ERNST JÜNGER - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 182

Februar 1998 ERNST JÜNGER

Von Rudolf Augstein
• aus SPIEGEL Chronik 54/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wann schon ist einem gegeben, das Jahrhundert, in das er hineingewachsen ist, zu überrunden, fast dessen Ende noch zu erleben, und das körperlich und geistig bis zuletzt in präsentabler Form? Zu wem kommen Mächtige gepilgert wie Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand? Wer erhielt noch vom Kaiser selbst den höchsten Orden - und wurde dafür so beneidet wie ein gutes Menschenalter später geschmäht, als die Stadt Frankfurt ihm den Goethepreis verlieh?

War Ernst Jünger, elitärer Autor des kriegsverherrlichenden Weltkrieg-I-Tagebuchs »In Stahlgewittern«, ein »geistiger Nazi-Wegbereiter«, so linke Kritiker, oder aber einer, der mit seiner Schilderung von eigenen Drogen-Erfahrungen Fixern und Haschern das Wort redete, wie es einen CDU-Volksvertreter graute?

Der Schriftsteller Jünger war jedenfalls einer, an dem sich zeitlebens viele rieben, der es Hitler bei aller Gedankennähe nicht recht machen konnte, den der Kommunist Karl Radek für seine Schrift »Der Arbeiter« pries, in der er wohl entgegen allen Intentionen des Autors Züge von Lenin ausmachte. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein hat Ernst Jünger, damals noch in Kirchhorst bei Hannover, zum erstenmal 1949 besucht und danach eine Titelgeschichte über ihn geschrieben. Das letzte Mal diskutierten sie 1982 in Jüngers Haus im schwäbischen Wilflingen, wo der renommierte Insektenforscher auch gern seine einzigartige Käfersammlung vorführte. Aus Augsteins Geschichten und Interviews mit Jünger:

Im Jahre 1914 in Langemarck wäre er ganz gern gefallen, bekannte der Schriftsteller Ernst Jünger 1982 in einem SPIEGEL-Gespräch. Der Erste Weltkrieg war sein Bildungserlebnis und glorios, zumal er vom Kaiser selbst und nicht von Hindenburg den Orden »Pour le mérite« verliehen bekam. Für ihn war dieser Krieg nicht nur der einzige, in dem er kämpfte, sondern der letzte aller Kriege überhaupt. Mit diesem Krieg verschwand der »Typus« des Soldaten aus der Geschichte.

Was aber war dann der Zweite Weltkrieg für Jünger? Eben kein richtiger Krieg mehr, denn im Zweiten Weltkrieg herrschte eine gewisse Automatik; die beiden Atombomben auf Japan zählten für ihn zu einem neuen Zeitalter.

Daß beide Kriege durch überlegenes Material entschieden worden sind, kam diesem Autor nie in den Sinn.

Man hätte diesen kriegsbrünstigen Abenteurer ("Der Kampf als inneres Erlebnis") als Beobachter nach Stalingrad schicken sollen, wo es auch dem besten Stilisten und Kitschisten die Sprache verschlagen hätte. Es ist ihm ja auch gleich gewesen, wo er abenteuern konnte. Auch bei Garibaldis Soldateska wäre er als Capitano gern dabeigewesen, so sah er es wenigstens.

Von den Nazis, die sein Prestige vereinnahmen wollten, hielt sich der Einzelgänger konsequent fern. Ein Nazi war und wurde er nicht. Mit ihm sollte niemand paradieren können. Hitler ließ den »Pour le mérite«-Träger gewähren, obwohl dessen Diktion den Parteigrößen mißfiel.

1982 nahm er entgegen seinen Grundsätzen den Goethepreis der Stadt Frankfurt an, eine von schrillen Tönen begleitete, aber gleichwohl angemessene Ehrung. Von Jahr zu Jahr weniger umstritten, wird der Tote nun endgültig ins Pantheon erhoben werden.

(Zum Tode Jüngers im SPIEGEL 9/1998)

Ernst Jünger ist nahezu die einzige Persönlichkeit im deutschen Geistesleben, die nach Kriegsende wirklich in einem Wirbel von Zustimmung und Ablehnung stand ... Die Hymnen pflegt Jünger nur zu überfliegen, negativen Stimmen hört er sehr genau zu, nicht nur aus Eitelkeit. »Seit dreißig Jahren schwenken die Feuilletonredakteure meinen Skalp. Das bekommt mir ganz gut.«

Wie es in einem Feuilletonredakteur aussieht, weiß Ernst Jünger ziemlich genau. In den zwanziger Jahren war er selbst einmal für kurze Zeit Theaterkritiker und verriß in Berlin Ku'damm-Premieren. Damals brauchte Jünger Geld.

Seine Mitarbeit an Zeitschriften mit politisch eindeutigen Titeln wie »Standarte«, »Arminius«, »Vormarsch« hatte andere Motive. Schon damals wurde vom Autor des erfolgreichsten Kriegsbuchs mit anerkennend oder mißbilligend emporgezogenen Brauen gesprochen. Die »Stahlgewitter«, erste Auflage 1920, hatte der vierzehnmal verwundete Stoßtruppführer aus zerfledderten, blut- und schlammbespritzten Notizbüchern niedergeschrieben.

(Titelgeschichte im SPIEGEL 4/1950)

SPIEGEL: Den Nazistaat, der sich nach 1933 entwickelt hat, haben Sie so nicht gewollt. Ebenso klar ist, daß Sie auch die Weimarer Republik, die erste deutsche Demokratie, nicht gewollt haben ... Was wollten und wollen Sie dann politisch?

JÜNGER: Als ich aus dem Krieg zurückkam und mir der Versailler Vertrag serviert wurde, da dachte ich, das ist eine kannibalische Sache, die unter allen Umständen geändert werden muß ... Daß Hitler den Versailler Vertrag nicht wollte, damit war ich ganz einverstanden.

SPIEGEL: Was werfen Sie Hitler eigentlich vor?

JÜNGER: Sein ganz offenbares Unrecht nach 1938. Mit Hitlers Sudetenland-Politik und dem Anschluß Österreichs bin ich noch heute völlig d'accord. Aber den Charakter Hitlers habe ich sehr bald erkannt ... Hitler ist ein klassisches Beispiel dafür, daß ein Mann, der von Grund auf unmoralisch ist, auch unlogisch handelt.

SPIEGEL: Wiederholt sich die Aversion gegen die Weimarer Republik als Aversion gegen die bürgerliche Demokratie, in der Sie jetzt leben?

JÜNGER: Was heißt Demokratie? Demokratie ist ja kein feststehender Begriff. Wenn ich in Griechenland lebe, unter dem guten Perikles, dann bin ich Demokrat; wenn ich in der DDR lebe, die sich Demokratische Republik nennt, dann bin ich ein Antidemokrat.

SPIEGEL: Von Tod, Untergang und Zerstörung ist für Sie eine große Faszination ausgegangen. Ihnen wird immer wieder die Stelle aus den »Strahlungen« vorgeworfen, wo Sie mit einem Glas Burgunder in der Hand das Schauspiel der Bombardierung von Paris anschauen und später den Satz zu Papier bringen: »Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird.«

JÜNGER: Da kommen also 1944 englische Bomber, die wollen das »Raphael« bombardieren, und der Jünger sitzt gerade bei einem Gläschen Sekt und hat eine Erdbeere drin. Diese Engländer denken, der geht jetzt in den Bunker. Da haben sie sich aber getäuscht. Auf diese Spielregeln lasse ich mich nicht ein. Aber die anderen Deutschen und die Franzosen tun das. Sie gehen in den Luftschutzkeller, aber das ist meine Sache nicht.

Ich gehe in die oberste Etage und sehe mir den Luftangriff an. Und sehe vielleicht durch das Sektglas. Dann ist das noch ein gewisses Bruderschaftstrinken mit dem Tode. Das ist der Anarch. Das ist der Mann, der sich nicht kümmert um die, die da oben Angst machen wollen, und um die, die da unten Angst haben, sondern der, der da gemütlich am Fenster steht und sieht: Die Erdbeere kristallisiert.

Später dachte ich, das kann ich den Leuten doch nicht vorenthalten. Das muß ich ihnen aufschreiben. Was passiert aber? Sowohl Engländer als auch Deutsche schimpfen: Das ist ja wie bei Kaiser Nero, oder der Autor ist noch snobistischer als Oscar Wilde.

Ich streite mich mit meiner Frau immer wieder über Nero, für den sie nichts übrig hat. Ich sage: Der Nero, das ist doch ein Mann, der war zum Künstler geboren, jetzt mußte der arme Kerl noch Kaiser werden ... Und wenn ich »Kriegsverherrlicher« genannt werde, lehne ich das keineswegs ab, denn auch Homer ist ein Kriegsverherrlicher und tausend Leute nach ihm.

(Aus einem SPIEGEL-Gespräch, 33/1982)

Ja, das ist in unserer westlichen Welt wohl einmalig. Ein Mann geht mit 17 vor dem Abitur zur französischen Fremdenlegion, wird dort wieder herausgeholt, kämpft im Ersten Weltkrieg gegen Frankreich, wo so lange »erfolglos auf ihn geschossen wird« (Jünger), bis er den friderizianischen Orden »Pour le mérite«, die höchste ihm erreichbare Auszeichnung, verliehen bekommt. Er ist nicht nur letzter Überlebender, sondern überhaupt letzter Träger dieser Auszeichnung.

Derselbe Mann ist jetzt 98 Jahre alt und macht keinerlei Anstalten, die 100 nicht zu erreichen. Jeden Morgen badet er kalt, obwohl ihn das nach eigener Bekundung hart ankommt. Der lebenslang geliebte Champagner kann ihm nichts mehr anhaben.

Er publiziert seit 73 Jahren in blendendem Stil, soeben den dritten Band des Alterstagebuchs »Siebzig verweht«, das die Jahre 1981 bis 1985 umfaßt.

(Über den dritten Tagebuchband, SPIEGEL 38/1993)

Ob Ernst Jünger einer der großen Schriftsteller oder gar Epiker dieses Jahrhunderts gewesen ist, möchte man sich am liebsten gar nicht erst fragen. Das Leben als solches, davon 80 Jahre in beeindruckender Stilistik, gibt die Antwort, die er wohl selbst geben würde: Nicht das Ergebnis zählt, sondern mein Leben.

(SPIEGEL 12/1995)

Zur Ausgabe
Artikel 23 / 182

Mehr lesen über