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PLEITEN »Es ist vorbei«

Finale und zugleich Beginn des großen Geschachers: Leo Kirch wird diese Woche Insolvenz müssen. Milliardenschulden, Machthunger und eine verfehlte Medienpolitik machen den größten Konkurs der Nachkriegszeit unausweichlich. Auch die Fußball-Bundesliga zittert mit.
Von Wolfgang Reuter, Ulrich Schäfer, Thomas Schulz, Thomas Tuma und Michael Wulzinger
• aus DER SPIEGEL 15/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie unheimlich leise es im Auge des Orkans sein kann, erfuhr Leo Kirch, 75, am vergangenen Freitag. Der Himmel war ruhig, die Sonne strahlte. Vor der Ismaninger Konzernzentrale traten sich am Nachmittag wie so oft TV-Teams gelangweilt die Füße platt. Kirch konnte beinahe hören, wie sie von da unten bis hoch ins Berliner Kanzleramt den Atem anhielten, wann er - endlich, endlich - beim Amtsgericht in der Münchner Infanteriestraße Insolvenz beantragen würde.

Um den alten Filmhändler herum hatten sich alle verausgabt: Banker, Politiker, Manager. Selbst seinen engsten Beratern war klar, dass es keinen Ausweg mehr geben würde. Einhellige Meinung: Am Montag, spätestens Dienstag, gehe es nun zum Gericht.

Pleite. Aus. Am Ende gerinnt alles zu einer von schätzungsweise 40 000 Aktenzeichen dekorierten Insolvenzen, die Deutschland dieses Jahr erleben wird, wenn auch zur mit großem Abstand gewaltigsten.

Schluss. Vorbei. Kurze Stille in einem Sturm, der nach dem Gang zum Konkursrichter noch härter einsetzen wird, als er davor ohnehin schon tobte.

Am Mittwoch saßen Manager von Kirch und Geldinstituten bis spät in die Nacht zusammen, um für das heillos überschuldete Imperium an einem allerletzten Rettungsplan zu basteln. Wollte der Disney-Konzern von Kirch 70 Millionen Aktien an der ProSiebenSat.1 Media AG übernehmen, einem der wenigen nicht als Sicherheit für irgendwelche Kredite verpfändeten Schätze? Ja, wollte Disney. Dann aber doch wieder nicht.

Am Donnerstag verhandelte der australo-amerikanische Medien-Mächtige Rupert Murdoch in Los Angeles mit einer Abordnung der HypoVereinsbank über die Zukunft des Münchner Imperiums. Nur für schnelle Rauchpausen kamen die Unterhändler kurz aus dem Hotel. Zur gleichen Zeit beriet sich Kirch in Ismaning mit Peter Gauweiler, Enfant terrible der CSU und im vergangenen Jahr sein Anwalt vorm Parteispenden-Untersuchungsausschuss.

Am Freitag traf sich das Kirch-Management morgens um 9 Uhr zu einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung. Die Herren waren ausgelaugt, müde und mürbe-verhandelt.

Als letztes Bauernopfer sollte Kirchs Finanzvorstand rausgeschmissen werden: Ein weiteres 50-Millionen-Loch war auf- und Finanzvorstand Brian McCamman Cook im Urlaub abgetaucht.

»Es ist vorbei«, hieß es schließlich aus Verhandlungskreisen. Nichts geht mehr im Milliarden-Roulette. Die Geldmanager: zerstritten. Die Konkurrenten: zögerlich. Die Investoren: ziellos. Die Politik: mal leichenstarr, mal heillos hysterisch. Das Ende: mit Schrecken ohne Ende.

Alle hatten sich in den vergangenen Monaten eingemischt oder wenigstens höchst alarmiert gezeigt: von Kanzler Gerhard Schröder bis zu Italiens Ministerpräsidenten und Medien-Paten Silvio Berlusconi, vom Deutsche-Bank-Vorstand Rolf Breuer bis zum Bertelsmann-Chef Thomas Mid-

delhoff. In Gastrollen: Medienwächter, Gewerkschafter und Leitartikler, Landes- und Bundespolitiker jeder Couleur und Gewichtsklasse.

Schröder versuchte, im Hintergrund Logengast und Souffleur in Personalunion zu mimen. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) wollte am liebsten gar nicht mehr mitspielen, weil seine halbstaatliche Bayerische Landesbank mit über zwei Milliarden Euro fast ein Drittel der Kirch-Schulden solo trägt und das Desaster nicht nur die Bank, sondern auch seinen Ruf als Wirtschafts-Fachmann schwer beschädigt.

Ende vergangener Woche tobten dann noch einmal alle durcheinander, als auch dem Letzten klar wurde, dass selbst die Fußball-Bundesliga an Kirchs Finanzspritzen hängt wie Junkies an der Nadel. Soll der Staat die 36 Clubs mit einer 200-Millionen-Euro-Bürgschaft stützen, wenn Kirch seine nächste Rechte-Rate zum 15. Mai nicht mehr zahlen kann (siehe Seite 24)?

Ja, natürlich, forderte NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement, den die Vereine im Februar alarmiert hatten. Auf keinen Fall, schimpfte seine schleswig-holsteinische Kollegin Heide Simonis.

Alfred Tacke, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, der des Kanzlers Fußball-Feuerwehr spielen sollte, beeilte sich, man wolle lediglich »im Notfall kurzfristig eine Liquiditätslücke schließen«. Auch die Vereine »werden ihren Sanierungsbeitrag leisten müssen«. Die Clubs »müssten ihre Kosten und Ausgaben senken. Und es versteht sich von selbst, dass

dies natürlich auch die Gehälter der Spieler beträfe«.

Stoiber wiegelte wie gewohnt ab. Er habe »klare Signale«, dass Kirch pünktlich seine nächste 100-Millionen-Euro-Rate an die Vereine zahlen werde.

Was im bevorstehenden Wahlkampf als konzertiert-populistischer Stimmenfang geplant war, missriet zu einer Stimmungsfront, die quer durch Land, Parteien und Kabinett ging.

Willi Lemke, Bremens Bildungssenator und Ex-Manager von Werder Bremen, zeterte, das könne »nur ein Scherz sein«, dass deutsche Steuerzahler für die Traumgagen von Effenberg & Co. aufkommen sollten. Darum gehe es »ausdrücklich nicht«, kontert der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD).

Der Markt der Rechte und Gagen sei zwar »völlig überreizt. Und »wer sich in den Sumpf reingeritten hat, soll auch zusehen, wie er wieder rauskommt«, sagt Beck. Aber Fußball bedeute »nicht nur, dass 22 hochbezahlte Herren über eine Wiese rennen. Es geht um die Förderung der Basis, des Amateursports und der Jugendarbeit«. Ach, wenn''s nur das wäre. Es geht um viel mehr.

Der Krach um die Bürgschaft war nur das letzte von vielen multimedial geführten Scharmützeln rund um den einst so abgeschotteten Kirch-Turm. Aber das Buhei zeigte exemplarisch, was ein Kirch-Konkurs alles mit sich reißen wird.

Kann zum Beispiel ein Kanzlerkandidat Stoiber mit einer derartigen Pleite im Nacken überleben? Gerät auch seine Bayerische Landesbank in den Strudel? Was wird aus dem Formel-1-Zirkus, den Kirch im Jahr 2000 als teuerste Perle seinem Imperium einverleibte? Wie lange werden die rund 2,5 Millionen Premiere-Abonnenten überhaupt noch ein Programm geliefert bekommen, wenn alles den Bach runtergeht? Und wer schnappt sich die Kirch-Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften dieses Jahr sowie 2006?

Am Donnerstag vor Ostern ging in Zürich ein brisanter Deal über die Bühne: Fifa-Boss Joseph Blatter und Kirch-Vize Dieter Hahn einigten sich darauf, die TV-Rechte an den beiden WM-Ereignissen aus der Kernfirma KirchMedia zu lösen. Nun findet sich das einst für umgerechnet rund 1,9 Milliarden Euro erstandene Filetstück in der KirchSport AG, ansässig in der Steuer-Idylle Zug. Kirch-Kreisen zufolge abgenickt von den Banken und »insolvenzfest«.

Die Fifa spekuliert darauf, dass die Rechte dort vor Insolvenzverwalter und Gläubigern sicher sind. »Wir konnten nicht tatenlos zusehen, wenn alles um uns herum in die Brüche geht«, so ein Top-Funktionär. Und Kirch könnte sich wenigstens ein letztes Betätigungsfeld sichern oder den Ruhestand vergolden - je nach Interpretation.

Ohnehin scheiterte ein geordneter Rückzug zum Insolvenzrichter in den vergangenen Tagen offenkundig nur noch an Kirchs »geradezu unverschämten Forderungen«, so ein beteiligter Banker.

Es geht nicht nur ums Geld. Es geht auch nicht um die rund 9500 Arbeitsplätze oder Kirch selbst, der Ende März klarmachte, dass er seinen Platz räumen wolle. Wozu auch weiterkämpfen?

Der Mann ist 75, wegen einer schweren Diabetes seit einem Vierteljahrhundert fast blind und zudem ohne geeigneten Erben: Sein Sohn Thomas, erst kürzlich wegen übermäßigen Hasch-Besitzes verurteilt, taugte selbst in seinen besten Jahren nur als Strohmann für die dunklen Deals des übermächtigen Vaters.

Kirch ist nicht mehr Marionettenspieler, sondern Hampelmann. Seit Wochen schwankt er müde zwischen altem Kampfgeist und beinahe frivolem Fatalismus.

Tatsächlich geht es um die Neuordnung der deutschen Medienlandschaft, die bislang einem wohlig-überschaubaren Nest glich: Auf der einen Seite das privatwirtschaftlich dominierte Duopol Bertelsmann (RTL, RTL II, Vox) und Kirch (ProSieben, Sat.1, Kabel 1), auf der anderen die öffentlich-rechtlichen Urgesteine ARD und ZDF, denen nun ganz neue TV-Gegner drohen.

»Wir fürchten uns nicht vor Murdoch und Berlusconi«, sagt ARD-Chef Fritz Pleitgen. »Aber es sind keine Mitspieler, die man sich wünscht. Da kommen Leute, die nur auf Geld aus sind und keine Skrupel kennen. Das ist keine angenehme Perspektive.«

Dabei haben nirgendwo sonst auf der Welt öffentlich-rechtliche Sender so viel Gebührengelder zur Verfügung wie hier zu Lande: rund 6,5 Milliarden Euro. Und nirgendwo sonst ist ein TV-Markt bereits jetzt derart hart umkämpft wie in Deutschland, wo seit ihrer Gründung lediglich drei von rund 20 Privat-Stationen ihre Anlaufverluste in chronisch schwarze Zahlen verwandeln konnten: ProSieben, RTL und Kabel 1. Viele Kirch-Sender wird es möglicherweise bald nicht mehr geben. Zur Disposition stehen Kleinstsender wie DSF, Neun Live, N 24, die Ballungsraum-Kanäle sowieso. Aber selbst das sind nur Randaspekte.

Kirchs krachendes Finale markiere das Ende der Deutschland AG, glaubt Rüdiger Pohl, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Jenes verfilzte Netz aus Männerfreundschaften und Parteibündelei zwischen Politik, Banken und Industrie, das jahrzehntelang viele Konkurse verhinderte, ist nun endgültig zerrissen.

Es war kein Wunder, dass bei Kirch am Ende die Banker - angesichts ihrer neuen Rolle eher verwirrt als siegestaumelnd - im Rampenlicht standen, um den Nachlass zu ordnen. Jahrelang hatten sie zugesehen - und zugeschossen. Nun schießen sie zurück.

Früher konnte sich Kirch in der Rolle des geheimnisvollen Paten durchaus sicher fühlen (siehe Seite 114). Wozu sollte er Bilanzen publik machen? Die Spezlwirtschaft aus konservativen Freund- und Seilschaften funktionierte. So stieg er zum Multi-Senderchef auf, der immer mehr wollte: Pay-TV, Filmpakete, Fußballrechte. Als seine Pro Sieben Media AG 1997 an die Börse ging, musste sein verschachteltes Medienhaus zum ersten Mal überhaupt für ein bisschen Transparenz sorgen.

Doch er brauchte immer mehr Geld. Für das Milliardengrab Premiere. Für die Formel 1. Die Banken machten mit - und bangen nun um einen Großteil ihrer Milliarden. Allein Gerüchte, die HypoVereinsbank habe ihre Kredite nur dürftig besichert, reichten aus, um den Kurs des Geldinstituts am vergangenen Freitag um bis zu vier Prozent in den Keller zu reißen.

Was sich mit dem Niedergang des Neuen Marktes abzeichnete, findet in Kirchs Sturz ein pompöses Fanal: Künftig zählt nicht mehr die Vision, sondern das Eigenkapital, an dem es der hiesigen Wirtschaft mitunter gefährlich mangelt. Fairchild Dornier, Herlitz, Holzmann, Bombardier - sind all diese Fälle Menetekel eines tiefgreifenden Umbruchs, an dessen Ende nur noch Gewinnmaximierer, Firmen-Filetierer und Investment-Haie regieren?

Klar ist momentan nur: Die größte Unternehmenspleite des gesamten Nachkriegs-, Wirtschaftswunder- und Einheits-Deutschlands ist nahezu unausweichlich geworden. Mittlerweile ist die Kirch-Gruppe bei der Evidenzzentrale der Deutschen Bundesbank - dorthin müssen alle Großkredite gemeldet werden - unter der Gruppennummer 01131523 mit über sieben Milliarden Euro aktenkundig.

Das Kirch-Desaster ist damit größer als die Debakel um den Baukonzern Holzmann und den Immobilien-Spekulanten Jürgen Schneider zusammen. Doch in jenen Fällen ging es »nur« um Milliarden. Diesmal geht es um Meinungsmacht. Und da haben neben Kirch selbst und den Banken auch die Medienpolitiker versagt.

Das Epizentrum des Bebens liegt in Ismaning. Aber schnell wird es Zulieferer, Produktionsstätten, Studios, Sender und Beteiligungen treffen. Experten rechnen allein im Kirch-Dunstkreis mit bis zu 60 Folgepleiten. Der Donnerhall wird überall zu spüren sein: von der Bayerischen Staatskanzlei bis zum Berliner Kanzleramt, von den Bank-Burgen in Frankfurt bis in die TV-Studios in Unterföhring.

Am Ende haben alle verloren - Geld und Nerven, Ansehen und Arbeitsplätze.

Nun gehe es um »die Gestaltung unserer medialen Ordnung und die Grundsatzfrage, wie viel Globalisierung im Medienbereich wir zulassen können«, schwadroniert Julian Nida-Rümelin. Als Kulturstaatsminister soll er sich auch ums Mediengeschäft kümmern. Doch zu Wort gemeldet hat sich der SPD-Mann bislang allenfalls, wenn es um überschaubare Prestige-Petitessen wie die Bundeskulturstiftung ging.

Anders als in vielen anderen Ländern wurden in der Bundesrepublik keine Hürden aufgebaut, um den Einfluss ausländischer Medienkonzerne auf den Meinungsmarkt zu kontrollieren. Als EU-Bürger könnte Berlusconi, der in seiner Heimat Italien ohnehin schon staatlichen wie privaten Rundfunk kontrolliert, auch in Deutschland schalten und walten.

Die Programme von Leuten wie Berlusconi oder Murdoch seien eben »Kommerz pur«, sagt Norbert Schneider, Chef der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten. »Das Problem dabei ist, dass damit gleich die gesamte deutsche TV-Architektur unter Druck gerät. RTL etwa wird das partiell kopieren. Und gegen diese Entwicklung kann man medienrechtlich nichts tun.«

Das sei »die gerechte Strafe« für die marode und Länder-dominierte deutsche TV-Politik, glaubt der Medienexperte Lutz Hachmeister. »Wenn man über Jahre das System nicht ordnen kann, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man jetzt die Quittung bekommt.«

Zwar orakelt SPD-Fachmann Beck, Medienpolitik könne nicht bedeuten, »für alle Eventualitäten im Vorfeld große Sperren aufzustellen. Und nicht jeder ausländische Investor ist des Teufels«. Aber er macht auch klar: »Es wird Zeit, darüber nachzudenken, ob man sich nicht - wie etwa die USA - stärker abschotten sollte.«

Am Freitag vergangener Woche tagte bei Kirch zuletzt eine große Runde mit CSU-Politikern und Beratern, die bereits die Zeit nach dem Konkurs einläuteten. Eine Auffanggesellschaft war im Gespräch - unter Führung der Banken.

WOLFGANG REUTER, ULRICH SCHÄFER,

THOMAS SCHULZ, THOMAS TUMA, MICHAEL WULZINGER

* Links: beim Förderverein des 1. FC Magdeburg am 3. April;rechts: im Dortmunder Westfalenstadion am 13. Mai 2000.

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