TELEPHONSEX Es flutscht
Nach gut zehn Minuten war der Anrufer aus Ayenwolde bei Aurich am Ziel. Er stöhnte und verabschiedete sich: »Tschüs, Pussy!«
Zwei Tage später, am 11. März 1982, schickte er der »Telephonfee L. S.« nach Frankfurt die geforderte Gebühr, 50 Mark, per Einschreiben.
Doch im Postfach 60 07 47 kam der Brief, Einlieferungsnummer 434 d, bis heute nicht an. Ebenso erging es einem Anrufer aus Nordhorn. Brief samt Geld nach Frankfurt verschwanden spurlos im März 82.
Nachforschungen des zuständigen Postamtes 60 in der Saalburgallee blieben ohne Erfolg. »Der Verbleib«, schrieb das Amt nach Wochen der Postfachinhaberin Lucy Schröder _(Name von der Redaktion geändert. )
bedauernd, »konnte nicht ermittelt werden.« Postamtmann Willi Geer damals: »Nicht zu fassen.«
Das ist es immer noch, denn seither verschwinden Briefsendungen am laufenden Band. Die Adressaten sind immer die gleichen: Frankfurter »Telephongesprächspartnerinnen«, wie sie sich offiziell nennen, die durch die Muschel »total individuelle« (Eigenwerbung), einfühlsame Gespräche führen. Allein in diesem März fehlten in Frau Schröders Postfach fünf Einschreibebriefe a 50 Mark. »Allerhand«, klagt sie, »da legst dich nieder.«
Postbeamte, argwöhnt die geprellte Postkundin, hätten wohl »irgendwie spitzgekriegt, daß in den Briefen Geldscheine stecken«. Weil »öfter was wegkommt«, wie auch Postler Geer bestätigt, hat die Oberpostdirektion in Frankfurt umfangreiche Recherchen eingeleitet. Aber wer die bestimmten Briefe abfängt und wo, hat sich den Fahndern noch nicht erschlossen.
Klar ist, daß die »Flüstertüten« (Postjargon für die einschlägigen Einschreiben) irgendwo auf dem Postweg verschwinden. Doch »Sie können«, entschuldigt Horst Spieß von der Oberpostdirektion, »nicht allen unseren Leuten ins Gehirn schauen«.
Eine tolle Nummer: Postbedienstete beteiligen sich heimlich an der jüngsten Variante des ältesten Gewerbes - Telephonsex. Es ist eine Art Fernsprech-Service auf privater Basis, der sich derzeit in der Bundesrepublik ausbreitet.
Über Annoncen, Rubrik »Modelle, Hostessen«, wird das Geschäft ("Telephonfee 68 37 65") angeleiert. An der Strippe bieten Frauen »tabufreien Sex«, »total geil«, »bis zum Orgasmus«, zehn Minuten für 50 bis 60 Mark.
Telephonsex beginnt wie im Krimi bei Jim Rockford. Die anrufenden Männer hinterlassen Telephonnummer und Adressen und werden zurückgerufen: »Na, Schatzi, wie hättest du''s gern?« Je nach Temperament und Tageszeit geht dann die Post ab. Nach dem akustischen Liebesakt wird noch schnell die Adresse vermittelt, meist ein Postfach unter Künstlernamen.
Das Geschäft mit dem Lustgeflüster blüht. In der Frankfurter Agentur »ADV« beispielsweise heben sechs Call-Girls von elf bis 23 Uhr den Hörer ab. Und das Telephon klingelt pausenlos. »Es flutscht ganz gut«, freut sich eine aus der Branche.
Vor sechs Jahren, 1977, kam Telephonsex erstmals in der Schweiz auf und wurde bald zum Renner. Zwei Fränkli pro Minute verlangt etwa der »Call me Service« in Zürich, zahlbar im voraus. Zwanzig Telephonistinnen arbeiten heute noch für die Nummer 242 36 30 rund um die Uhr.
Anders in Amerika. In New York etwa (Telephon 976 27 27) geben Nummern-Girls für sieben Cent pro Anruf Einblicke in ihr Liebesleben. Der Anrufer hört am Tonband brünstiges Gestöhne. Das Band wird dreimal täglich gewechselt. Nach 57 Sekunden, Höhepunkt, klickt es abrupt, Ende, tüt, tüt.
Deutsche Damen haben den Aural-Sex verfeinert. So feiert das Branchen-Blatt »Der Sex-Führer« die »Mädels« als »ungewöhnlich einfühlsame, psychologisch begabte Menschen«, die mit »sympathisch-schwirrender Stimme« die Männer »entspannen«. Elke aus Frankfurt am Sex-Telephon: »Ich bin deine süße Muschi, mach mal die Augen zu.«
Daß Postbedienstete die Hand aufhalten, erklärt Amtmann Geer so: »Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist gering.« Vom Aufgeben der Briefe bis ins Postfach geht die Sendung durch Hunderte Hände, überall kann einer zugreifen. Auch Testbriefe, von denen ebenfalls einige abhanden kamen, brachten die Fahnder nicht weiter.
Womöglich wird aber auch nicht mit letztem Druck gefahndet. Nur wenige Absender nämlich machen sich die Mühe und stellen Nachforschungsanträge, Voraussetzung für ein »Postverfahren von Amts wegen« (Spieß). Ganz offensichtlich haben manche Telephonsex-Kunden Angst, von der Ehefrau ertappt zu werden. »Diskretion«, weiß ein Strippengirl, »ist in unserem Metier wichtig.«
Das mißachtet mittlerweile ein anderer Postzweig, der beim Telephonsex ebenfalls mitmischt. Neuerdings vernehmen die privaten Telephonistinnen in der Leitung mitunter »heftiges Atmen«, bisweilen sogar »hemmungsloses Stöhnen«, das nicht vom Gesprächspartner stammt, wie Experten des Fernmeldeamtes in Frankfurt herausfanden.
Mit in der Leitung waren vermutlich Postbeamte, Abteilung Fernmeldewesen.
Name von der Redaktion geändert.