»Es gibt kein Zurück« - DER SPIEGEL
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»Es gibt kein Zurück«

• aus DER SPIEGEL 28/1975
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das soll ein Essay sein? Das ist eine Vorlesung, eine Doppelstunde, von Professor Wilhelm Bittorf. Ein, freilich brillanter, praeceptor feminarum fährt Zitate von Freud bis Diane Fürstenberg auf. um den Frauen zum hunderttausendsten Male seit Adam und dem großen Gott zu dozieren: Vom Baum der Erkenntnis sollen wir nicht mehr essen, sonst werden wir krank.

Hätte er gesagt: Ich, der Essayist. und mit mir viele Männer glauben, daß wir unsere Identität verlieren, wenn verlangt wird, daß wir uns »feminin« verhalten, beispielsweise nicht mehr immer und unbedingt »eindringen«, beispielsweise jeden zweiten Abend am Kochtopf stehen und jeden zweiten Morgen die Kinder für die Schule fertigmachen -- man hätte es ja verstanden und gebilligt.

Doch er projiziert diese seine Krise auf die Frauen. Ich, Sophie von Behr, und mit mir Millionen Frauen und Männer lassen uns aber nicht mehr raten, wie »wahre Frauen« und »wahre Männer« auszusehen haben. Es wird sie möglicherweise nicht mehr lange geben -- Mick Jagger, John Lennon und ihre Frauen sind ja nur die ausgeprägten Leittypen einer ganzen Gesellschaft.

Was in aller Welt aber ist an der Einebnung bislang kunstvoll hochgehaltener Geschlechtsunterschiede so furchtbar? Ich wette, John und Yoko kommen ganz gut miteinander aus, auch und gerade im Bett. Und wenn es einer Reaktionärin wie Brigitte Bardot schlecht wird bei ihrem androgynen Anblick, so ist das kein Wunder, kann sich doch diese Kindfrau bei Strafe ihres Identitätsverlustes nicht mit dem Menschenpaar anfreunden.

Wie weit wir von der klassischen Vorstellung: Mann dringt ein. Frau öffnet sich, schon entfernt sind. zeigt -- um ein ganz banales Beispiel zu bringen -- schon ein Blick in die Anzeigenseiten von Zeitungen, wo die vielen Massagesalons eine ganz anders geartete Entspannung anbieten, offenbar doch mit Zulauf?

Kulturpessimist Bittorf aber will solchem von ihm gefürchteten »Verlöschen« der Geschlechter beikommen, indem er verkündet: »Als Gebärerinnen sind (die Frauen) so elementar in eine unerbittliche Natur eingebunden, daß moderne Mädchen zutiefst davor erschrecken.«

Hundert Zeilen vorher hat derselbe Autor behauptet, kein Mann könne sich auch nur vorstellen, was es heißt, mit einer Vagina herumzulaufen. Ich kann mir ohne Schwierigkeiten vorstellen, wie man »als Männchen umhertrabt«, und besonders gut kann ich mir vorstellen -- durch die Lektüre von Günter Graß zum Thema »Eigenleben des Penis« schlau geworden, wie »elementar« sich auch ein Mann in »eine unerbittliche Natur eingebunden« fühlen muß, wenn er eine Erektion möchte und sie nicht hat oder er hat sie und kann sie nicht brauchen. Ich käme trotzdem nicht auf die Idee, Männern zu raten, wie sie »wahre Männer« werden oder bleiben können.

Da ich kein Tier bin, sondern ein Mensch, kann ich mich in die Lage anderer Menschen hineinversetzen und sehe: Ganz klar, beide Geschlechter haben Angst vor der sich entwickelnden Umwertung der allerselbstverständlichsten Werte. Die Angst zeigt sich bei Frauen eher herkömmlich feminin, sie schlüpfen teilweise und streckenweise wieder in ihre alten Zwänge hinein. Bei Männern zeigt sich die Angst ebenso herkömmlich eher maskulin, sie werden aggressiv oder belehrend, verteidigen ihre Rollen (um nicht zu sagen, ihre Privilegien).

Sie verstehen nicht, daß Frauen ihre angestammten Aufgaben nicht mehr alle, nicht mehr lebenslang und vor allem nicht mehr ohne Beteiligung von Männern wahrnehmen wollen. Deshalb beschwören sie ein »Zurück zur Weiblichkeit«. Ich behaupte: Ein Zurück an Heim, Herd und Männerbrust wird es nicht geben, weil alle Anzeichen auf Geschlechtsrollenaufhebung stehen.

Frau '75, erst recht Frau '80 muß hinaus ins feindliche Leben, und sie weiß es, sie will es sogar. Muttchen als Dummchen? Das ist die pessimistische Utopie. Die optimistische sieht so aus: Der Bundeskanzler ist unverheiratet. Seine wichtigeren Minister und Ministerinnen sind -- vielleicht -- verheiratet, sicher aber kinderlos. Eigene Nachkommen können sich erst Leute vom mittleren Management abwärts leisten.

Nach der Überlieferung hat auch Adam vom Baum der Erkenntnis gegessen, der Bissen ist ihm aber im Halse steckengeblieben. Der Mann soll sich nur von seinem Adamsapfel befreien, das Paradies ist sowieso verloren.

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