NIEDERLANDE / HAUS ORANIEN Es war ein Mann
Zwei Mädchengestalten, in schwarze Mantillen gehüllt, huschten in die Kirche von San Gerònimo in Madrid. Ein herumlungernder Photoreporter folgte ihnen neugierig. Er hatte unter einem Schleier fremdländisch-rotblondes Haar erspäht.
Vor einem Seitenaltar knieten die beiden Kirchgängerinnen nieder. Leise klickte ein Kameraverschluß. Erschreckt flohen die jungen Damen aus dem Gotteshaus in ihren wartenden weißen Sportwagen.
Was an jenem Morgen des 29. Januar 1964, am vorletzten Mittwoch, in der Kirche von San Gerònimo auf einen Film gebannt und wenig später in einem Presselabor entwickelt wurde, erschütterte eines der letzten regierenden Häuser Europas bis in seine Grundfesten: Prinzessin Irene, zweitälteste Tochter der protestantisch-reformierten Königin der Niederlande, empfing das katholische Sakrament der Kommunion.
War sie konvertiert, um einen jener Spanier heiraten zu können, deren Kolonialherrschaft über die Niederlande der Ahnherr ihres Geschlechts vor 400 Jahren beseitigt hatte und deren Schrekkensregiment noch heute auf den Seelen des schwerblütigen Küstenvolks lastet?
Einem biblischen Unwetter gleich brach der Sturm über das Königreich der Niederlande herein. Wie kaum ein anderes Volk Kontinental-Europas hängen die Holländer noch an ihrem angestammten Herrscherhaus. Die Nähe des benachbarten Königreichs Belgien, das in Flamen und Wallonen - sie sprechen unterschiedliche Sprachen und befehden sich erbittert - zerfallen ist, mahnt sie, die einigende Kraft der Krone zu bewahren.
Denn auch die 11,7 Millionen Holländer sind in zwei große Konfessionsgruppen zerspalten: 41 Prozent sind Katholiken, 37 Prozent sind Reformierte, der Rest ist in evangelische Sekten, andere Religionsgemeinschaften und Konfessionslose aufgesplittert.
Stärker als in anderen Staaten mit ähnlicher Konfessions-Spaltung, etwa der Bundesrepublik, sind die religiösen Gruppen politisch engagiert. Der Katholizismus wird von der regierenden Volkspartei repräsentiert; Protestanten führen nicht nur die protestantischen Parteien, sondern auch die Liberalen und die Sozialisten.
Dennoch war der religiöse Friede nicht gefährdet, solange das protestantische Königshaus als Sinnbild glücklicher, familiärer Eintracht politische Parteien, soziale Klassen und christliche Konfessionen gemeinsam verband.
Die Dynastie der Königinnen - nach Juliana wird das Land in dritter Generation von einer Frau regiert werden - ist für diese monarchische Mission besonders prädestiniert. Verkörpert doch eine Herrscherin ungleich stärker als jeder König das fürsorglich-mütterliche Element häuslichen Friedens.
Unseligerweise aber schienen die Frauen des Hauses Oranien immer wieder der Versuchung ausgesetzt, mystischreligiösen Einflüssen zu erliegen, die naturnotwendig diese Aufgabe des Thrones gefährden.
Julianas Mutter, Königin Wilhelmina, die Holland fünf Jahrzehnte lang und über zwei Weltkriege hinweg eine glückhafte Herrschaft beschert hatte, versenkte sich nach ihrem Rücktritt 1948 bis zu ihrem Tode 1962 in exzentrischpietistische Religiosität.
»Plötzlich wurde ich von jener Liebe für die ganze Menschheit berührt«, schrieb sie in ihren Memoiren, »welche in Christus selbst ihre Quelle hat ... Der verborgene Umgang mit Christus geht mir über alles.«
Ihre Tochter Juliana hatte sich schon in ihrer Studentenzeit spiritistischen Sekten angeschlossen, von denen sie sich auch nach ihrer Promotion zum Doktor der Philosophie nur schwer zu trennen vermochte.
In den Niederlanden ist, wie bei zahlreichen nordischen Küstenvölkern - so auch bei den deutschen Ost- und Nordfriesen -, der Hang zum Okkultismus
und zur Mystik, der Glaube an das zweite Gesicht tief verwurzelt.
Der »Fliegende Holländer«, der Kapitän, der wegen seiner Vermessenheit Gott gegenüber dazu verurteilt wurde, für ewig auf seinem Geisterschiff die Meere zu kreuzen, ist weltweites Symbol dieser Nationaleigenschaft.
Auch als Landesmutter konnte sich die tief religiöse Königin Juliana von solchen Neigungen nicht befreien; ihre weibliche Natur öffnet sich überirdischen Eindrücken nur zu bereitwillig. Die Geburt eines kranken Kindes hat diese Bereitschaft noch gesteigert.
Mit ihrem deutschen Prinzgemahl Bernhard zur Lippe-Biesterfeld hat die Königin vier Töchter:
- Beatrix, 26,
- Irene, 24,
- Margriet, 21,
- Maria Christina ("Marijke"), 17.
Während ihrer Schwangerschaft vor der Geburt der letzten Tochter erkrankte die Königin an Röteln. Die Ärzte lehnten einen chirurgischen Eingriff ab. Prinzessin Marijke kam mit einem angeborenen Star zur Welt.
Als alle ärztliche Kunst versagte, geriet Königin Juliana Anfang der fünfziger Jahre als junge Königin unter den Einfluß der frömmelnden Gesundbeterin Greet Hofmans, die nach eigenen Worten »direkte Zwiesprache« mit Gott hielt und vorgab, Marijke heilen zu können.
Die Wunderdoktorin wurde bei Hof immer mächtiger. Sie flüsterte der Königin ein: »Gott hat mir eröffnet, daß Sie die größte Königin werden können,
die Holland je gehabt hat« (SPIEGEL 24/1956).
Erst als die Staatsräson verlangte, der öffentlich bekanntgewordenen Rolle der Gesundbeterin am niederländischen Königshof ein Ende zu setzen, fand Königin Juliana mit Hilfe ihres deutschen Prinzgemahls Bernhard die Kraft dazu. Sie trennte sich 1956 von Greet Hofmans.
Allein, die Faszination, die Okkultismus und Mystik auf die Königin ausübten, war damit nicht erloschen. 1959 empfing sie im königlichen Palast Soestdijk den amerikanischen Bürger polnischer Herkunft George Adamski, 68, aus Kalifornien, der ihr eineinhalb Stunden lang von einer Reise in einer Fliegenden Untertasse zur Venus berichtete, Adamski: »Auf der Venus gibt es Kühe.«
Stärker als die unbekümmerte Kronprinzessin Beatrix wurde die scheue Irene von solchen Erlebnissen beeindruckt. Sie schloß sich immer enger an ihre Großmutter, Prinzessin Armgard zur Lippe-Biesterfeld an, eine geborene Freiin von Cramm und Mutter des Prinzgemahls Bernhard.
Vor ihrer Übersiedlung von Deutschland nach Holland nach dem Krieg war Prinzessin Armgard zum katholischen Glauben konvertiert.
Auf dem Wasserschloß Armgards in Warmelo bei Diepenheim, wo Prinzessin Irene, eine leidenschaftliche Reiterin, immer häufiger ihre Ferien verbrachte, kam sie mit dem Katholizismus in Berührung. Die junge Prinzessin, wie ihre Mutter an religiösen Problemen interessiert, erwog mit 16 Jahren - im Jahr des Greet-Hofmans-Skandals zum erstenmal den Übertritt zum Katholizismus.
Doch noch auf seinem Sterbebett warnte 1955 der Utrechter Kardinal Jan de Jong vor diesem Schritt. Ein Übertritt der Prinzessin, so fürchtete er, könnte den nach jahrhundertelangen Konflikten mühsam errungenen religiösen Frieden des Landes stören.
Sein Nachfolger, Kardinal Bernard Alfrink, sah nur den unmittelbaren Erfolg: In aller Heimlichkeit taufte er im Juni vergangenen Jahres die 23jährige Prinzessin Irene in seiner Hauskapelle zu Utrecht nach katholischem Ritus.
Sieben Monate lang blieb diese Zeremonie das bestgehütete Staatsgeheimnis
des Königreiches der Niederlande und des Vatikans.
Noch im selben Sommer ihres Eintritts in die katholische Kirche reiste die getaufte Prinzessin Irene in Ferien nach Spanien. Die Fahrt wurde kaum beachtet, da die Prinzessin sich auf eine spanische Dolmetscher-Prüfung vorbereitete.
Auf der Pyrenäen-Halbinsel war sie Gast der reichen Reeder-Familie Ybarra im nordspanischen Bilbao, mit der das Haus Oranien seit langer Zeit gesellschaftlichen Verkehr pflegt.
Schon damals suchte die holländische Prinzessin die Privatkapelle der Familie auf; ihrem Besuch wurde jedoch keine Aufmerksamkeit geschenkt; er wurde als Akt der Höflichkeit angesehen.
Nach Erlangung ihres Spanisch-Diploms brach Prinzessin Irene am 10. Januar dieses Jahres erneut nach dem Süden auf.
Auf dem Madrider Flughafen Barajas wurde der Gast aus Holland, der mit neun Koffern, zwei Handtaschen und einem Papagei dem Flugzeug entstieg, wieder von Frau Teresa Ybarra und deren Tochter abgeholt.
Die spanischen Ferien begannen fröhlich und ausgelassen. Die Tochter der Königin reiste nach Südspaniens Costa del Sol und erschien auf einem Empfang, bei Hollands Botschafter in Madrid, dem katholischen Diplomaten Jonkheer van Panhuys.
Doch am 27. Januar zogen am Urlaubshimmel dunkle Wolken auf. Die Spanien-begeisterte Prinzessin gab dem Korrespondenten der unabhängigen Amsterdamer Tageszeitung »De Telegraaf« Joost de Ruiter ein Interview: »Man hat in Holland eine völlig falsche Vorstellung von Franco-Spanien. Davon habe ich mich selbst ausgiebig überzeugen können. Ich liebe Spanien und das spanische Volk und hoffe, noch oft hierher zu kommen.«
Regierung und Parlament, Hof und Untertanen im heimatlichen Holland schwiegen betreten. Seit dem 16. Jahrhundert lastet auf dem niederländischen
Nationalgefühl ein spanisches Trauma.
1555 waren die Niederlande bei der Teilung des habsburgigchen Weltreiches an Spanien gefallen. Der Spanier-König Philipp II. errichtete eine Terrorherrschaft, die zwölf Jahre später mit dem Einzug der Soldateska des Herzogs von Alba in Holland ihren Höhepunkt erreichte.
Unter Führung Wilhelms von Oranien, des Vorfahren der Spanien-Reisenden Irene, erhoben sich die Niederländer. Statthalter Alba versuchte, den Auftand in Blut zu ertränken. Er ließ die Blüte des niederländischen Adels enthaupten. 80 Jahre dauerte der Befreiungskrieg. Erst im Westfälischen Frieden erlangten die Niederländer ihre Unabhängigkeil.
Seither hat sich kaum je ein Holländer, geschweige denn ein Sproß des Hauses Oranien, öffentlich zu Spanien bekannt. Und doch sollte das Interview der Prinzessin nur den Auftakt zu einem in der holländischen Geschichte beispiellosen Drama bilden.
Zwei Tage nach ihrem Interview wurde Prinzessin Irene zusammen mit ihrer Freundin Manuela Rosario Andrade in der Kirche von San Gerònimo in Madrid bei der Kommunion photographiert. Noch am selben Tag, am 29. Januar, kabelte die Madrider Redaktion der amerikanischen Nachrichtenagentur UPI die erste Anfrage nach Den Haag: Ob Prinzessin Irene konvertiert sei?
Antwort des Königlichen Informationsamtes: »Fürchterlicher Unsinn,« Das Presseamt lehnte indigniert eine Nachfrage im Palast von Soestdijk ab. Das Haus Oranien, so wurde offiziell erklärt, sei reformiert und eine derartige Frage ungehörig.
Einen Tag darauf wurde der ungehörige Unsinn zur unbestreitbaren Tatsache erklärt. Auf Anweisung Prinzessin Irenes verkündete ihr Privatsekretariat im königlichen Palast Soestdijk, daß die Königin-Tochter bereits vor mehr als einem halben Jahr zum katholischen Glauben übergetreten sei.
Gleichzeitig erreichten Holland die
ersten Nachrichten über eine von der Königin genehmigte bevorstehende Verlobung der Prinzessin mit einem Edelmann aus Franco-Spanien. Die Krise war da. Das Land fühlte sich vom Hof überspielt. Das Parlament fühlte sich von der Königsfamilie übergangen, denn da Irene in der Thronfolge steht, ist ihre
Heirat von der Zustimmung des Parlaments abhängig.
Die Aussicht, einen Spanier in die niederländische Dynastie eindringen zu sehen, erfüllte die geschichtsbeladene Nation mit Abscheu und Sorge. Der religiöse Frieden schien gefährdet.
Erst seit 1960 sind die Katholiken im Reformationsstaat Holland die zahlenmäßig stärkste Konfession. Der Übertritt der Prinzessin war für die Protestanten in dieser Situation eine besonders bittere Niederlage in ihrem seit Jahrzehnten andauernden Rückzugsgefecht.
60 calvinistische Gemeinden schickten Protesttelegramme an Hof und Regierung. Die »Prinzessin-Irene-Schule« auf der protestantischen Insel Tolen legte ihren Namen ab. »Eine protestantische Schule kann nicht den Namen einer römisch-katholischen Konvertitin tragen«, klagte der Schulvorstand.
Hofprediger de Forget entrüstete sich: »Ich bin empört, daß man mich nicht informiert hat.«
Der calvinistische Abgeordnete von Dis zürnte: »Ein schwerer Schlag für die Protestanten.«
Die beabsichtigte Verlobung der konvertierten Prinzessin Irene mit einem spanischen Aristokraten rief den geschlossenen Widerstand der in der Opposition befindlichen Sozialisten hervor.
Die Sozialisten waren im Sommer vergangenen Jahres nach zehnwöchiger Regierungskrise von der Kabinettsbildung ausgeschlossen worden, obwohl sie trotz einiger Mandatsverluste mit Abstand hinter der katholischen Volkspartei die zweitstärkste Partei geblieben waren.
Sie erklärten jetzt bei den Verhandlungen mit dem katholischen Ministerpräsidenten Matijnen, daß sie eine spanische Hochzeit der Prinzessin, die an zweiter Stelle der Erbfolge stehe, nicht dulden würden.
Die Sozialdemokraten, von denen viele in nationalsozialistischen Konzenttrationslagern gelitten hatten, wollten zwar nichts gegen eine katholische Heirat einwenden, aber eine Verbindung der königlichen Familie mit Franco -Spanien nicht hinnehmen.
Auch in der Regierung selbst, in der neben der katholischen Volkspartei und den Liberalen Mitglieder der beiden protestantischen. Parteien Hollands sitzen, gab es erbitterten Widerstand gegen die Heiratspläne der Prinzessin.
Die protestantischen Parteien haben in den vergangenen Jahren gegenüber dem geschlossenen Block der Katholiken immer mehr an Boden verloren, nicht zuletzt durch die nur der Weimarer Republik vergleichbare Parteienzersplitterung in den Niederlanden.
Doch schon bald wurde klar, daß mehr auf dem Spiel stand als der Bestand des Kabinetts: Eine schwere Staats und Verfassungskrise war ausgebrochen.
Es ging um die Stellung von Königin Juliana selbst und um ihr Ansehen im Volk. Es ging um die Grundlagen der konstitutionellen Monarchie, in der die königliche Familie sich in Staatsangelegenheiten dem Willen der Regierung und des Parlaments zu fügen hat.
Wollte der erst 46jährige katholische Ministerpräsident Victor Gerard Marijnen ein Auseinanderfallen des staatlichen Gefüges und seiner Regierung vermeiden, mußte er versuchen, die Absichten der königlichen Familie mit den Forderungen des Parlaments in Einklang zu bringen. Aber - der Premierminister war im Urlaub in den bayrischen Bergen.
Erst am vorletzten Freitag, vier Tage nach Irenes Interview, zwei Tage nach ihrer photographierten Kommunion und einen Tag nach der Bekanntgabe ihrer Konversion, kehrte er überstürzt aus den Ferien nach Den Haag zurück.
Sofort berief er eine Sondersitzung des Kabinetts ein. Allein, die Königin war für ihn nicht erreichbar: Gemeinsam mit Prinzgemahl Bernhard, Kronprinzessin Beatrix und Prinzessin Margriet war sie am selben Tag nach Innsbruck zu den Olympischen Spielen abgereist.
Schnelles Handeln war notwendig. Telephonisch wurden zwischen Den Haag und Innsbruck die nächsten Schritte abgesprochen. Keine 24 Stunden später, am Sonnabend, dem 1. Februar, flog der Privatsekretär der Königin, Dr. van der Hoeven, im Auftrag Julianas und mit der Billigung der Regierung in
der orangefarbenen königlichen Turboprop-Maschine vom Typ »Fokker Friendship« nach Spanien.
Er traf mit Prinzessin Irene in der Madrider Niederländischen Botschaft zusammen und forderte sie auf, zu einer Aussprache mit ihren Eltern nach Innsbruck zu fliegen. Dort sollte besprochen werden, unter welchen politischen Bedingungen die Heirat mit einem spanischen Edelmann möglich sei. Prinzessin Irene aber verweigerte den Gehorsam.
Am nächsten Tag, am Sonntag, dem 2. Februar, an dem Königin Juliana und Prinzgemahl Bernhard in Innsbruck dem Meisterlauf der holländischen Goldmedaillengewinnerin Sjoukje Dijkstra zusahen, verschwand Prinzessin Irene spurlos aus der Niederländischen Botschaft in Madrids Calle Velázquez.
Ihre Freundin Manuela Rosario Andrade, mit Sonnenbrille und Kopftuch der Prinzessin verkleidet, verließ die Botschaft durch die Vordertür. Die wartende Reportermeute hetzte hinterher. Ehe die Journalisten ihren Irrtum bemerkten, war Prinzessin Irene durch eine Hintertür aus dem Haus geschlüpft und in einem Sportwagen mit Barcelona-Kennzeichen spurlos verschwunden.
Statt der Prinzessin flog eine zweite Freundin, Petra Brussaart, zu Königin Juliana nach Innsbruck. Im Hotel »Tyrol«, wo die Königsfamilie logierte, überbrachte sie die Botschaft der Prinzessin: Die Königin-Tochter wolle vorerst in Spanien bleiben. Da ließ das Königspaar die Koffer packen und flog nach Holland zurück.
Am Dienstag vergangener Woche landete die königliche Maschine um 11.43 Uhr auf dem Militärflughafen Soesterberg in der Nähe des Palastes. Ein geschichtsträchtiger Tag war angebrochen: 10.15 Uhr: Die »Fokker Friendship« mit dem königlichen Privatsekretär van der Hoeven an Bord startet in Spanien und fliegt nach Holland zurück.
13.22 Uhr: Das Königliche Informationsamt gibt bekannt, an Bord der Fokker befände sich auch Prinzessin Irene.
14.13 Uhr: Die Maschine landet. Die Prinzessin ist nicht gekommen. Ein Hofbeamter bestürmt van der Hoeven: »Mein Gott, was ist geschehen?« Der Sekretär gibt keine Antwort. Er hastet in den Palast Soestdijk zu seiner Königin.
Sein Bericht: Prinzessin Irene verweigere weiter die Heimkehr; ihre geplante Verlobung wolle sie absagen.
Die um das Glück und die Liebe ihrer Tochter bangende Monarchin erleidet einen Weinkrampf. Ministerpräsident Marijnen und Reichspressechef Dr. Lammers, ebenfalls zum Staatsoberhaupt bestellt, müssen im Vorzimmer warten.
15.00 Uhr: Die Königin hat sich so weit gefangen, daß sie ihren Premierminister empfangen kann. Der Ministerpräsident erklärt, sein Kabinett sei vom Sturz bedroht, wenn das Königshaus sich aus familiären Gründen über die Erfordernisse der Staatsräson hinwegsetze. Bei einer Heirat mit einem Edelmann aus Franco-Spanien müsse Prinzessin Irene für sich und ihre Nachkommen den Thronverzicht erklären. Die Besprechung dauert dreieinhalb Stunden.
18.45 Uhr: Im Parlamentsgebäude in Den Haag treffen die herbeigerufenen Fraktionsführer der Koalitionsparteien mit dem Regierungschef zusammen.
20.00 Uhr: Die Abendnachrichten bringen kein Wort über die Krise. Die Konferenz im Haag dauert an, bis die Meldungen vorüber sind. Im holländischen Volk schwirren abenteuerliche Gerüchte. Zum erstenmal wird von einer Abdankung der Königin gesprochen.
22.30 Uhr: Königin Juliana wendet sich über alle Stationen des holländischen Rundfunks und des Fernsehens an ihr Volk. Ähnlich dramatisch wie einst König Eduard VIII. von England vor den Mikrophonen seine Abdankung wegen seiner Heirat mit einer geschiedenen Frau verkündete, erklärt sie im majestätischen Plural:
»Wir hätten Ihnen schon gern früher von den Zukunftsplänen Unserer Tochter berichtet. Aber das war wegen des zu erwartenden freudigen Ereignisses einer Verlobung nicht möglich. Nun
müssen Wir Ihnen leider sagen, daß Uns Unsere Tochter heute mitgeteilt hat, die Verlobung werde nicht stattfinden. Sie werden mit Uns fühlen, daß Unsere Tochter jetzt eine außerordentlich schwierige Zeit durchmacht. Wir hoffen, Irene bald in Unserer Mitte zu sehen.«
Die Worte der Königin vermochten die Krise nicht zu beenden; das bedauernde »leider« hatte sie sogar gegen den Widerstand der Regierung in ihre Rede eingeflochten.
Nach Mitternacht berief Reichspressechef Dr. Lammers eine Pressekonferenz ein. Sie war so unwirklich wie das Geschehen der letzten Tage. Der Reichspressechef stellte und beantwortete die Fragen selbst.
Lammers: »Wer ist der Bewerber?«
Lammers: »Es war wohl ein Mann.«
Lammers: »Wo befindet sich Irene?«
Lammers: »In Spanien; mehr darf ich Ihnen nicht sagen.«
Die Reporter tobten. In Sprechchören verlangten sie den Premier zu sehen: »Marijnen her!«
Der Ministerpräsident aß im Parlamentsrestaurant gerade Krebs-Salat. Er ließ ihn stehen. Gegen ein Uhr morgens traf er auf der Pressekonferenz ein. Doch auch seine Auskünfte blieben dunkel: »Auf die Prinzessin wurde von der Regierung kein Druck ausgeübt. Es war ihr freier, persönlicher Entschluß.«
Der turbulente Dienstag in Den Haag war beendet. 2000 Kilometer südlicher war an jenem Tag die Hauptakteurin der niederländischen Tragödie, Prinzessin Irene, in einem anderen Lande, von der Öffentlichkeit unbemerkt, mit einem Nervenzusammenbruch nach Jerez de la Frontera in Südspanien gebracht worden. Dort war sie, wie die Zeitung »Pueblo« meldete, in das Heim
»Santa Maria del Pino« des katholischen Ordens Opus Dei eskortiert worden.
Der mächtige katholische Laien- und Priesterorden, dessen Zentrale in Rom sitzt und der bereits in 50 Ländern der Erde wirkt, hat in Spanien fast unbegrenzten Einfluß. Sein Arm reicht tief in die Regierung (drei Minister sind
Opus-Dei-Mitglieder) und die Partei, in Universitäten und Banken.
Opus Dei oblag die geistliche Erziehung des spanischen Thronprätendenten-Sohnes Juan Carlos, und von dem Orden führt eine direkte Verbindung zu dem Mann, der ein enger Verwandter von Juan Carlos ist und der von der internationalen Presse als der Beinahe -Verlobte Prinzessin Irenes identifiziert wurde: Prinz Alfonso de Bourbon, 27, ein Enkel des letzten spanischen Königs, Alfonso XIII.
Als Dr. jur. arbeitet er an der Banco Exterior de Espana in Madrid. Er ist
spanischer Landesmeister im Skilaufen und traf im vergangenen Jahr häufig mit Prinzessin Irene während ihrer spanischen Ferien zusammen. Sie unternahmen Bootsfahrten an die Costa Brava; ihr bevorzugtes Restaurant war im tausend Jahre alten Kloster von Montserrat.
Seinetwegen hatte Irene ihr Spanisch -Studium begonnen, obgleich sie in der Schule ihre Latein- und Griechisch -Prüfungen nicht bestanden hatte. Inzwischen nahm sie im Opus-Dei-Heim »Santa Maria« an religiösen Exerzitien teil.
Noch einmal unternahmen in der vergangenen Woche die Eltern der Prinzessin einen verzweifelten Anlauf, den Frieden des Hauses und des Reiches wiederherzustellen:
Am Donnerstagmorgen startete erneut die königliche Fokker Friendship.
An Bord: Königin Juliana und Prinzgemahl Bernhard. Der Chef des Generalstabes rief unverzüglich den Flugplatzkommandanten an, um zu erfahren, wohin die königliche Familie geflogen sei. Der Kommandant, ein Oberst, antwortete, er habe strikten Befehl von Prinz Bernhard in dessen Eigenschaft als Inspekteur der Luftwaffe, nichts über den Zielort zu sagen.
Um 9.25 Uhr landete die Maschine auf dem militärischen Teil des Pariser Flughafens Orly. Für 13.30 Uhr war der Weiterflug nach Madrid vorgesehen; der Pilot hatte bereits die Landeerlaubnis vom Kontrollturm des Madrider Flughafens erhalten. Doch der Flug sollte nicht stattfinden.
Während Königin Juliana an Bord des Flugzeuges blieb, fuhr der Prinzgemahl mit einer weißen Nelke im Knopfloch seiner Flanelljacke im schwarzen Opel zur Niederländischen Botschaft in Paris. Er telephonierte mit der Niederländischen Botschaft in Madrid und mit dem heimatlichen Den Haag. Von dort erreichte ihn die dringende Botschaft der niederländischen Regierung, nicht weiterzufliegen. Die Staatsräson verbiete einen privaten Besuch in Franco -Spanien. Ohne Erlaubnis der Regierung dürfe die Königin die Reise nicht antreten. Und die Regierung verweigere die Erlaubnis.
Noch am selben Nachmittag kehrte die Fokker Friendship nach Holland zurück. Die Beratungen, wie die schwelende Staatskrise beigelegt werden könnte, begannen von vorn.
Nur ein Familienrat des Hauses Oranien, so wurde beschlossen, vermöge jetzt noch zu klären, ob und unter welchen Umständen ein Ausgleich möglich sei.
Dazu war zunächst einmal notwendig, die über drei Länder verteilten Frauen des. Hauses Oranien an einem Ort zu versammeln.
Der fliegende Holländer-Prinz Bernhard brach deshalb am letzten Freitag auf, um zunächst seine Töchter Beatrix und Margriet heimzuholen. Beide Olympia-Gäste waren in Innsbruck geblieben und hatten es vorgezogen, den holländischen Hexenkessel zu meiden.
Von dem geplanten Familienrat unterrichtet, erwog auch Prinzessin Irene in Spanien am gleichen Tag, ihre voreiligen Erklärungen über Nicht-Heimkehr und Nicht-Verlobung zu revidieren.
Ein Sprecher des holländischen Hofes teilte mit, Prinz Bernhard werde die Prinzessin am Wochenende in Madrid abholen.
Irene selbst ließ erklären: »Ich habe die seelischen Schwierigkeiten überwunden, um bald glückliche Familienereignisse verkünden zu können.«
Die Monarchin Juliana, die in dem Konflikt zwischen königlicher Pflicht und mütterlicher Liebe schon den Gedanken der eigenen Abdankung erwogen hatte, begab sich in ärztliche Behandlung. »Wer bin ich«, hatte sie bei ihrer Inthronisation gefragt, »daß ich diese Last tragen muß?« -
Prinzessin Irene in der San-Gerònimo-Kirche beim Empfang eines Sakraments: Den Thron erschüttert
Hollands Herrscherfarmilie*: Für ein schwerblütiges Küstenvolk eine Dynastie der Frauen
Irene-Großmutter Wilhelmina
»Verborgener Umgang mit Christus«
Irene-Großmutter Armgard
Vor der Übersiedlung konvertiert
Gesundbeterin Greet Hofmans
»Gott hat mir eröffnet«
Premierminister Marijnen
Die Königin weinte
Untertassenforscher Adamski
»Auf der Venus gibt es Kühe's
Königin Juliana, Prinzgemahl Bernhard (r.) vor dem Parlament: »Wer bin ich, daß ich diese Last tragen muß?«
* V. l. n. r.: Prinzessinnen Irene, Beatrix, Marijke, Margriet, Königin Juliana, Prinzgemahl Bernhard.