Naturschutz Erichs Eichen
Der höchste Berg der Welt lag bislang im Harz: Es sei der Brocken, witzelten die Anrainer in der ehemaligen DDR, denn der sei von Ost und West her unbesteigbar. Mit Radardornen, Lauschantennen und sowjetischen Camps gespickt, war der Mittelgebirgsgipfel zur Festung geworden, tabu für jedermann, Militärs oder Stasi ausgenommen.
Entfesselte Wanderlust treibt nun, 29 Jahre nach der Sperrung des Brockens, Touristen in Massen auf den Berg, der nicht einmal mehr in Kreuzworträtseln oder im Wetterbericht genannt werden durfte. Oben lassen sich Ossis und Wessis beim Gang um die drei Meter hohe Betonmauer von Sowjetsoldaten einen guten Tag wünschen, genießen, bei klarer Herbstluft, den Rundblick in 130 Kilometer Ferne und die Wurst vom Imbiß-Wagen.
Doch für die Naturschützer sind solche schönen Oktobertage »eine Katastrophe«, wie Uwe Wegener meint, der Leiter des neugegründeten Nationalparks Hochharz: Bis zu 25 000 Ausflügler stürmen dann den Brocken - »das ist wie eine Dauerdemo«.
Der symbolträchtige Eintausender, von Goethe dreimal bestiegen und zum Schauplatz der Faustischen Walpurgisnacht gemacht, von Heine als Sinnbild deutschen Wesens gedeutet ("Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges . . ."), wird unter solchem Andrang zum Rummelplatz. Da hält die Einzäunung der subalpinen Matten des Gipfels nicht mehr stand, auf denen eiszeitliche Relikte wie die weißgelbe Brockenanemone wachsen; Weg- und Waldränder werden zertrampelt, die Torfmoore, aus denen sich die Brockenquellen speisen, als Pissoir benutzt.
Unterstützt vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, versuchen Biologe Wegener und seine Mitarbeiter in der Wernigeroder Nationalpark-Verwaltung, den Tourismus zu kanalisieren und die Verwaltung davon zu überzeugen, daß eine Vermarktung der bislang kaum berührten Natur nur kurzzeitig Gewinn bringt - »sonst«, prophezeit Nationalpark-Förster Hubertus Hlawatsch, »ist es mit der urtümlichen Brockenwildnis bald vorbei«.
Goethes Blocksberg mit seinen formenreichen Granitklippen und alten Fichtenwäldern, in denen noch Wildkatzen hausen, zählt zu den insgesamt 14 Landschaften zwischen Ostsee und Rhön, die der DDR-Ministerrat, mit seinem letzten Gesetzgebungsakt, unter Naturschutz stellte. Mit Wirkung vom 1. Oktober wurden 10 000 Quadratkilometer - mehr als ein Zehntel des DDR-Gebiets - als Nationalpark, Biosphärenreservat oder Naturpark ausgewiesen (siehe Karte).
Um noch eben vor der Wiedervereinigung »die letzten Reste charakteristischer Großlandschaften Mitteleuropas in Ostdeutschland vor weiterer Zersiedlung und drohendem Ausverkauf zu bewahren«, so Hans Dieter Knapp, einer der Initiatoren des noch vom Runden Tisch beschlossenen Programms, »haben wir bis zum Umfallen geackert«. Am 12. September beschloß die noch amtierende DDR-Regierung, »als würdigen Beitrag zur Sicherung des Naturerbes auf unserem Kontinent«, den Schutzstatus nach international gültigen Kategorien für die 14 Landstriche.
Seither nehmen nirgends in Europa die geschützten Flächen einen größeren Anteil ein als auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Allerdings wird »das glückliche Ergebnis eines politischen Wirrwarrs«, wie Ulrich Meßner vom Müritz-Nationalpark die großzügige Verordnung nennt, durch mancherlei Widrigkeiten gefährdet. Denn, so Förster Hlawatsch, »einige Leute bei uns verwechseln Demokratie mit Anarchie« - das nun geltende Bundesnaturschutzgesetz wird ständig mißachtet: *___Westliche Investoren und Spekulanten nutzen die ____Übergangszeit, um Freizeitparks, Hotels oder auch ____Privathäuser in die Reservate einzuschmuggeln. *___Wilde Camper kippen den Inhalt ihrer Chemietoiletten in ____Wälder und Gewässer, Surfer und Bootfahrer brettern ____durch die Vogelreservate an den Seeufern. *___Bürgermeister und Gemeinden konterkarieren, aus ____Finanznot, die Schutzbestimmungen, etwa bei der Anlage ____von Sportboothäfen oder mit Massensportveranstaltungen.
So treffen die Wissenschaftler und Naturschützer der »Aufbaustäbe« mancherorts auf »rigorose Ablehnung«, berichtet Hartmut Sporns, zuständig für die als Nationalpark deklarierte »Vorpommersche Boddenlandschaft": Der 805 Quadratkilometer große Park umfaßt die Halbinseln Darß, Zingst und die Gerhart-Hauptmann-Insel Hiddensee.
Die strengste internationale Schutzkategorie wurde diesem Küstenstrich zuerkannt, weil sich die Nehrungen, Dünen, lagunenartigen Flachgewässer und Steilküsten hier in ursprünglicher Form bewahrt haben. Die Kreidefelsen von Jasmund auf Rügen, berühmtes Motiv bei Caspar David Friedrich, rechtfertigten mit ihren urwüchsigen Buchenwäldern einen eigenen Nationalpark; als »Unesco-Biosphärenreservat«, zugehörig zu einem weltweiten Netz charakteristischer Kulturlandschaften, wurden die Moränenzüge von Mönchgut im Südosten Rügens eingestuft.
Als »Tabuzone, die das Geschäft mit den Touristen vermasselt« (Sporns), mißbilligen die Einwohner von Prerow auf dem Darß den neuen Nationalpark, der mit Hilfe des World Wide Fund for Nature (WWF) eingerichtet wird. In Gemeindeversammlungen kam es zu Tumulten gegen das neue Etikett und die damit verbundenen wirtschaftlichen Beschränkungen: »Die Leute empörten sich über die Grünen als die neuen Machthaber«, sagt WWF-Biologe Wolfgang Fischer.
Zankapfel ist vor allem ein Sportboothafen mitten in den empfindlichen Dünenwäldern der noch unverbauten Bernsteinküste. Der Ausbau des noch von der DDR-Armee illegal angelegten Hafens, so glauben die Prerower, könnte ihnen aus der gegenwärtigen Finanzmisere heraushelfen, die durch die unerwartete touristische Sommerflaute noch verstärkt wurde. »Der Hafen muß weg«, fordern hingegen die Umweltschützer Fischer und Sporns, die einen Asphaltdschungel von Straßen, Parkplätzen und Kneipen entstehen sehen, wo bisher Kranich und Adler leben.
Vom Polit- ins Naturreservat zurückverwandelt wurde, mit dem Ende der DDR, auch die Ostseeinsel Vilm, mit ihrer »reichen, kräftigen Urnatur des Nordens« Lieblingsplatz romantischer Maler des 19. Jahrhunderts wie Carl Gustav Carus. In Gesellschaft von mannshohen Adlerfarnen und gigantischen Buchen konnten sich hier jahrhundertealte Eichen behaupten, die auch Carus' Freund Caspar David Friedrich porträtierte.
Die einzigartige Landschaft - seit Menschengedenken wurde hier kein Baum mehr gefällt - zog die Bonzen des alten Regimes an: In den sechziger Jahren ließen sie den Vilm sperren und verkabeln, elf Reetdachhäuser wurden gebaut. In Nummer zwei logierte, für 2,50 Mark die Nacht, regelmäßig Erich Honecker. Das ehemalige SED-Ferienparadies beherbergt nun, nachdem die Strandtelefone, Klo-Häuschen und Ruhebänke der alten Riege abgebaut worden sind, eine von dem Biologen Knapp geleitete internationale Naturschutzakademie, die Umweltminister Klaus Töpfer am 6. Oktober ins Leben rief.
Eine jahrzehntelang »zwangsgeschützte, äußerst wertvolle Konkursmasse« (Knapp) hinterließen die alten Machthaber auch im mecklenburgischen Müritz-Nationalpark. »Alles, was die Bundesrepublik an Wasserlandschaften zu bieten hat«, schrieb die Deutsche Jagd-Zeitung, »verblaßt neben der Mecklenburgischen Seenplatte.«
Am Ostufer des zweitgrößten deutschen Binnensees, erreichbar über bucklige Eichen- und Lindenalleen, erstreckt sich das 308 Quadratkilometer große Parkgebiet, das großenteils Privatrevier der jagdlustigen Ost-Berliner Nomenklatura war; auch Willi Stoph ließ sich dort, unterstützt von 36 Jagdangestellten, das Wild vor die Flinte treiben.
»Im Sturmdurchlauf von April bis September«, berichtet Jörn Mothes, Leiter des elfköpfigen Nationalpark-Teams, gelang es der Müritz-Bürgerinitiative, rechtzeitig die Beschlußvorlagen zusammenzustellen. So konnten die Rastplätze von mehr als 14 000 Kranichen, die Brutplätze von 10 000 Wildgänsen, 10 Fischadler- und 4 Seeadlerpaaren gesichert werden.
Vollkommen ist der Schutz nicht: An schönen Wochenenden, berichtet Mothes, schieben sich die meist westlichen Autos auf den Alleen voran, westdeutsche Reiter laden ihre Pferde aus und traben quer durchs Gelände, Motorbootfahrer und Surfer vertreiben in der Kernzone des Parks am Müritz-Ostufer die Wasservögel.
Die Müritz-Bewohner sähen statt dessen lieber einen »sanften Tourismus«, der sich auf Wanderpfaden, mit Pferdekutsche oder mit Kahn durch die Natur bewegt - dasselbe Ziel verfolgen auch Steffen Butzeck und seine Leute im »Biosphärenreservat Spreewald«.
Diese alte Kulturlandschaft ist ein Symbol für das Nebeneinander ökologischer Katastrophenzonen und landschaftlicher Idylle in der ehemaligen DDR: Umzingelt von drei Braunkohlekraftwerken, deren gelbe Giftwolken nur zum Teil vom Spreewald weggetrieben werden, hat sich hier ein grünes Mosaik von ungewöhnlicher Vielfalt erhalten.
Hochwälder, Feuchtwiesen, Binnendünen, kleine Äcker und alte Gehöfte wechseln in einem Labyrinth von rund 900 Kilometern erlengesäumten »Fließen«, den Wasserstraßen des mit geteerten Kähnen befahrenen Kanalnetzes. Die »in Europa einmalige Niederungslandschaft«, so Spreewald-Schützer Frank Hildebrand, ist Refugium für etwa 600 Fischotter, Eisvögel, Schwarzstörche und selten gewordene Insekten.
Doch der Reichtum der amphibischen Landschaft hat schon Einbußen erlitten: Die Fließen, in denen noch Zander, Barsch und Hecht gefangen werden, sind durch die Abwässer der Region bedroht, weil die Klärwerke der umliegenden Gemeinden »technisch hinter dem Mond sind« (Hildebrand). Für großflächigen Landbau ließen die LPG Teile des Spreewaldes trockenlegen, die nun wieder renaturiert werden sollen.
Bei den Kleinbauern, deren extensiver Wirtschaftsweise der Spreewald sein Gesicht verdankt, finden die Naturschützer dafür »volles Einverständnis«. Auf den weiten Feldern der LPG hat sich indes noch nichts geändert: Kilometerlang erstrecken sich die Folientunnel über chemisch traktiertem, längst unverkäuflichem Einheitsgemüse: »Die haben«, so Hildebrand, »ihre Felder noch bestellt, als ob es immer so weiterginge.«