FOTOGRAFIE Erinnerungen im Internet
Kaum dass die ersten Digitalkameras die ersten groben Pixelbilder auf Computermonitore zauberten, prophezeiten Visionäre den baldigen Tod des klassischen Films.
Doch der Bilderberg wächst und wächst, von solchen Prognosen unbeeindruckt: Über fünf Milliarden Fotos - etwa 600 000 jede Stunde - wurden im vergangenen Jahr in Deutschland mit rund 28 Millionen herkömmlichen Kameras geschossen.
Die etwa 300 000 Digitalkameras, die in den letzten zwölf Monaten verkauft wurden, sind für Negativ oder Dia noch lange keine Konkurrenz, vielmehr rücken analoge und digitale Fotografie immer dichter zusammen.
Die Qualität der Digitalkameras steigt von Monat zu Monat. Die Kamerahersteller haben eigens das Kunstwort »Megapixel« als Qualitätsmaßstab für nach Millionen zählende Bildpunkte ersonnen. Zur Cebit gelten 3,3 Megapixel als Standard bei Kameras unter 2000 Mark. Das liegt zwar physikalisch noch deutlich unter dem Auflösungsvermögen eines klassischen Kleinbildfilms, der etwa zehn Millionen Bildpunkte darstellen kann, in der Praxis der Hobbyfotografie fällt der Unterschied jedoch kaum noch ins Gewicht.
»Drei Millionen Pixel reichen für normale Ansprüche an Fotos bis zu einer Größe von 20 mal 30 Zentimetern völlig aus«, meint Kodaks Digitalfoto-Manager Gunter Plapp. »Das wahre Problem ist: Wie komme ich zu meinen Bildern?«
Beim Fotografieren machen digitale Kameras deutlich mehr Spaß als jene mit Film: Gleich nach dem Druck auf den Auslöser zeigt sich das Motiv auf dem eingebauten Minibildschirm.
Doch spätestens wenn der Speicher voll ist, beginnt der unangenehme Teil. Wo Normalknipser einen neuen Film einlegen, die belichtete Rolle in der nächsten Drogerie abgeben und vielleicht schon am nächsten Tag Kaffeekränzchen-kompatible Hochglanzfotos in die Handtasche gleiten lassen, hat der Digitalfotograf eine Durststrecke vor sich.
Als erstes muss er die Kamera an den PC anstöpseln und die Daten transferieren. Verfügt er noch nicht über neueste Hardware, kann allein das Überspielen der Pixel über eine halbe Stunde dauern. Danach tummeln sich auf der Festplatte dutzende von Dateien mit unsinnlichen Namen wie »DSC00019.JPG« oder »PIC00005«.
Wer nun kreativ werden und etwa am Bildschirm Fotocollagen komponieren möchte, ist voll in seinem Element. Aber im Datenwust einfach nur das schönste Bild von Andrea mit Sonnenblume wiederzufinden, mit dem Bildverarbeitungsprogramm - wenn schon, denn schon - störende Pickel wegzuretuschieren und dem angeschlossenen Drucker zuzusehen, wie er in gemächlicher Feinarbeit das Foto aus Tintentröpfchen auf teurem Spezialpapier zusammensetzt, all das war bislang nur etwas für hartgesottene Fans.
Doch nun kommen sich die alte analoge und die neue digitale Fotowelt näher. Datenstationen in Fotoläden und das Internet helfen, die Aufzeichnungen von Digitalkameras in echte Fotos zu verwandeln. Umgekehrt können Fotolabors herkömmliche Filme bei der Entwicklung auch gleich digitalisieren.
Die Symbiose eröffnet neue Möglichkeiten:
* Laborabzüge von Digitaldaten übertreffen in Schärfe und Farbwiedergabe jedes Bild vom heimischen Drucker bei weitem.
* Konventionell entwickelte Fotos lassen sich zusätzlich digital am PC bearbeiten oder per E-Mail verschicken.
* Digitale Bilder können per Internet nachbestellt und per Post geliefert oder im Laden abgeholt werden.
»Dieses Jahr beginnt der wahre Boom der Digitalfotografie«, glaubt Christoph Thurner, beim Großlabor Eurocolor für die Pixelwelt zuständig. »Wenn im Weihnachtsgeschäft die Preise für 2-Megapixel-Kameras der vorletzten Generation auf 500 Mark sinken, geht es richtig rund.«
Zur Cebit stellt Fujifilm sein »Order.net« vor. Vom PC aus können Digitalfotografen Bilddateien per Internet auf den Server von Eurocolor schicken. Am Bildschirm wählen sie das Bildformat und den Händler, bei dem sie die Fotos abholen wollen.
Die Preise beginnen bei 79 Pfennig pro Abzug im Format 9 mal 13. Die Laborgeräte schreiben die Pixel mit Laserstrahlen auf das gleiche Fotopapier, auf das auch konventionelle Bilder belichtet werden. Hat die Kamera eine ausreichende Auflösung, sind die Bilder mit bloßem Auge nicht von normalen Vergrößerungen eines Negativs zu unterscheiden.
Das »Agfanet« bietet einen ähnlichen Service. Dabei dient die Agfa-Internet-Seite als Marktplatz für diverse Partnerlabors, die verschiedene Bildformate zu unterschiedlichen Preisen anbieten. Für den Datentransfer sorgt ein eigenes Programm namens »eLab«. Für verspielte Fotofreunde erfand Agfa die »ArtCard": Beim Verschicken der Bilddaten können die Kunden Grußkarten auswählen, in die das Labor die Fotos gleich einklebt.
Kodak bietet die Speicherung konventioneller Fotos auf CD-Rom an. Dazu genügt ein Kreuz an der richtigen Stelle auf der Tüte, mit der die Filme vom Fotoladen ins Labor geschickt werden. Außer den Bildern kommt dann für rund 20 Mark eine »Picture CD« mit allen Aufnahmen in einer Auflösung von 1,6 Millionen Pixeln zurück; zudem enthält die CD auch eine Software für die Bearbeitung der Fotos auf dem heimischen PC.
Für weitere 15 Mark speichert das Labor zudem die Bilder auch noch 42 Tage lang auf einem Internet-Server. Der Fotograf erhält ein Passwort und kann fortan Bilder per Mausklick nachbestellen oder per E-Mail verschicken. Auch Freunde und Verwandte, die das Passwort kennen, können das digitale Album im Netz betrachten.
Fotoalben im Internet gibt es allerdings auch umsonst. Amerikanische Firmen installieren seit ein paar Monaten ausgeklügelte Fotowelten im Netz. Wer mit einer Digitalkamera fotografiert oder zu Hause einen Scanner zum Einlesen von Papierbildern hat, kann zum Beispiel bei ofoto.com oder cartogra.com beliebig viele Alben anlegen und mit Bilddaten füllen. Für jede virtuelle Fotosammlung lassen sich eigene Passwörter vergeben und Freunden per E-Mail mitteilen.
Eine technisch versierte Oma mit Internet-Anschluss kann sich so mit aktuellen Schnappschüssen der Enkelkinder versorgen. Auch die Besucher ausschweifender Feste sind dankbar, wenn sie Fotodokumente ihrer Entgleisungen schon in Augenschein nehmen können, während der Kater abklingt, und nicht erst Monate später mit den versprochenen Bildern konfrontiert werden, wenn sie schon hoffen dürfen, über die Peinlichkeit sei Gras gewachsen.
»Solche Dienstleistungen sind die Zukunft der Fotografie«, erklärt Agfa-Sprecher Hartmut Hilden. »Auch die konventionellen Bilder sind heute schon viel digitaler, als die meisten Leute wissen.«
In manchen Labors arbeiten bereits Geräte, die Fotos per Computer verschönern und automatisch die durch Blitzlicht hervorgerufenen roten Augen tilgen, Kratzer verschwinden lassen und sogar stark über- oder unterbelichtete Aufnahmen retten.
Dennoch ist der Weg in die neue Fotowelt holprig. Denn die Digitalkameras profitieren zwar von der enorm schnellen Entwicklung der Elektronik, nur haben sie dabei auch die extreme Schnelllebigkeit der Computerbranche geerbt.
Mindestens zweimal im Jahr wechseln die Gerätegenerationen, und immer haben die aktuellen Modelle neue Annehmlichkeiten, die ihre Vorgänger alt aussehen lassen. Vor allem fehlt ein allgemein akzeptiertes Medium für die Speicherung der Bilddaten.
In vier verschiedenen Formen sind auswechselbare Speicherchips verpackt. Die Pseudo-Standards heißen »Smart Media«, »Compact Flash«, »SD-Card« und »Memory Stick«. Hinzu kommen Minifestplatten, die nur in Microdrive-geeignete Flash-Card-Steckplätze passen. Allesamt sind sie viel zu teuer, um als Langzeitspeicher wie das altbewährte Negativ im Schuhkarton gelagert zu werden.
Bleibt für den gut bestückten PC-Besitzer eigentlich nur, die Fotos zur Archivierung auf CD-Rom zu brennen - und zu hoffen, dass es dafür in Jahrzehnten noch Lesegeräte geben wird.
Wenn erst alle voll vernetzt sind, so träumen die Strategen, werde sich auch dieses Problem in Wohlgefallen auflösen. »In Zukunft werden Fotos drahtlos übertragen«, verspricht Fuji-Manager Kenji Watanabe. Zur Cebit zeigt die Firma eine Kamera, die Daten mittels »Bluetooth«-Technik per Funk zu einem Rechner sendet.
Über diesen Standard werden sich bald auch Mobiltelefone mit anderem Elektronikgerät verständigen können, und so gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass ein Bild, kaum dass der Fotograf auf den Auslöser gedrückt hat, schon unterwegs ins Internet ist.
Verschiedene Mobilfunkfirmen zeigen auf Messen schon Prototypen von Handys mit eingebauter Kamera. Kodak präsentiert auf der Cebit ein Fotomodul für den elektronischen Organizer von Palm.
Der Tag ist nicht mehr fern, da kehren Urlauber von der Reise zurück, und die Erinnerungsfotos liegen schon im Wohnzimmer auf dem Tisch. JÜRGEN SCRIBA
Hardware - http://www.spiegel.de/cebit/