ERST POWERN, DANN PARTY - DER SPIEGEL
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* 5. Die Zukunft der Wirtschaft * 5.1. New Economy - die neue Dynamik ERST POWERN, DANN PARTY

Sebastian Schnitzenbaumer lebt in der »New Economy«. Er ist 22 und Chef einer Software-Firma. Rund und um den Globus hat er Mitarbeiter und Kunden. Der Münchner berät Politiker und entscheidet mit über die Zukunft des Internet.
• aus DER SPIEGEL 31/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Sebastian Schnitzenbaumer wissen will, was seine Angestellten gerade tun, muss er nur auf den großformatigen Monitor auf seinem Schreibtisch schauen.

Dort vereinen Tabellen und Schaubilder die Arbeit der Teams, die Tausende Kilometer entfernt in Vancouver, Boston und Prag für ihn arbeiten. Manchmal wird der 22-Jährige philosophisch, wenn er das Abbild seiner über den Globus verstreuten Firma auf dem Bildschirm betrachtet. »Das ist die Loslösung des Geistes vom Körper.«

Schnitzenbaumer gehört einer Unternehmergeneration an, die in einer Zeit lebt, in der fast jeder fast jedes Ziel erreichen kann. »Mein Anspruch ist es, alles zu verändern«, sagt er, »wirklich alles.«

Jugendliche, die so ticken, hat es immer gegeben. Leute, die besessen sind von einer Idee. Die etwas Revolutionäres auf die Beine stellen wollen.

Doch bislang blieb der Wirkungsgrad solcher Macher beschränkt auf ihre Region. Dort rekrutierten sie Mitarbeiter - ob diese geeignet waren oder nicht. Den Firmenkredit bekamen sie von der Bank am Ort, sofern sie Sicherheiten vorweisen konnten. Erst wenn dieser Kredit abbezahlt war, konnten sie in neue Maschinen investieren. An eine Expansion nach Übersee war in den ersten paar Jahren kaum zu denken.

Diese Fesseln sind heute gesprengt. Alle Grenzen sind scheinbar mühelos zu überwinden: die technischen, die finanziellen, die geografischen sowieso.

Außer den international verstreuten Teams arbeiten rund 20 Leute in einer Münchner Gründerzeitvilla für Schnitzenbaumer, in Kürze werden sie umziehen in ein viermal größeres Büro. Seine Firma »Mozquito Technologies« hat der Jungunternehmer vor eineinhalb Jahren mit seinem Kompagnon Malte Wedel, 24, gegründet. Damals hatten die beiden die Idee, den Datenstandard, in dem die Web-Seiten programmiert werden - den so genannten HTML-Code -, um einige Funktionen zu erweitern.

Nach einigen Monaten Arbeit schickten sie ihre Software »Mozquito« an das World Wide Web Consortium (W3C), das Gremium, das gleichsam als Schiedsstelle im Cyberspace die Standards setzt. Ein paar Tage später kam die Antwort: Ob sie nicht Lust hätten, in einer W3C-Arbeitsgruppe mitzumachen.

Jeden Mittwoch, Punkt 16 Uhr, wählt Sebastian Schnitzenbaumer seither die geheime Telefonnummer, unter der sich die 18 Mitglieder zur Konferenz treffen. Es sind einige der smartesten Köpfe der Computerbranche, darunter die Cheftechniker von Microsoft, IBM und AT&T, die gemeinsam die Zukunft des Internet austüfteln.

Für den Münchner ist es selbstverständlich, im Weltmaßstab zu planen. Das Internet bietet die Infrastruktur, um ein Geschäft bis in die entlegensten Regionen zu betreiben; damit kann ein Unternehmen heute so schnell wachsen wie nie zuvor. Im Netz bekommen Gründerfirmen fortwährend Nachschub an Ideen. Ständig bringt das Datenland Geschäftskonzepte hervor: Gestern waren es Online-Auktionshäuser,

heute sind es Marktplätze, auf denen Firmen Zulieferteile ordern; wer weiß, was morgen einen Newcomer reich machen kann: Jeden Tag gehen Teams auf die Suche nach der nächsten Goldader.

Und viele dieser Ideen sind heute auch finanzierbar. Investmentbanken, Konzerne, vermögende Privatleute ("Business Angels") - alle wollen mitverdienen am erhofften Megageschäft. Im Schnitt akquirieren sie jede Woche eine Milliarde Dollar Wagniskapital, für die sie Firmenanteile kaufen können. Zwar enden die meisten Investments als Totalverlust, ein paar Treffer jedoch genügen, und ihr Einsatz hat sich vervielfacht - am ehesten, wenn die Neugründung an die Börse geht.

Die beschleunigte Globalisierung, die Revolution in der Informationstechnik, der expandierende Kapitalmarkt: Drei parallele Entwicklungen haben die so genannte New Economy entstehen lassen. Sie schreibt die Spielregeln des Kapitalismus von Grund auf neu.

Die Akteure der neuen Wirtschaft befördern eine Alles-istmachbar-Mentalität, die wenig Platz für Skepsis lässt. »Sie verkörpern eine erdrutschartige Kraft, einen Katalysator des Wandels und der Regeneration«, schreibt der US-Autor Michael Lewis in seinem Buch »Alle Macht dem Neuen«.

»Solange dieser Spirit da ist, kann man alles machen auf der Welt«, sagt Schnitzenbaumer. Mit 18 war er sich noch unschlüssig, was aus ihm werden sollte. Auf den Seychellen aufgewachsen, hat er Musik gemacht, vorzugsweise Jazz: »Aber alle Musiker, die ich kannte, waren arme Schweine.« In München begann er ein Kunstgeschichtsstudium, besuchte eine Vorlesung und ein Fachschaftstreffen - das genügte: »Ich wollte nicht jahrelang in die Uni gehen, um später Denkmalspflegerassistent zu werden.« Sein Vater wiederum, der mit Immobilien sein Geld verdient, hätte es am liebsten gesehen, wenn er Jurist geworden wäre.

Stattdessen richtete er sich mit Freunden in einem Hinterhoflager ein Büro ein. Da stellten sie ihre Rechner hinein, nannten die Firma »Whoopee« und sagten sich: »Okay, jetzt wollen wir Geld verdienen.«

Aber womit? »Multimedia war damals ganz toll«, erinnert sich der Computerfan. Es war die Zeit, als das Internet gerade zum Massenmedium reifte, als jeder eine Homepage haben wollte. Wie diese Seiten zu programmieren sind, brachte sich Schnitzenbaumer selber bei.

Später entwickelte er für die bayerische Immobiliengesellschaft Demos ein Programm, mit dem Verwaltung, Vertrieb oder Kunden online feststellen können, in welchem Zustand jeweils eine Wohnung ist: im Bau, fertig oder verkauft. »Das war mit einer normalen Web-Seite nicht zu machen«, erzählt Schnitzenbaumer.

Er zog sich aus »Whoopee« zurück, startete im Alter von 20 Jahren seine zweite Firma und widmete sich ganz der Verbesserung des Netz-Standards. Von fünf Business Angels bekam er das nötige Kapital - seitdem führt er ein Leben auf dem Sprung.

Fast 50-mal war Schnitzenbaumer in den vergangenen Jahren in den USA, sonst sitzt er meist am Rechner in München. »Manchmal powere ich drei Tage durch«, sagt er, »und dann mache ich drei Tage Party.« Seine Leute schuften im selben Rhythmus. Hierarchien sind passé. Jeder kommt und geht, wann er will, wichtig ist nur, dass ein Projekt zum vereinbarten Termin fertig ist.

So sind die neuen Arbeiter: flexibel bis zum Verbiegen, leistungsbereit bis zur Selbstausbeutung. Und vor allem sind sie jung. Das müssen sie auch sein, denn spätestens wenn Lebensentscheidungen anstehen - eine Familie gründen, ein Haus bauen -, dürfte sich mancher zurücksehnen nach der Gemütlichkeit der alten Wirtschaft.

So weit nach vorn mag Schnitzenbaumer jetzt noch nicht denken. Geregelte Arbeitszeiten, Mindestlöhne oder Überstundenzuschläge, Gewerkschaften - das alles ist ihm suspekt, da verstehe er »vollkommen Bahnhof«. Das zeuge doch nur von einer verloren gegangenen Diskussionsgrundlage, meint er. »Wenn jemand unzufrieden ist, dann sprechen wir eben.« So lässig könne es auch in einem Großbetrieb zugehen, glaubt er, wenn der sich in kleine Einheiten zerlege.

Als der junge Mann den Software-Konzern Microsoft besuchte, imponierten ihm besonders die Duschen und Betten im Büro. Dort laute das Motto: »Work hard, party hard«, erzählt er: »Der Spaßfaktor ist extrem wichtig, sonst kann man das nicht durchhalten.«

Auch das ist charakteristisch für die neue Wirtschaft: Die Grenze zwischen Firma und Freizeit verschwimmt, gegrillt wird gemeinsam mit dem Team, selbst Feten sind nicht einfach nur zum Feiern da. Dort werden Netzwerke gesponnen, Mitarbeiter geworben und Finanziers gesucht. Und wann immer ein Start-up mit seinem Angebot ins Netz geht, feiern die Gründer rauschende Launch-Partys, die nur einen Zweck haben: Aufmerksamkeit zu schaffen. Unsummen zahlen die jungen Bosse, damit Popstars wie The B-52''s oder The Who auftreten und ein bisschen von ihrem Glanz auf die Gründer abstrahlt.

Nichts lassen die Teams unversucht, um in der Masse aufzufallen, denn inzwischen tummeln sich unzählige neue Firmen mit ähnlichen Konzepten im Netz, aber nur zwei oder drei in jeder Branche haben die Chance, zu wirklich großen Playern aufzusteigen.

Was aus den Übrigen wird, ist ungewiss. Wenn sie Glück haben, fusionieren sie, wenn sie Pech haben, geht ihr Angebot ein in das Land der lebenden Toten - Zombie-Netzseiten, die zwar noch im Web stehen, auf denen aber nichts mehr passiert.

Wer zu lange braucht, wer zu langsam wächst oder wer gar Fehler macht, ist weg vom Fenster. Dem drehen die Kapitalgeber in der zweiten Finanzierungsrunde den Geldhahn zu. Geschwindigkeit - »Time to market« - ist alles in der neuen Ökonomie.

»Du kämpfst ohne Ende«, sagt Schnitzenbaumer, »du musst dich behaupten wie ein junger Baum im Dschungel, der so schnell wie möglich hoch zum Licht will.«

Längst strahlt diese atemraubende Dynamik auf die Firmen der Old Economy aus. In den meisten Konzernen ist E-Business zur Chefsache geworden. Auch die Politik will da den Anschluss nicht verpassen. Bundeskanzler Gerhard Schröder verspricht sich von der neuen Wirtschaft »ungeahnte Möglichkeiten und neue Arbeitsplätze« und empfiehlt sich ihr als Erfinder der deutschen Green Card.

Wie Schröder da agiert, ist für Schnitzenbaumer der beste Beweis, dass die Politik die neue Zeit noch nicht verstanden hat: Green Cards soll es nur für Arbeitsverträge geben, die mit mehr als 100 000 Mark dotiert sind, oder für Bewerber mit Hochschulabschluss: »Da wurden wieder mal Old-Economy-Maßstäbe angesetzt«, ärgert er sich.

Als Mitarbeiter sind ihm Informatiker zwar recht, lieber aber hat er »Typen, die richtig Gas geben wollen«, Leute wie sein Projektmanager Kai, der vorher Cocktailmixer in Michigan war und Leibwächter des Porno-Verlegers Larry Flynt und der danach als Meeresbiologe den Stoffwechsel des Planktons erforscht hat. »Es muss jetzt nicht jeder Informatik lernen«, sagt Schnitzenbaumer, »vielmehr geht es um Grundeigenschaften wie Teamgeist und Weltoffenheit.«

Diese Weltoffenheit vermisst er manchmal in Deutschland. Das habe er auch dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber gesagt, in dessen Internet-Beirat er seit kurzem sitzt. Eine bayerische Firma habe es schwer, als globales Unternehmen betrachtet zu werden, meint Schnitzenbaumer: »Wir wollen nicht nach einem Land riechen, sondern so auftreten, als könnten wir ebenso gut im Silicon Valley sitzen.«

Dort hat er kürzlich einen blinden Inder getroffen, der darauf spezialisiert ist, Computer per Spracheingabe zu bedienen. »Ein echtes Genie«, schwärmt Schnitzenbaumer, »und dann kommst du nach Hause und hörst ,Kinder statt Inder''.«

Manchmal aber ist es ihm ganz recht, dass München einen eigenen Geruch verströmt. Viermal im Jahr trifft er seine virtuellen W3C-Kollegen ganz real, im vorigen Herbst kamen die Macher der Zukunft nach München und erlebten die Attraktionen der Vergangenheit.

Auf dem Oktoberfest fuhren sie Kettenkarussell und ließen sich erklären, was eine Maß ist. Später staunten sie in einem Museum über 2000 Jahre alte Statuen, erzählt Schnitzenbaumer: »Da waren die platt.«

ALEXANDER JUNG

W3C: DER HEIMLICHE HERRSCHER DES WEB

Das Internet sei ein herrschaftsfreier Raum, heißt es. Doch es gibt Menschen, deren Wort im Cyberspace so gut wie Gesetz ist. Tim Berners-Lee, 45, ist so einer: 1989 erfand der britische Informatiker das World Wide Web, dessen klickbare Links den E-Commerce im Internet erst möglich machten. Heute ist Berners-Lee der Direktor des W3C. Das Kürzel, das an eine Geheimloge erinnert, steht für »World Wide Web Consortium«. Im Jahre 1994 gründete Berners-Lee den Verein, heute sind mehr als 400 Hightech-Unternehmen zahlende Mitglieder, darunter auch Giganten wie Microsoft, Intel und Netscape. Wenn ein neuer technischer Standard im Web definiert wird, zum Beispiel eine Methode zur Selbstzensur von Pornosites, spricht Berners-Lee am Ende des Diskussionsprozesses eine »Empfehlung« aus, die meist ohne weitere Änderungen umgesetzt wird. Das Murren der Kritiker, Berners-Lee sei ein »aufgeklärter Diktator«, hat seiner Autorität noch nie geschadet.

* An der Wall Street.

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