DDR-Kontakte Erster Einstieg
Im Schloßpark von Niederschönhausen in Ost-Berlin suchte SED-Chef Erich Honecker die sprachliche Annäherung: »Genossen, so darf ich doch sagen ...?« Doch SPD-MdB Karl-Heinz Hansen wies die Werbung spröde zurück: »Nach unseren Informationen haben Sie sich beim Gespräch mit Herbert Wehner auf die Anrede »Kollege« geeinigt. So wollen auch wir es hatten.«
Bei einem »großbürgerlichen Empfang« (SPD-Parlamentarier Harald Schäfer) anläßlich der X. Weltjugendfestspiele hatte am Samstag vorletzter Woche der SED-Generalsekretär über den stellvertretenden DKP-Vorsitzenden Herbert Mies bei vier Gästen aus der Bundesrepublik sondieren lassen, ob »Bedenken« (Mies) dagegen bestünden, daß sieh Honecker zu ihnen setzen würde.
Die Sozialdemokraten fanden den Gast unbedenklich. Wenig später beschwor der Spitzen-Kommunist vor den vier Bundestagsabgeordneten Schäfer, Hansen, Dieter Schinzel und Erich Meinike, die als Delegierte der Jungsozialisten und der Evangelischen Jugend nach Ost-Berlin gekommen waren, die Geschichte des antifaschistischen Widerstands von SPD. und KPD in den dreißiger Jahren gegen den Nationalsozialismus. Doch die Jung-MdB aus dem Westen mochten sich an den »historischen Reminiszenzen« nicht begeistern, sie hörten nur »ganz still« (Meinike) zu.
Zustimmung erhielt Honecker erst. als er erklärte, daß »jeder Staat seinen Weg zum Sozialismus« gehen müsse: »Wir haben unterschiedliche Auffassungen. Wir respektieren das.« Hansen bekräftigte: »Und unser Weg ist der des demokratischen Sozialismus.«
Die SPD-Abgeordneten erinnerten den SED-Chef an seine Begrüßungsansprache, in der er den »freimütigen Austausch von Informationen und Meinungen junger Menschen ... die in verschiedenen Welten in unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen leben«, als besondere Leistung der Jugendfestspiele hervorgehoben hatte.
Ein freizügiger Zeitungsaustausch, die versprochenen Reiseerleichterungen für DDR-Bürger und der Austausch von Jugend- und Sportgruppen -- so monierten die Bonner Parlamentarier -- stießen immer noch auf Schwierigkeiten. Honecker entschuldigte sich: »Es geht nicht alles auf einmal.«
Auf den halbstündigen »Politplausch« (Schinzel) war das Quartett nicht gefaßt gewesen. Dieter Schinzel: »Ich hätte allenfalls einen flüchtigen Kontakt erwartet.« Und Erich Meinike rätselte noch letzte Woche: »Was war eigentlich der Anlaß?«
Die Vermutung der Ost-Reisenden: Der Parteiführer habe mit seiner »Geste« (Schäfer) einen Eklat wiedergutmachen wollen, zu dem es am Tag zuvor bei einem Parlamentarier-Treffen gekommen war.
Die bundesdeutsche Delegation -- neben den vier Sozialdemokraten auch CDU -- MdB Hermann Kroll-Schlüter und der Hamburger FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Gerhard Weber -- hatten unter Protest das Rendezvous in der Volkskammer verlassen, als ein DKP-Stadtverordneter vor ihnen als offizieller Vertreter der Bundesrepublik zu Worte kam. Meinike: »Das Interesse an uns war von da an schon fast kriminell.«
Gesprächsbereit wie nie zuvor zeigte sich nun auch die FDJ-Fraktion der Ost-Berliner Volkskammer. Ihr Vorsitzender Egon Krenz arrangierte gleich zwei Treffen, bei denen Themen wie Berufsverbote in der DDR und der Bundesrepublik, Aufrüstung in Ost und West sowie Bildungsfragen beredet und sogar -- allerdings eher allgemein -- über den in der DDR zum Schweigen verurteilten Polit-Sänger Wolf Biermann gesprochen wurde.
Die überraschende Kontaktfreudigkeit der DDR-Kommunisten signalisierte den Besuchern, daß jetzt auch die Ostdeutschen sich zu dem herbeilassen, was sie von den Westdeutschen seit Jahren verlangen: die Realitäten im anderen deutschen Staat anzuerkennen. SPD-Parlamentarier Meinike: »Wir sind ihre Gesprächspartner. nicht so sehr die DKP.«
Von dem Meinungsumschwung wollen die Bonner nun weiter profitieren. »Ein erster Einstieg« (Meinike) für weitere deutsch-deutsche Gespräche unter Jungparlamentariern soll nach ihren Vorstellungen der Besuch einer FDJ-Spitzendelegation sein, die versprach, im Herbst bei den Jungsozialisten vorzusprechen. Unter den Delegierten, so vereinbarten die Juso-Parlamentarier mit ihren FDJ-Kollegen« sollten möglichst auch Volkskammer-Abgeordnete sein.
Im Anschluß daran wäre den Jung-MdB dann eine Visite der gesamten FDJ-Fraktion der Volkskammer -- 40 von insgesamt 500 Abgeordneten -in Bonn willkommen. Schinzel: »Es wäre viel, wenn man erreichte, miteinander alle Probleme zu diskutieren.«
Juso-Führer Wolfgang Roth will es dabei nicht bewenden lassen. Das SPD-Vorstandsmitglied denkt weltpolitisch: »Wir müssen bei allen ideologischen Unterschieden ein Klima der Kooperation erzeugen, um konkrete politische Schritte, beispielsweise bei der Abrüstung, einzuleiten.«