Israel Ernstfall Frieden
Die schmale Ladenfront an der Hauptstraße sieht nicht aus wie die erste Adresse von Ramallah. Verbeulte Eisenläden verschließen den Eingang, Graffiti und politische Slogans sind auf die Wände gesprüht.
Das triste Äußere täuscht. Tatsächlich zählt die schlichte Immobilie unweit des Marktes zu den umsatzstärksten Lagen der Stadt 18 Kilometer nördlich von Jerusalem: Wer auf diesem Dutzend Quadratmetern sein Geschäft aufmachen will, muß ein »Schlüsselgeld« von mehr als 105 000 US-Dollar zahlen - zuzüglich zur Monatsmiete.
Derart astronomische Ablösesummen sind kein Einzelfall. Überall in den von Israel besetzten Gebieten boomt der gewerbliche und private Immobilienmarkt. Ganz gleich, ob in den Villenvierteln von Ramallah und Hebron oder den Zentren von Nablus und Jericho - selbst rund um Flüchtlingslager sind die Preise für Häuser oder Baugrund in den vergangenen zwölf Monaten um etwa 40 Prozent gestiegen.
Zehn Monate nach dem Auftakt der Nahost-Friedensgespräche in Madrid - Israelis und Palästinenser setzen Anfang dieser Woche in Washington ihren zähen Verhandlungsmarathon fort - treffen im Westjordanland und dem Gaza-Streifen umsichtige Geschäftsleute schon Vorkehrungen für den »Ernstfall Frieden«, so ein Journalist der Ost-Jerusalemer Zeitung El-Fadschr.
Der Ernstfall scheint trotz des diplomatischen Feilschens um Prinzipien so nah wie nie zuvor in der Geschichte des mehr als 40jährigen israelisch-arabischen Dauerkonflikts: Konziliant wie kein Regierungschef vor ihm, erklärte vergangene Woche Israels Premier Jizchak Rabin, daß er zu einem Teilabzug auf den 1967 von Syrien eroberten Golan-Höhen bereit sei: »Wir brauchen dort nicht an jedem Zentimeter festzuhalten.«
Das Zugeständnis, von Israels Opposition als »schädlicher Polit-Striptease« gebrandmarkt, wurde von den USA und der EG mit Genugtuung aufgenommen. Auch Bonn, wo Rabin am Montag zu einem Besuch erwartet wird, reagierte zufrieden.
Vor allem aber zeigte Syrien Anzeichen eines Kurswechsels: Zwar wiederholte Präsident Hafis el-Assad die Forderung nach völliger Rückgabe der Golan-Höhen. Erstmals und sogar schriftlich bekannte sich Syrien jedoch zu einer echten Aussöhnung mit dem jüdischen Staat. »Das ist«, jubelte Israels Außenminister Schimon Peres, »eine Sensation.«
Solch neuer Optimismus beflügelt nicht nur einheimische Unternehmer, sondern auch Anleger aus arabischen Nachbarländern: Sechs Jahre nachdem die Cairo Amman Bank im Westjordangebiet ihre Schalter öffnete, wittert jetzt auch die Konkurrenz das Geschäft. Die Bank of Jordan plant nach 25jähriger Unterbrechung die Eröffnung von sechs Zweigstellen. Andere Finanzinstitute verhandeln noch mit Israels Zentralbank, sichern sich aber bereits den allerorts knappen Büroraum.
Die Mehrzahl der ernsthaften Interessenten sind im Ausland lebende Palästinenser: wohlhabende Geschäftsleute aus Nord- und Südamerika oder in Jordanien lebende Flüchtlinge aus Kuweit und Saudi-Arabien, die einen Teil ihres Vermögens retten konnten. Während der Sommermonate kamen - ein Rekord - rund 50 000 Diaspora-Palästinenser. Manche der Besucher denken nun über handfeste Investitionen nach.
Die einen legen ihr Kapital zunächst in einem Zweitwohnsitz oder einer Wohnung für die Verwandtschaft an, die Rückwanderer aus den Golfstaaten stecken ihre Ersparnisse zumeist in den Aufbau einer neuen Existenz. »Die Leute haben begriffen«, sagt Samir Huleila, Direktor der Gruppe für wirtschaftliche Entwicklung, »daß hier der Markt noch offen ist.«
Das erkannte Daniel Issa, 45, bereits vor Jahren. Der Palästinenser, der in den USA studierte und in Oxford seinen Magister machte, gründete in London seine erste Im- und Exportfirma mit 1000 US-Dollar Startkapital - geliehen von seiner Mutter. 1987 beantragte er bei Israels Militärgouverneur eine Fabrikationslizenz - ohne Erfolg.
Als der hartnäckige Geschäftsmann durch den Kauf einer kleinen Limonadenfabrik endlich doch im Westjordanland Fuß fassen konnte, brach die Intifada aus. Das Unternehmen blühte dennoch: Zwar behinderte der palästinensische Volksaufstand mit Dutzenden von Streik- und Gedenktagen die Sprudel- und Saftherstellung. Aber Issas Modern Beverage Co. profitierte vom Aufruf der PLO, »nationale Produkte« zu kaufen.
Heute residiert der Selfmademan in einem imposanten Chefbüro. 12 Manager und 200 Arbeiter erwirtschaften »mehrere Millionen Dollar« Jahresumsatz. Und Issa hat bereits neue Ideen. Gemeinsam mit anderen Kapitalgebern ist der Bau einer Getreidemühle geplant, groß genug, um 40 Prozent der Bevölkerung des Westjordanlandes zu versorgen.
Der Erfolg dieses dynamischen Unternehmers ist allerdings die Ausnahme. Die rund 60 Lizenzen für Geschäftsgründungen, die Israels Militärgouverneur seit Anfang des Jahres im Westjordanland vergab, betreffen bescheidene Projekte - die Herstellung von Heißwasserboilern, Textilien, Plastik oder Babywindeln. Das gesamte Investitionsvolumen beträgt gerade 60 Millionen Dollar.
Dabei fehlt es nicht einmal an Geld. Banken in den besetzten Gebieten verweigerten bislang durchweg die Annahme von Spareinlagen, weil sie die Guthaben gar nicht verwenden konnten. Und als jüngst Aktien zur Gründung einer palästinensischen Versicherungsgesellschaft angeboten wurden, waren die Anteilscheine in Höhe von rund drei Millionen Dollar binnen 48 Stunden ausverkauft.
»Wir brauchen strategische Investitionen«, fordert daher auch Samir Huleila, »wir brauchen eigene Banken, einen kontrollierten Finanz- und Aktienmarkt. Wenn wir erst einmal unsere eigenen Institutionen haben«, so der Wirtschaftsexperte, »werden auch Manager, Industrielle und ausländische Kapitalgeber folgen.«
»Wunschdenken« nennt Serop Ohanessian solch optimistische Voraussagen. Der Unternehmer, dessen Fabrik - Jahresumsatz: acht Millionen Dollar - Papiertaschentücher, Verpackungskartonagen und Babywindeln produziert, betrachtet euphorische Annahmen über Wirtschaftswachstum in den besetzten Gebieten mit Skepsis. »Investitionen werden ausbleiben, solange nicht geklärt ist, wie das Verhältnis der israelischen und palästinensischen Wirtschaft geregelt sein wird.«
Das freilich ist nicht mal im Ansatz erkennbar. Vorläufig streiten Palästinenser und Israelis noch um solch grundsätzliche Themen wie die Kontrolle von Wasser, Land und Siedlungen. Zwar träumen manche Palästinenser schon von Freihandelszonen nach dem Vorbild Hongkongs oder Singapurs. Doch die Diskussion um wichtige Details wie Zölle, Importquoten, Einkommen- und Mehrwertsteuer hat noch nicht begonnen.
Schlimmer noch: Die palästinensischen Fachleute sind sich untereinander nicht einmal einig, ob und wie die eng miteinander verwobenen Wirtschaftsräume Israels und des autonomen Palästinas miteinander verknüpft sein sollen.
Die Palästinenser könnten in Zukunft für den jüdischen Staat durchaus zu einem ernsthaften Konkurrenten werden. Die Tel Aviver Zeitschrift Israel Business Today entwarf schon das Gruselbild eines »Mexiko im Westjordanland«.
»Wie wird Israels Industrie auf die Herausforderung billigerer Arbeit reagieren«, so das Fachblatt, »wie wird Israels Landwirtschaft mit einer autonomen Agrarwirtschaft fertig, wo Löhne zehnmal billiger sein könnten?«
Unternehmer Issa hält solche Ängste für Unsinn: »Der Gesamtumsatz unserer Industrie liegt bei 400 Millionen Dollar, das entspricht gerade einem Drittel vom Jahresumsatz des israelischen Nahrungsmittelkonzerns Tnuva.«
Zudem, glaubt Issa, würden auch die Israelis mittelfristig an einem palästinensischen Wirtschaftswunder verdienen: In fast allen Branchen kommen die Rohstoffe weitgehend aus israelischen Quellen - die Besatzungsmacht verdient mit.
Auch Samir Huleila will die palästinensische Wirtschaft nicht durch Quoten, Zölle und Tarife gegen Israel abgeschottet sehen. Er fordert lediglich »einen fairen Deal«. Die besten Chancen sieht er in der Entwicklung eines nahöstlichen Wirtschaftsbundes mit Israel und Jordanien. »Wir brauchen keine zusätzlichen Barrieren und Mauern.«
Vielleicht, so sinniert auch Serop Ohanessian, wird es irgendwann einmal eine Lösung nach dem Vorbild der Benelux-Staaten oder der EG geben - politische Autonomie gepaart mit wirtschaftlicher Integration. »Je freundlicher sich die ökonomische Koexistenz von Palästina und Israel gestalten wird, um so besser: Wir alle können davon nur profitieren.«