Erschreckt und befremdet
(Nr. 13/1981, Zeitgeschichte: Das neue Buch von Albert Speer: Juden als Rüstungs-Zwangsarbeiter)
Ich finde, Herr Albert Speer hätte sich mit dem reichlichen Gewinn aus seinen beiden vorausgegangenen Büchern begnügen sollen und den Versuch seines dritten Buches »Der Sklavenstaat, meine Auseinandersetzung mit der SS« unterlassen sollen, mit dem er sich als menschenfreundlicher Beschützer der jüdischen Sklavenarbeiter hinstellen möchte.
Guatemala DR. LUDWIG ROSENTHAL
Schon die Rubrikbezeichnung »Zeitgeschichte«, mit der die Besprechung des neuen Speerbuches überschrieben wird, erweckt in seiner harmlos-nüchternen Wissenschaftlichkeit ein Befremden und später ein Erschrecken. Ist Speer ein Historiker, der recherchiert und referiert, oder ist er ein Hauptverantwortlicher für millionenfaches Leid, millionenfachen Mord? In Ihrem Artikel wird deutlich, daß er über die Greuel der KZs Bescheid wußte, daß er aus ihnen Zwangsarbeiter rekrutierte, daß er die KZ-Häftlinge noch zu gut untergebracht fand usw. Heute lebt er hier in Heidelberg in schönster S.14 Wohngegend -- und schreibt Bestseller. Und der SPIEGEL sorgt für hohe Auflagenziffern, indem er Auszüge aus diesem Buch abdruckt. Wem geht der Gewinn aus diesen Bestsellern zu, Speer oder seinen Opfern? Bei intaktem Rechts- und Gerechtigkeitsgefühl ist es unerträglich zu wissen, daß Speer noch heute mit seinen »Abenteuern« Geld und Ruhm einstreicht.
Heidelberg REINER ALTING
Kaum haben wir in dem Fernsehstück »Spiel um Zeit« das Entsetzliche und Unfaßbare von Auschwitz noch einmal vor Augen geführt bekommen, da beginnt der SPIEGEL mit dem Abdruck des neuen Speerbuches. Ist das die Ausgewogenheit der Medien? Das Opfer erzählt, der Mörder erzählt -- Pluralismus des Grauens.
Heidelberg HELLA EL-ALAMY
Der Mitteilungsdrang von Herrn Speer hat etwas Entsetzliches. Die Spekulation, daß Deutschland mit Hilfe der tüchtigen Juden -- »Ich denke beispielsweise an die Atomphysiker, die dann in den Vereinigten Staaten die Atombombe bauten« -- vielleicht doch noch den Krieg hätte gewinnen können, wenn man sie nicht umgebracht hätte, ist genau das, was wir von diesem großen Geist noch lesen wollten. Wenn diesem unverwüstlichen Schreibtischtäter endlich der Sargdeckel auf die Pfoten fiele, wäre das sicher noch nicht die Endlösung für das Nachdenken in dieser Sache, aber vielleicht eine Gnade, oder?
Berlin STEFAN SCHROTH
Vielleicht sind Sie alle zu jung in der Redaktion, um sich noch dieses Subjekts während der Nazizeit zu erinnern. Dieser Mann hatte doch genügend Intellekt, um die Schandtaten und schändlichen Absichten des Massenmörders Hitler von vornherein zu durchschauen. Aber seine, am Schicksal des Reiches (dem er zu dienen vorgab) gemessen jämmerlich unwichtige Karriere war ihm natürlich bedeutsamer als die seit 1934 (spätestens!) voraussehbare zivilisatorische und militärische Zerstörung seines Vaterlandes. »Der Sklavenstaat": Es widert mich geradezu an, wie er den jetzt darstellt, nachdem er zu seinen prominenten Vorbereitern gehört hat.
München DR. RICHARD HAGER