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FAMILIE Erst mal Sendepause

Nörgelnde Geschwister im Westen, arbeitslose Cousinen im Osten - Gerhard Schröders medienwirksame Verwandtschaft attackiert den Kanzler.
• aus DER SPIEGEL 8/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sonderschullehrerin Ilse Brücke sitzt an ihrem Ikea-Esstisch und trinkt schwarzen Kaffee. Über ihr, auf der Anrichte, klemmt ein Gruppenbild der Familie - sie im Kreis von Mutter, Bruder und Schwägerin. Gleich daneben eine Postkarte mit dem Satz: »Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.«

In der vorvergangenen Woche tat die 48-Jährige aus Paderborn einen großen Schritt. Sie griff zum schnurlosen Siemens-Telefon und wählte die Nummer des Bundeskanzlers. Ilse Brücke wollte ihrem älteren Bruder Gerhard persönlich erklären, warum sie Verfassungsbeschwerde gegen die von Rot-Grün durchgesetzte Abschaffung des Haushaltsfreibetrags für Alleinerziehende einreichen werde.

Der Kanzler, mitten in den Vorbereitungen für seine Lateinamerika-Reise, kochte. »Nicht gerade einfach« sei es gewesen, »zu Wort zu kommen«, berichtet Brücke. Sätze wie »Halt dich da raus - ich bin der Politiker!« seien gefallen und am Ende ein beleidigtes »Mir doch egal, was du machst«.

Von wegen egal. Nach Wochen voll politischen Ungemachs, einem hässlichen V-Mann-Skandal und der Affäre um geschönte Arbeitslosenstatistik hat Gerhard Schröder jetzt auch noch Zoff mit der Verwandtschaft - und das mitten im beginnenden Bundestagswahlkampf.

Hatte des Kanzlers Familiensaga bisher eher Pluspunkte eingebracht, stöhnte der Regierungschef jüngst vor verblüfften Kabinettskollegen, der Springer-Verlag wolle ihm offensichtlich mit Hilfe einer »von oben gesteuerten Kampagne« schaden. Die konservativen Blätter, klagte der Medienprofi, ließen immer wieder seine Sippschaft mit Regierungskritik zu Wort kommen.

Und die berichtet gern aus der prallen Lebensrealität der deutsch-deutschen Arbeiterklasse. In Paderborn stichelt Schwester Ilse gegen die rot-grüne Familienpolitik; in Thüringen schildert Ost-Cousine Inge freimütig ihren Fall in die Erwerbslosigkeit, und von Detmold aus berieselt Halbbruder Lothar, 54, die Republik regelmäßig mit archaischen Szenen aus dem Alltag eines wegrationalisierten Kanalarbeiters. Der »Bruder ohne Brioni« (Eigenwerbung) verfügt inzwischen über eine eigene Zeitungskolumne und gibt seinen Namen für die Blödel-Homepage eines Radiosenders her.

Ähnlich medienerprobt ist inzwischen Kanzler-Cousine Inge Siegel im fernen Thüringen. Hinter ihr der Blick auf die Wartburg, neben ihr die rustikale Holzschrankwand, sitzt sie auf dem Sofa und kämpft sich durch eine dicke Biografie ihres staatstragenden Cousins. Zeit hat sie dafür reichlich.

Im Juli gab Inge Siegel, 58, ihren Job im Finanzamt auf. »Hinausgemobbt« habe man sie. Obwohl ihre Familienbeziehung zum Kanzler der Deutschen bekannt geworden sei, habe man sie mit Arbeit überschüttet. »Ich habe mittags durchgemacht, doch es war nicht zu schaffen. Die wollten die Älteren loswerden«, klagt die quirlige Base.

Ein wirkliches Unglück ist der Jobverlust für sie jedoch nicht. »Ich bin freischaffende Arbeitslose«, sagt sie fröhlich, für knapp 600 Euro monatlich. Und sie müsse sich nicht ständig beim Arbeitsamt melden, da sie ohnehin nicht die Absicht habe, wieder arbeiten zu gehen.

Mit dem Amt, erklärt Inge Siegel, sei vereinbart worden, dass sie mit 60 Jahren in Rente geht; bei 18 Prozent Einkommenseinbuße. Deshalb müsse sie auch nicht mehr vermittelt werden. Pikanterweise fällt des Kanzlers Cousine damit aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik.

Kurz nach der Enthüllung ihres Schicksals via »Bild am Sonntag« meldete sich eine »nette Frau Duden« aus Berlin und erklärte, der Bundeskanzler wolle sie um 18.30 Uhr sprechen. »Hallo Inge«, dröhnte es zur angegebenen Zeit aus dem Telefon, »stimmt das, kann ich helfen?« »Nö«, sagte die Cousine, »ich komme zurecht.«

Für Schröder-Schwester Ilse dagegen ist die Situation durch die Abschaffung der Steuerklasse II alles andere als fröhlich. Nach der Gesetzesänderung sei der Familienurlaub in Gefahr, auch die Nachhilfestunden für ihren Sohn. Seit sieben Jahren ist die angestellte Lehrerin Mitglied im Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. Hat Unterschriften gesammelt und demonstriert. Immer inkognito - und immer erfolglos.

Bis sie sich von der »Bild am Sonntag« zu einem Interview überreden ließ. Das Blatt begrüßte daraufhin den frühstückenden Regierungschef mit der Schlagzeile: »Die Politik meines Bruders kostet mich 2400 Mark im Jahr«. Seitdem glühen die Telefonleitung und der Zorn des Bruders.

»Klar ist das eine unschöne Situation«, resümiert die resolute Mutter von zwei Kindern. »Ich will Gerd nicht schaden, aber er hat ja wirklich was verbockt. Wenn das ''ne andere Partei gemacht hätte, wäre ich auch auf die Barrikaden gegangen.«

An diesem Montag will sie Deutschlands höchstem Gericht eine 17-seitige Verfassungsbeschwerde persönlich übergeben - und dann zur Pressekonferenz bitten. Das Verfahren soll durch Spenden finanziert und eisern durchgefochten werden.

Manchmal scheint Wasser doch dicker als Blut, auch wenn Ilse Brücke weiterhin fest an den »ausgeprägten Gerechtigkeitssinn von Gerd« glaubt. Nach dem Telefonat aber herrsche jetzt »erst mal Sendepause« zwischen den Geschwistern.

Auch Inge Siegel hält - trotz Arbeitslosigkeit - weiter zu ihrem Cousin. Es sei zwar nicht alles besser geworden seither, »aber der Stoiber bringt es erst recht nicht«. SVEN RÖBEL, STEFFEN WINTER

* Schwester Ilse Brücke, Mutter Erika Vosseler und EhefrauDoris 1998 in einem Gasthaus bei Hannover.

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