vollbesitz seiner Gesundheit ist. Manchmal möchte ich das in Zweifel ziehen.«

Deprimiert von soviel »erbarmungsloser Borniertheit«, erinnerte der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens an eine Weisheit von Gotthold Ephraim Lessing: Wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliere, habe keinen zu verlieren. Jens: »Es ist ehrenwerter, mit einem Hansen den Verstand zu verlieren, als ihn mit einem Franke zu behalten.«

In Schutz genommen wurde Hansen am Donnerstag letzter Woche auch von seinem Düsseldorfer Unterbezirk: Bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen sprachen sich die Genossen gegen ein Parteiordnungsverfahren aus. Der SPD-Bezirksvorstand Niederrhein erteilte Hansen tags darauf zwar eine scharfe Rüge, forderte aber keine weiteren Sanktionen. Nach diesen Voten ist nicht zu erwarten, daß der umstrittene Abgeordnete sein Bundestagsmandat niederlegt. Hansen: »Das kommt gar nicht in Frage.«

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