Erwecker im Dorf - DER SPIEGEL
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HAMBURG Erwecker im Dorf

• aus DER SPIEGEL 5/1965
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München hat Schwabing, Köln hat Nippes - jeder weiß es. Hamburg hat Pöseldorf - und kaum einer kennt es.

Es ist topographisch nicht erfaßt, existiert nicht auf Hamburger Stadtplänen, ziert keine Adresse. Und doch ist Pöseldorf, wie es der Hamburgensien-Autor Eberhard von Wiese sieht, »eine hamburgische Weltanschauung vom individuellen Lebensstil«.

Es liegt im Hinterland des Harvestehuder Wegs, jener Prachtstraße am westlichen Alsterufer, an der sich einst Hamburgs Reeder und Pfeffersäcke prunkvolle Herrensitze erbauten - ein »seit 60 Jahren vergessener Platz mitten in der Stadt«. So sieht es Eduard Brinkama, 37, den das »Hamburger Abendblatte als »Erwecker« eben dieses Pöseldorfes feierte.

Auf den verschachtelten kleinen und kleinsten Grundstücken Pöseldorfs domizilierten gehobenes Bürgertum und die Diener der Reichen vom Harvestehuder Weg: Handwerker, Gärtner und Kutscher. Ihren Nachfahren gesellte jetzt Erwecker Brinkama musisches Volk hinzu, Intellektuelle, aber auch schon Prominenz wie Zeitungskönig Axel Springers Schwester.

Als Brinkama, ein anglophiler Antiquar, vor zehn Jahren zum erstenmal nach dem Kriege wieder Pöseldorf durchstreifte, erfaßte er »instinktiv die Atmosphäre«. Er machte sich daran, alte Remisen, verfallende Stallgebäude und ausgediente Schmieden zu architektonischen Glanzstücken aufzupolieren.

Mit dem ehemaligen Stallgebäude des alten Palais der Bankiersfamilie Budge fing er an. Er ließ den Stall nach eigenen Angaben renovieren, und bezog ihn selbst; im Erdgeschoß etablierte er sein Antiquitätengeschäft. Die Uhr im Turm zog er jede Woche eigenhändig auf. Der umgebaute Stall wurde eine Attraktion.

Alsbald suchte er mit Eifer ("Man muß von der Idee besessen sein") nach neuen Objekten und ließ die älteste Schmiede Pöseldorfs, die mittlerweile zu einem Etagenhaus umgebaut worden war, in ein Château, und eine halbverfallene Garage in ein stilrein klassizistisches Wohnhaus verwandeln. Aus einer Kutscherkneipe machte er eine auf althamburgisch getrimmte Bierstube.

Beifall und Zuspruch aus der Bevölkerung und von den Behörden entfachten in ihm das Feuer des Erneuerers. Brinkama sah »etwas wie eine städtebauliche Aufgabe« vor sich. Um sich dieser Aufgabe ganz widmen zu können, verkaufte er ein modernes Etagenhaus in einem anderen Stadtteil - »Das war zu langweilig« - und legte das Geld in dem Viertel »but'n Dammdoor« (vor dem Dammtor) an, das seinen Namen vermutlich nach den früheren, emsig »pöselnden« (werkelnden) Einwohnern bekommen hat.

Seine »Aus alt mach neu«-Methode war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Dezente Pastellfarben, französische Fenster, hier mal ein neues Portal, dort eine Freitreppe machten aus abgetakelten Schuppen begehrenswerte Mietobjekte für Kunstverständige und Snobs. Innen ließ Erwecker Brinkama Stuckdecken einziehen, und jede Wohnung bekam einen Kamin; Wandverkleidungen, Dekorationen und Fußbodenbeläge wurden sorgsam aufeinander abgestimmt.

Pöseldorf erwachte tatsächlich: Benachbarte Häuser, beispielsweise das Budge-Palais (jetzt staatliche Musikhochschule) oder ein ehemaliges Stallgebäude (heute Sitz der Globalbank), wurden passend gestrichen und aufgemöbelt. Brinkama: »Irgendwie wirken wir erzieherisch.«

Dem Neuschöpfer von Pöseldorf geht es jedoch um mehr als nur um die Errichtung stilvoller Fassaden und anspruchsvoller Wohnungen. Brinkama schwebt »eine Art Zentrum« vor, wie es Hamburg noch nicht hat: wo sich Kunstgewerbe, Buch-Antiquariate, Antiquitätenhandel und ähnliches Gewerbe ansiedeln sollen.

Im Drange seiner Ideen hat sich der Architektur-Fan nach und nach einen beachtlichen Grundstücksfundus zusammengekauft: Heute gehören ihm bereits zwölf Pöseldorfer Häuser. Er erwarb sie jeweils für durchschnittlich 200 000 Mark

- doch liegen die Kosten, wie er versichert, nach dem Umbau so hoch wie die heutigen Neubaupreise.

Die Vermietung der Stilwohnungen wirft jedoch genug ab, um das Reich des Antiquitätenhändlers ständig wachsen zu lassen. Brinkamas Ziel ist es, seinen Besitz auf etwa 20 Grundstücke abzurunden. Der Erwecker von Pöseldorf wird dann praktisch auch Pöseldorfs Großgrundbesitzer sein.

Antiquar Brinkama in Pöseldorf: Herbergen für Snobs ...

... aus abgetakelten Schuppen: Bierstube in Pöseldorf

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