Erlesene Beute - DER SPIEGEL
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KUNSTSCHÄTZE Erlesene Beute

Peruanische Grabbeigaben, Maya-Stelen, afrikanische Fetische - auf den Spuren der Kolonialherren plündern heute Kunstschmuggler die Dritte Welt. *
• aus DER SPIEGEL 44/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichte die kleine Expedition ihr Ziel, die Maya-Ruinen von La Naya im guatemaltekischen Urwald. Mit der Machete schlugen der amerikanische Archäologe Graham und seine drei einheimischen Begleiter eine kleine Lichtung frei und spannten ihre Hängematten auf. Als sie Feuer anfachten, krachten plötzlich Schüsse. Grahams Führer, der Forstwächter Pedro Arturo Sierra, brach tödlich getroffen zusammen.

Am Morgen entdeckten die Überlebenden die Spuren der nächtlichen Scharfschützen: »Esteleros«, organisierte Kunsträuberbanden, hatten seit Tagen das verborgene Maya-Heiligtum geplündert. Sie wollten offensichtlich gerade eine der Tempel-Stelen losmeißeln, als die Archäologen auftauchten.

Graham forschte nicht im dunklen Urwald, sondern in der gleißenden Welt der amerikanischen Kunstgalerien weiter. Und tatsächlich fand er eine der tonnenschweren guatemaltekischen Kalksteinstelen in Santa Fe Springs in Kalifornien wieder. Der Kunsthändler Clive Hollinshead verlangte 300 000 Dollar für die Maya-Antiquität.

Kunstraub auch in Indien: Als die Bauern von Schiwapuram, einem kleinen Dorf in Südindien, entdeckten, daß Diebe ihre heilige Schiwa-Statue geraubt und statt dessen eine billige Kopie der Hindu-Gottheit hingesetzt hatten, war nichts mehr zu retten. Denn der bronzene »Herr des kosmischen Tanzes« krönt nun die Sammlung des US-Industriellen Norton Simon als kunstvolle Kapitalanlage. »Ich habe in den letzten zwei Jahren zwischen 15 und 16 Millionen Dollar für asiatische Kunstwerke ausgegeben«, erklärte der Sammler freimütig, »die meisten waren geschmuggelt.«

Kunstraub in Peru: Kaum hatten mißtrauische Washingtoner Zollfahnder die vier Koffer des Passagiers David Bernstein geöffnet, da füllte sich der Flughafenraum mit bestialischem Gestank. Zwischen den modrigen Mumienkleidern, die wohl tausend Jahre in peruanischer Erde gelegen hatten, fanden die Zöllner eine Totenmaske aus Gold und Silber, Lapislazuli-Schmuck und Tongefäße, einen vollständigen präkolumbianischen Grabschatz also, den der amerikanische Jet-set-Kunsthändler aus Peru herausgeschmuggelt hatte.

»So etwas haben wir nicht in unseren Museen«, klagte Kurator Clifford Evans, als Bernsteins gesammeltes Schmuggelgut in einer Ausstellung der National Geographic Society in Washington präsentiert wurde, »und so etwas gibt es auch nicht in peruanischen Museen.«

Der Kunsthandel mit alten Schätzen aus der Dritten Welt für Sammler in den reichen Industrieländern ist zu einem Milliarden-Geschäft geworden - auf ähnlich verschlungenen Pfaden wie der internationale Drogenhandel. Und das einzige, was diese drei Fälle zu Ausnahmen der Kunstbranche macht, ist die Tatsache, daß sie ans Tageslicht kamen.

Zwei Drittel afrikanischer Kunst- und Kultgegenstände in Europa und den USA, so schätzen Experten, verschwanden in den letzten zwanzig Jahren aus dem Schwarzen Kontinent. Nicht durch Kampfhandlungen, sondern durch vorsätzliche Plünderei wurden 1971, im Unabhängigkeitskrieg von Bangladesch, 2000 Hindu-Tempel zerstört und 6000 Skulpturen gestohlen oder zerschlagen, klagt Enamul Haque, Museumsdirektor im heutigen Bangladesch.

Per Hubschrauber holen die Schmuggler Hunderte von Maya-Stelen aus Mittelamerika heraus - Kunstraub auf Bestellung, denn die Kunden haben sich die Objekte schon per Katalog ausgewählt, der heimlich in New York zirkulierte.

Schuld an dem Skandal ist der internationale Kunsthandel, der die Stätten des Altertums »zu Zielen eines noch nie dagewesenen Ansturms von Räubern gemacht hat«, so der amerikanische Journalist Karl E. Meyer in seinem Buch »Geplünderte Vergangenheit«. _(Karl E. Meyer: »Geplünderte ) _(Vergangenheit«, 1977, Edition Sven Eric ) _(Bergh, Zug; 320 Seiten, 38 Mark. )

»Jede illegale Grabung bringt die Zerstörung _(1983 im Britischen Museum vor den »Elgin ) _(Marbles«. )

des archäologischen Zusammenhanges mit sich«, klagt der Schweizer Historiker Pierre Ducrey.

»Für die Dritte Welt sind die Terms of Trade dieses grauen Marktes oft noch schlechter als bei Zucker und Kaffee«, sagt Herbert Ganslmayr, Direktor des Überseemuseums in Bremen und Vorsitzender des Internationalen Museumsrats. Denn die Huaqueros (so heißen die Kunsträuber in Peru, Ecuador oder Kolumbien) sind meist arme Bauern, die für eine Handvoll Dollar die Gräber ihrer Vorfahren ausheben.

Verständlich, daß sich die Indios in den Andendörfern, schlechtbezahlte afrikanische Museumsdiener oder indische Tempelwächter ein Taschengeld verdienen wollen.

Das große Geld machen die Händler, etwa an der Madison Avenue in New York, in Galerien von London oder München, die »Swiss Connection«, die Drehscheibe des Kunst-Schmuggels in Basel und Zürich und ihre Kunden: »Kunst kann die lukrativste Investitionsform sein«, so das amerikanische Magazin »Fortune«.

Die Preise steigen und steigen. Das ist zumindest für den amerikanischen Markt nicht so unerklärlich, denn dort genießen die Sammler unerhörte Steuervorteile, einmal beim Kunsterwerb, das zweite Mal, wenn sie zwecks Steuerminderung großzügige Schenkungen an ein Museum machen.

Diese Steuergesetze haben den Kunstboom nach dem Zweiten Weltkrieg erst gefördert - sie sind auch mitverantwortlich für die hohen Preise, die den illegalen Kunsthandel so lukrativ machen. Und rechtlich ist der Schmuggel so gut wie folgenlos, weil viele Länder zwar Ausfuhrverbote für ihre eigenen Kunstschätze, doch keine gegenseitigen Abkommen über die Auslieferung fremder Altertümer haben. Kunstraub gilt heute noch als Kavaliersdelikt.

Wenn sich westliche Kunsthändler in der Dritten Welt wie in einem Selbstbedienungsladen eindecken, läuft der Diebstahl bisweilen unter dem Titel »Kulturkonservierung": »Schließlich finden all diese Stücke in ihren Ursprungsländern nicht die gebührende Würdigung«, sagt Lowell Collins, Experte präkolumbianischer Kunst aus Houston in Texas, »hier werden sie gebildeten Menschen zugänglich gemacht.«

Damit knüpfen die heutigen Kunstschmuggler an die Tradition jener Kolonialherren an, deren Ruf als feinsinnige Kunstsammler bei näherer Betrachtung der historischen Wahrheit unterliegt: Sie waren fast ohne Ausnahme Räuber und Plünderer.

Nach Belieben packten die Kolonialherren früherer Jahrhunderte Eingeborenenkunst ein, wenn sie nicht - wie die Konquistadoren in ihrer Goldgier - ganze Kulturen in Süd- und Mittelamerika zerstörten.

Das frühe 19. Jahrhundert gab sich in Rechtfertigung seiner kulturellen Plünderungen weltoffen und aufgeklärt: Das Altertum war die »terra incognita«, die es zu entdecken galt. In London und Petersburg, Wien, Paris und Berlin wurden die Beutezüge an die antiken Fundstätten als »Sternstunden der Menschheit« gefeiert.

Aus Ägypten und dem Irak, aus Griechenland und der Türkei, Ceylon oder Westafrika schleppten Feldherren und Forscher tonnenweise Altertümer fort, ohne Pietät vor fremdem Kult und Besitz. Briten und Franzosen rafften im Wettlauf die Altertümer im Orient zusammen, stapeln sie bis heute in prunkvollen Museen, Stätten europäischen Geltungsbewußtseins, die der Journalist Gert von Paczensky als »gepflegte Räuberhöhlen« bezeichnet.

Amerikanische und europäische Museumsfachleute weisen solche Vorwürfe weit von sich. Sie empfinden sich als Bewahrer von Kulturgütern, die in den ehemaligen Kolonien angeblich längst verrottet und zerstört worden wären.

Und tatsächlich rettete etwa der deutsche Hobby-Archäologe Humann den Pergamon-Altar. »Erbittert über die Einwohner, die die herrlichen Marmorbildwerke in Öfen zu Kalk brannten oder sie als Baumaterial zerschlugen«, so Humann später, habe er das Kolossalkunstwerk aus der Türkei geholt.

Auch andere prominente Kunsträuber wie der französische Schriftsteller und spätere Kulturminister Andre Malraux, der in den zwanziger Jahren Ochsenkarren voller Khmer-Statuen in Indochina erbeutete, haben ihre Verdienste: Die schönsten Buddha-Figuren Südostasiens sind noch heute im Pariser Musee Guimet erhalten, während sie in Kambodscha zu Tausenden zerschlagen wurden.

Kunstraub damals wie heute - ob alles Kulturgut rechtmäßig oder widerrechtlich in den europäischen Musentempeln liegt, darüber streiten Nord und Süd seit Jahren.

»Unsere Sammlungen sind 1781 legal entstanden«, rechtfertigt sich der Direktor des Britischen Museums, David Wilson, »1881 haben wir alles ehrlich erstanden, und auch 1981 haben wir alles auf rechtmäßigem Wege erworben.«

Das bezweifeln die Vertreter der Dritten Welt. Seit der senegalesische Unesco-Generalsekretär Amadou M''Bow vor fünf Jahren die »Wiederherstellung der sozialen und kulturellen Identität« der ehemaligen Kolonialvölker und die Rückgabe der Kunstschätze an die Ursprungsländer forderte, sehen sich Amerikaner und Europäer als Diebe oder Hehler bezeichnet.

»Der geistige Reichtum Europas«, so behaupteten gar afrikanische Museologen auf einer Unesco-Tagung in Palermo, gehe auf die »Plünderung fremder Kulturgüter« zurück. Und tatsächlich stapeln sich in den Ausstellungsräumen, Kellern oder Magazinen westlicher Völkerkundemuseen 25 bis 30 Millionen Kunstgegenstände aus fremden Kulturen.

Die wertvollsten Stücke fordern die Drittweltländer zurück. »Was würde Frankreich denn sagen, wenn alle seine gotischen Kathedralen in den Senegal verschleppt wären?« fragt Salah Stetie, libanesischer Poet und Diplomat. »Das ist ein Angstschrei der Entwicklungsländer angesichts der kulturellen Leere, welche die Plünderungen hinterlassen haben«, so P. H. de Silva, Direktor der nationalen Museen in Sri Lanka.

Prominenteste Vertreterin der Rückgabeforderungen ist die griechische Schauspielerin und Kulturministerin Melina Mercouri, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem Pathos einer Tragödin die »Elgin Marbles«, das Herzstück des Britischen Museums, für Athen zurückfordert.

Lord Elgin, Diplomat in Athen, hatte 1801 bis 1803 rund 80 laufende Meter des Parthenonfrieses auf der Akropolis abgebaut und später für 35 000 Pfund an den britischen Staat verkauft.

Kurioserweise verlangt die Griechin nichts von ihren sozialistischen Parteifreunden in Frankreich, obwohl Napoleons Abgesandte ebenfalls Kisten und Kästen voll Kostbarkeiten aus Athen fortgeschafft hatten.

Der mexikanische Anwalt und Journalist Jose Luis Castaneda begnügte sich nicht mit rhetorischen Forderungen. Im vergangenen Sommer lieh er den wertvollen Azteken-Kodex »Tonalmatl Aubin« in der Nationalbibliothek in Paris aus, versteckte das Kunstwerk aus Baumrinde unter seinem Mantel und brachte es heim nach Mexiko, wo es seiner Meinung nach hingehört. Von den Franzosen als Dieb beschimpft, wurde Castaneda in seiner Heimat als Held gefeiert, der einen lange vermißten Schatz heimholte.

»Jedes Volk hat das Recht und die Pflicht, sein kulturelles Erbe zu verteidigen und zu erhalten«, beschloß die Unesco vergangenen Sommer in Mexiko-Stadt. Mancher westliche Museumsdirektor zeigte denn auch für die Forderungen der Dritten Welt Verständnis und sandte fremde Kunst an ihren Herkunftsort zurück: *___Belgien schickte 1977 mehrere tausend

Kunstgegenstände an seine afrikanische Ex-Kolonie Zaire zurück, das Museum von Tervueren half bei Aufbau und der Konservierung in Kinshasa. *___1977 sandten vier nordamerikanische Museen ____präkolumbianische Terrakotten und Grabbeigaben an Peru ____und Panama. *___Papua-Neuguinea erhielt aus Australien und Neuseeland ____Masken und Kultgegenstände zur Einweihung seines ____Museums zurück. *___1981 empfing Robert Mugabe, Premierminister von ____Simbabwe, fünf Vogelskulpturen aus Kapstadt, die ____Südafrika im Tausch gegen eine Insektensammlung nach ____90jährigem Exil zurückschickte.

Die Deutschen haben bisher noch keine Kunstschätze herausgerückt, dabei haben auch sie sich im kolonialistischen Kunstraub hervorgetan, wie etwa jener Ludwig Borchardt, damaliger Chef des Deutschen Instituts für Ägyptische Altertumskunde in Kairo.

1912 hatte Borchardt in den Ausgrabungsfeldern von Tell el-Amarna die Statue der Nofretete gefunden und sie unauffällig in die Transportkisten nach Berlin verpackt. Der französische Kontrolleur, der damals für den Export zuständig war, konnte sich nicht mehr erinnern, eine Export-Genehmigung unterschrieben zu haben.

1975, als sich Ost- und West-Berlin über den endgültigen Standort von Nofretete stritten, schlug die ägyptische Zeitung »Al-Ahram« vor, die Nilkönigin doch an ihr Heimatland zurückzugeben. Wohl um dem vorzubeugen, steht seitdem im Katalog des West-Berliner Museums kategorisch: »Nofretete ist immer hier«.

Als aber der Tourismusminister von Sri Lanka kürzlich nach Berlin kam, um über einige ceylonesische Tanzmasken zu verhandeln, von denen das Völkerkundemuseum über 100 aufhebt, deutete Werner Knopp, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die »Chance eines Tausches« an. »Man spricht wenigstens miteinander«, resümiert Bremens Museumsdirektor Ganslmayr.

Der hatte sich mittlerweile ohnehin von den Museumshallen auf das rauhe Feld des internationalen Kunstschiebertums verlagert. »Wenn man der Dritten Welt schon die Jacke ausgezogen hat, muß sie jedenfalls jetzt ihr letztes Hemd verteidigen«, gestand ein amerikanischer Museumsfachmann. Deshalb liegt den Entwicklungsländern viel daran, wenigstens heute den Kunstexport zu kontrollieren.

Schon 1970 beschloß die Unesco in Paris eine Konvention gegen den Kunstschmuggel, die vorsieht, daß geraubte Schätze an das Herkunftsland zurückgehen. Da aber bisher das Abkommen nur von Kanada, Italien und Frankreich ratifiziert wurde, hat es kaum mehr Kraft als »eine Wasserpistole, die gegen Waldbrand eingesetzt wird«, so Kunstraubexperte und Buchautor Meyer.

»Auch die Bundesrepublik drückt sich noch immer vor der Ratifizierung«, bemängelt Ganslmayr, »es gibt bei unseren Museen keine verbindliche ''Ethik der Anschaffung''.« Wenn die Konvention gegen den Kunstschmuggel erst einmal weltweit unterzeichnet wäre, müßten die Händler genauen Nachweis über die Herkunft der Stücke führen.

Doch selbst dann, so befürchten Kenner, blieben Nischen für skrupellose Kunstschmuggler, die sicher »irgendeinen Adeligen fänden, der beim blauen Blut seiner Vorfahren schwört, daß diese oder jene Etruskervase oder griechische Skulptur aus uraltem Familienbesitz stammt«.

Auch wenn die staatlichen Museen sich beim Ankauf von Kunstwerken zweifelhafter Herkunft zurückhalten - »da gibt es unendlich viele Privatsammlungen, wo das Zeug auf Nimmerwiedersehen verschwindet«, meint Ganslmayr.

Doch die Thai haben ein geniales System entwickelt, um ihr Kulturgut vor gierigen Kunstliebhabern zu schützen. Alle Skulpturen und Kunstgegenstände, die älter als 50 Jahre sind, müssen einen thaibeschrifteten Stempel des Bangkoker Nationalmuseums führen - aber auch die neuen Stücke.

Der Händler verkauft nur die Kopie eines Ajuthaja- oder Khmer-Kunstwerks, der Tourist aber nimmt den für ihn nicht zu entziffernden Exportstempel des Nationalmuseums als Garantie für Echtheit und Alter.

Beide - Händler und Verkäufer - sind auf diese Weise zufrieden. _(1981 mit einer Vogelskulptur, die ) _(Südafrika zurückgab. )

Karl E. Meyer: »Geplünderte Vergangenheit«, 1977, Edition Sven EricBergh, Zug; 320 Seiten, 38 Mark.1983 im Britischen Museum vor den »Elgin Marbles«.1981 mit einer Vogelskulptur, die Südafrika zurückgab.

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