ALBANIEN »Erlösung vom Diktator«
Nano, 44, war 1994 in einem Schauprozeß zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Präsident Sali Berisha beschuldigte ihn der Unterschlagung von Staatsgeldern und des Landesverrats. Vorige Woche wurde Nano amnestiert. Seine Sozialisten, die Nachfolger der alten KP, sagten sich erst im August 1996 vom Marxismus los.
SPIEGEL: Immer mehr Albaner sehen in Ihnen den Nachfolger von Präsident Berisha. Wären Sie bereit, das Amt zu übernehmen?
Nano: Ich bin kein Deserteur, ich werde mich der Verantwortung nicht entziehen, wenn meine Partei es von mir verlangt. Sollte Präsident Berisha zurücktreten, würde er für zwei Wochen vom Parlamentspräsidenten ersetzt. Danach wählt das Parlament einen neuen Präsidenten. Doch in dem halten Berishas Demokraten die Mehrheit der Sitze. Ein Großteil dieser Abgeordneten fürchtet den Verlust ihrer Privilegien.
SPIEGEL: Im Juni sollen aber Neuwahlen stattfinden. Wäre dann der Weg für einen neuen Präsidenten endgültig frei?
Nano: Es kann keine wirklich freien Wahlen geben, solange sich Berisha so verbissen an die Macht klammert. Wir hatten mit der internationalen Gemeinschaft vereinbart, daß er sich nicht mehr in die Regierungspolitik einmischen sollte. Er hält sich nicht daran. Sein Geheimdienstchef ist zwar zurückgetreten, sitzt aber immer noch in seinem Büro. Fernsehen und Radio werden von Berisha nach wie vor kontrolliert, ebenso wie die Präfekten der einzelnen Regionen und die Bürgermeister.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, daß die neue Allparteienregierung nur eine Marionette des Präsidenten ist?
Nano: Die Opposition schlug vergangene Woche vor, den Geheimdienst zu reformieren und die Präfekten sowie die Bürgermeister nach dem politischen Kräfteverhältnis neu zu bestimmen. Berishas Demokraten lehnten ab.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß internationale Beobachter Wahlfälschungen verhindern können?
Nano: Von denen gab es auch bei den letzten Wahlen im Frühjahr 1996 genug, und sie versagten. Darauf werden wir uns nicht verlassen. Damals wurden Bürger mit dem Gewehr zur Stimmabgabe gezwungen. Wenn das Machtmonopol weiter in Berishas Händen liegt, wird die gesamte Opposition die Wahlen boykottieren.
SPIEGEL: Könnte das nicht die Gefahr eines Bürgerkriegs heraufbeschwören?
Nano: Diese Gefahr bestand nie. Hier revoltiert ein Großteil der Bevölkerung gegen Ungerechtigkeit, Korruption und Schutzlosigkeit. Die Aufständischen wünschen sich nicht den Kommunismus zurück, sie wollen ein Ende der Diktatur. Berishas Geheimdienst Shik kontrolliert die gesamte Opposition.
SPIEGEL: Nun sollen die meisten Geheimdienstagenten ins Ausland geflohen sein.
Nano: Ich schlafe immer noch nicht in meinem Haus. Täglich erhalte ich Drohungen, man werde mich und andere Oppositionsführer liquidieren. Und glauben Sie mir, ich bin kein ängstlicher Mann. Es war die Shik, die amerikanische Hubschrauber während der Evakuierungsaktion beschoß; die Agenten planen noch immer hinter der Fassade vermeintlicher Stabilisierung terroristische Anschläge. Berisha will die Situation in einem kritischen Stadium halten, um an der Macht zu bleiben.
SPIEGEL: Dennoch waren Sie gegen den Vorschlag der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, eine militärische Hilfstruppe zu entsenden.
Nano: Wen sollen diese bewaffneten Truppen aus dem Ausland verteidigen? Berisha? Die Albaner sind fast alle bewaffnet, und ausländische Truppen wurden immer als Okkupatoren gesehen, da gibt es traditionelle Widerstände in der Bevölkerung. Was wir brauchen, sind Militär- und Sicherheitsberater, um den zusammengebrochenen Staat wieder aufzurichten.
SPIEGEL: Die Aufständischen im Süden wollen die Waffen erst nach dem Rücktritt Berishas abgeben; sie sind zur dritten Macht im Staat geworden. Wird es der Regierung gelingen, zwischen ihnen und dem Präsidenten zu vermitteln?
Nano: Die Regierung akzeptiert kein Ultimatum. Im Süden fordern bewaffnete Bürgerkomitees ultimativ den Rücktritt Berishas. Im Norden fordert ein Komitee, das Berisha unterstützt, den Rücktritt der Regierung. Mir scheint, daß der alte Machtapparat den Konflikt noch immer mit Gewalt entscheiden möchte.
SPIEGEL: Und wo wäre der Ausweg aus der Krise?
Nano: Die Bewaffneten im Süden stehen nicht unter Kontrolle der Sozialistischen Partei. Diese Menschen wollen auch nicht ins Ausland fliehen, sie sind bereit, ihre Häuser notfalls mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Wir müssen dringend mit ihnen reden, sie haben ein Recht auf einen Dialog über die Zukunft Albaniens.
SPIEGEL: Die Delegierten der EU sprachen vergangene Woche auch mit Ihnen. Worum ging es?
Nano: Man hat uns Zusammenarbeit versprochen. Aber die EU sollte nicht blauäugig sein und begreifen, wer der tatsächliche Störenfried ist. Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit. Die Lebensmittelvorräte reichen nur noch für eine Woche. Finanzminister Malaj meldete den Staatsbankrott an, die Löhne können nicht mehr ausgezahlt werden. Ein ganzes Land wartet auf die Erlösung vom Diktator, um neu zu beginnen. Ich kann mich nur noch dem Appell des Papstes anschließen: Was wir brauchen, sind Versöhnung und Liebe, keine neuen Feindseligkeiten.