»Es gibt zu viele Osamas« - DER SPIEGEL
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»Es gibt zu viele Osamas«

Der ägyptische Ex-Offizier und Publizist Issam Darras über seinen früheren Kampfgefährten Bin Laden
• aus DER SPIEGEL 47/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Sie kennen Osama Bin Laden gut, ist er immer noch Ihr Freund?

Darras: Ich habe über drei Jahre mit ihm gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan gekämpft. Viele Länder der Welt, bezeichnenderweise auch die Amerikaner, spendeten uns Lob und Beifall. Ja, wir waren befreundet und hatten keine Geheimnisse voreinander.

SPIEGEL: Kreiden Sie den Amerikanern an, dass sie einen Feldzug gegen Ihren Freund von früher führen?

Darras: Natürlich nicht. Aber Washington ergeht sich in Bomben-Aktivismus. Drohungen, welche die Amerikaner fast jeden Tag ausstoßen, vergiften die Atmosphäre.

SPIEGEL: Sollen die Amerikaner etwa warten, bis Bin Laden wieder zuschlägt?

Darras: Zunächst sollten sie sofort den Bombenkrieg einstellen, weil darunter in erster Linie die Zivilbevölkerung leidet.

SPIEGEL: Mit der Einnahme von Kabul und dem zu erwartenden Zusammenbruch des Taliban-Regimes zeichnet sich aber ein Ende der Bombenflüge ab.

Darras: Ein Stopp der Luftangriffe bei gleichzeitiger Intensivierung der Nahrungsmittelhilfe und Maßnahmen, welche die Sicherheit der Zivilbevölkerung garantieren, würden den Taliban viel Wind aus den Segeln nehmen. Amerika darf nicht länger den Eindruck erwecken, als wolle es an Unschuldigen Rache nehmen. Auch seine ungehobelten Alliierten der afghanischen Nordallianz sollte Washington an die Kandare nehmen.

SPIEGEL: Bin Ladens Schaltzentrale von al-Qaida ist noch nicht ausgehoben. Der Kampf wird weitergehen müssen.

Darras: Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Die Schaltzentrale al-Qaida gibt es gar nicht. Diesen Namen trug die Villa, in der Osama im pakistanischen Peschawar wohnte, wenn er mal für ein paar Tage über die Grenze ging. Ich habe ihn dort oft besucht. Da gibt es weder geheime Schaltpulte noch Code-Schreiber oder Dechiffriermaschinen. Heute trägt dieses Haus einen anderen Namen, doch der Name lebt weiter und wurde auf einen Befehlsapparat übertragen, den der Bin-Laden-Gefährte und ehemalige Arzt Aiman al-Sawahiri leitet.

SPIEGEL: Sawahiri ist Gründer der terroristischen Gruppe »Islamischer Dschihad« in Ägypten, die von den Sicherheitsorganen lahm gelegt wurde. Halten Sie Sawahiri jetzt für wichtiger als Bin Laden, oder wollen Sie Ihren Freund reinwaschen?

Darras: Überhaupt nicht. Ich sage nur, was ich weiß.

SPIEGEL: Es war doch Bin Laden, der in Nairobi und Daressalam die US-Botschaften sprengen ließ.

Darras: Das geschah nicht auf seinen Befehl. Die Täter waren Sympathisanten, die nur gelegentlich mit ihm in Kontakt standen oder noch stehen, aber von sich aus losgeschlagen haben. Das ist immer so. So genannte arabische Afghanen, die an ihn glauben, aber selbständig vorgehen und höchstens gelegentlich Finanzspritzen von ihm erbitten.

SPIEGEL: Denen wäre ja nun weitgehend das Handwerk gelegt.

Darras: Einigen Zellen ja, aber allen sicher nicht. Die sind in vielen Ländern. Und sie treten isoliert auf, darum sind sie so schwer zu fassen. Selbst wenn Osama Bin Laden gefangen werden sollte, würde die Terrorwelle weitergehen. Es gibt eben zu viele Osamas.

SPIEGEL: Gibt es kein Mittel dagegen?

Darras: Mehr Gerechtigkeit für die Armen der Welt, mehr Freiheit für unterdrückte Völker wie die Palästinenser, mehr ernst gemeinte Versuche, die Religion und die Lebensweisen anderer Völker zu verstehen. Da sollte man ansetzen.

INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR

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