»Es war ziemlich verrückt«
In den Nachrichten geben sie später den Zeitpunkt, an dem in New York der Strom ausfiel, mit 16.11 Uhr an. Der Moment, an dem sich das Leben in der Stadt zu langen Marschkolonnen formierte und die Fernsehsender in aller Welt auf Manhattan umschalteten, so wie damals, an jenem kristallklaren Vormittag im September vor zwei Jahren. Tatsächlich ist es eher ein minutenlanges Flackern, ein langsam absterbendes Flickern der Geräte, das anzeigt, dass die Dinge außer Kontrolle geraten sind.
Es ist eigenartig, wie unheimlich einem die Welt wird, wenn plötzlich die Computerfestplatten zu surren beginnen und in den Telefonleitungen nur noch ein Knistern zu hören ist. Anderswo würde man jetzt wohl erst einmal abwarten, ob die Welt nicht von selbst wieder ins Lot gerät, in New York rechnet man gleich mit dem Schlimmsten.
»Bitte evakuieren Sie sofort das Gebäude«, sagt der Pförtner, so, als ob es noch eine Aufforderung brauchte, den schnellsten Weg ins Freie zu suchen. »Evakuierung« ist ein ziemlich bösartiges Wort, es klingt nach Terror und Katastrophe. Unten vor dem Haus stehen bereits die Belegschaften der Anwaltskanzleien und kleinen Brokerfirmen, die in diesem Teil Manhattans ihren Sitz haben. Eine Masse, die noch ziellos und ratlos ist.
Einige gucken in den Himmel. Es ist wie ein Gähnreflex, dem man sich nur schwer entziehen kann. Niemand weiß genau, nach was die Leute da oben in der Luft eigentlich Ausschau halten. Vielleicht ein Flugzeug oder ein Kondensstreifen. Irgendetwas Verdächtiges. Eine Erklärung.
Jemand hat von einem Blitzschlag gehört, der im Norden eines der großen Kraftwerke lahm gelegt habe. »Es ist der Wurm«, sagt ein dicker Mann, der noch heftig atmet von der Anstrengung des Abstiegs aus seinem Bürohausturm. »Es ist nur ein Computerfehler, der sich von Schweden aus über die ganze Welt ausbreitet.« Es klingt irgendwie beruhigend.
Die Menge beginnt, sich zum Bahnhof zu schieben, macht kehrt und verteilt sich in Richtung der Brücken, die aus Manhattan herausführen. Für viele wird es Stunden dauern, bis sie zu Hause angekommen sind, in Queens oder in Brooklyn oder einem der Außenbezirke nördlich der Bronx, wo diejenigen wohnen, die ein Haus mit Garten dem Leben in der Stadt vorziehen.
Es ist ein heißer Sommertag, seit Tagen scheint zum ersten Mal wieder richtig die Sonne. Alle großen Supermärkte haben inzwischen geschlossen, die Kassen sind ausgefallen und die Manager weigern sich, Lebensmittel gegen Bargeld auszugeben, weil sie die Umsatzsteuer nicht im Kopf berechnen können, die in New York nicht gleich im Preis enthalten ist. Aber wer Wasser braucht oder ein Sandwich, findet immer einen Imbiss, der gern ein schnelles Geschäft macht. Irgendwo scheint es auch ein geheimes Reservoir an Taschenlampen zu geben, jedenfalls haben erstaunlich viele Leute plötzlich eine Taschenlampe dabei. Wenn man nicht wüsste, dass New York gerade eine schwere Krise durchmacht, müsste man das Ganze für eine gigantische Notfallübung halten.
»Ich versuche nach Co-op City durchzukommen«, ruft eine Frau in ihr Handy. Sie schaut kurz auf das Telefon und sagt: »Mein Akku ist gleich leer, ruf mich an, wenn du irgendwo bist, wo du mich aufsammeln kannst.« In der anderen Hand trägt sie ein paar dieser hochhackigen, an der Spitze eng zulaufenden Pumps, die jetzt so in Mode sind. Ihre Füße sehen ziemlich geschwollen aus, aber es scheint ihr nicht viel auszumachen.
Weiter vorn läuft ein Junge an der Hand seines Vaters und malt sich aus, was wohl der schlechteste Aufenthaltsort bei einem Stromausfall ist. »Fahrstuhl«, sagt der Junge. »Subway«, antwortet der Vater. »Achterbahn, mit dem Kopf nach unten«, sagt das Kind und lacht triumphierend. An der 23. Straße ist ein Mann auf einen Briefkasten geklettert und macht Fotos von seiner Familie, die sich in ein paar Metern Entfernung aufgebaut hat. Es ist eine einmalige Fotogelegenheit: der größte Stromausfall in der Geschichte Amerikas, und jeder Tourist ist Zeitzeuge.
Um 17.30 Uhr tritt Bürgermeister Michael Bloomberg zu seiner ersten Pressekonferenz vor die Reporter. Man merkt ihm den Druck an, jetzt das Richtige zu tun. Bloomberg gilt als einer der unpopulärsten Bürgermeister, die New York je hatte. Seine Zustimmungswerte lagen in den letzten Umfragen bei 24 Prozent. Vermutlich haben ihm seine Berater gesagt, dass er es in der Hand hat, alles zu ändern. Dass die Krise die Stunde der Bewährung ist. Auch sein Vorgänger Rudolph Giuliani war bei den New Yorkern ziemlich unten durch, bevor ihn der 11. September zum Helden machte, zum berühmtesten Bürgermeister der Welt.
Bloomberg schmeichelt den Bürgern seiner Stadt, so wie auch Giuliani in den ersten Stunden nach dem Terrorangriff nur das Beste über sie gesagt hat: Dass die New Yorker ein besonderer Menschenschlag sind, die man nicht so schnell in die Knie zwingt. Er lobt die Polizisten und Feuerwehrleute, die im Einsatz sind und zählt auf, wie viele der in den U-Bahn-Schächten eingeklemmten Passagiere die Rettungstrupps bereits befreit haben. Dann fordert er die Leute auf, die Fenster zu öffnen, um frische Luft in die Wohnungen zu lassen und ausreichend zu trinken. »Gebrauchen sie Ihren gesunden Menschenverstand, und tun Sie nichts Unüberlegtes«, sagt Bloomberg noch. Also, kein Terrorangriff, nur die Überlastung eines Umspannwerks an der Grenze zu Kanada.
Die Krise wirkt mit einem Mal nicht mehr ganz so groß. Nichts, was man nicht mit einer Flasche Sprudel und ein wenig Geduld durchstehen könnte. Es wird wohl nicht für einen dramatischen Anstieg der Sympathiewerte reichen.
Es ist 20 Uhr, und je näher die Nacht rückt, desto öfter erinnern die Moderatoren an den Juli 1977, als in New York das letzte Mal die Lichter ausgingen und die Polizei nur mit Mühe der Plünderungen Herr wurde. Von 4000 Festnahmen in jener Nacht ist die Rede, es klingt wie eine düstere Prophezeiung. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie man bei einem Gang um den Block in einen Hauseingang gezerrt wird. Oder ein paar finstere Gestalten die Gelegenheit zu einem Griff in ein Schaufenster nutzen. Es ist schwer, den Überblick zu behalten, wenn man auf der Straße nur noch ein paar Meter weit sieht.
An der First Avenue steht ein Kamerawagen des New Yorker Lokalsenders NY1. Das grelle Licht der Scheinwerfer reicht bis auf die andere Straßenseite. »Generatoren«, sagt ein Mann, der lässig an der Fahrertür lehnt, und weist mit dem Daumen aufs Dach. Er sieht sehr stolz aus, so wie jemand, der einen dieser Monstertrucks fährt, die auch dann noch vorwärts kommen, wenn sich die Straße plötzlich in ein Flussbett verwandelt, und der nun beweisen kann, dass sich die Anschaffung gelohnt hat.
Neben dem Techniker hat sich ein Reporter aufgebaut. Er hält ein großes Mikrofon in der Hand und wartet auf seinen Einsatz. Es ist eine Riesengeschichte, und dies könnte sein Tag sein: Tausende Touristen gestrandet, ohne Aussicht auf ein Hotelzimmer für die Nacht oder ein ordentliches Essen. Das Leben von Millionen in Unordnung, dazu das Schicksal derer, die das Pech haben, in einem Fahrstuhl festzusitzen, in einem stickig-heißen U-BahnSchacht oder tief unter dem Hudson in einem der Pendlerzüge. Es ist die Art von Story, auf die jeder Lokalreporter wartet.
Der Journalist sieht müde aus. Er weiß, dass all seine Mühe, dem Unglück Worte zu geben, vergebens ist. Niemand in New York und den angrenzenden Bezirken wird sehen können, was er zu berichten hat. Es ist die Stunde der Radiomoderatoren, die über eine Technik zu hören sind, die noch mit Batterie auskommt. Zu seinen Füßen hat er einen kleinen Bildschirm, auf dem das Nachtprogramm seines Senders läuft. Man bekommt plötzlich einen Eindruck, wie es aussieht in New York. Es ist ziemlich dunkel. Und, soweit man hört, ziemlich friedlich. Die Moderatoren auf CNN und Fox News werden am nächsten Tag von einem »See der Menschlichkeit« sprechen, der sich in New York ausgebreitet habe.
Über 10 000 Polizisten hat die Stadt in der Nachtschicht aufgeboten, dazu Hunderte von Polizeischülern, die mit Taschenlampen in der Hand an allen großen Kreuzungen den Verkehr regeln. Es ist noch immer sehr warm. Wer es jetzt noch nicht aus der Stadt geschafft hat, der stellt sich darauf ein, die Nacht im Freien zu verbringen. Ein paar Unentwegte stehen am Straßenrand und halten die Hand hoch, wann immer sich ein Auto nähert. Im Radio sagen sie, dass einige Taxifahrer bis zu 400 Dollar für eine Fahrt in die Außenbezirke genommen haben. 400 Dollar für 25 Kilometer, das ist wiederum nicht gerade das, was man in einem See der Menschlichkeit erwartet. Es heißt, dass es sich dabei um einige hässliche Einzelfälle gehandelt habe.
Rund um den Union Square sieht es aus wie nach einer ausgelassenen Party im Garten der Eltern, die übers Wochenende verreist sind, und bei der die Gastgeber vergessen haben, zum Aufbruch zu blasen. Irgendwo spielt eine Bongo-Band, am großen Brunnen deklamieren ein paar Leute Gedichte, gegen Mitternacht gesellt sich ein Tuba-Bläser dazu. Oben an der East Side haben sie ein Sofa auf die Straße gestellt und prosten sich gegenseitig zu. Die Bierpreise sind von zwei Dollar die Flasche auf sechs gestiegen.
An der Park Avenue, Ecke 17. Straße, versucht ein Chinese seinen Jeep auf dem Bürgersteig zu parken. »Er braucht Licht in seinem Laden«, sagt einer der umstehenden Polizisten und beobachtet mit freundlichem Desinteresse, wie der Mann einen Anlauf nach dem anderen nimmt, um den Bordstein hochzukommen. Am Ende steht der Wagen mit aufgeblendetem Scheinwerfer vor der Ladenfront, das Heck noch auf der Straße. Es ist ein spektakulärer Anblick in einer Stadt, die sich rühmt, die unnachsichtigsten Ordnungshüter der Welt zu haben und die jedes Falschparken mit astronomisch hohen Geldstrafen belegt.
»12,50 Dollar«, sagt drinnen einer der Chinesen zu einem Mädchen in einem dünnen Trägerkleid, das Proviant für die Nacht zusammengesucht hat. »Uuh, oh«, macht sie. Es klingt ein bisschen so, als ob die Luft aus ihr entwiche. Sie hält eine Lampe in ihren Händen und beleuchtet die Kekse und den Saft, die sie vor sich aufgebaut hat. »Ich habe nicht mehr genug Bargeld«, sagt sie leise und nestelt verlegen an ihren Kreditkarten. Es entsteht eine kleine Stille, bis jemand sich erbarmt und die Rechnung übernimmt.
Es scheint beinahe so, als ob alle New Yorker versuchen würden, einen guten Eindruck zu machen vor dem Millionenpublikum draußen, das am Leben in der Stadt ohne Strom Anteil nimmt. Es gilt, einen Ruf zu verteidigen. Die New Yorker haben der Welt bewiesen, dass sie zusammenrücken in der Stunde der Not; dass sie in der Krise die zäheste und widerstandsfähigste, die freundlichste und generöseste Großstadtpopulation der Welt sind. Sie haben es so oft gehört und gelesen, dass sie es nun selbst von sich glauben. Am nächsten Morgen wird Bürgermeister Bloomberg stolz verkünden, dass die Nacht zum 15. August eine der sichersten in Manhattan war. Keine Plünderungen, keine Banküberfälle, nicht einmal ein Raub im Schutze der Dunkelheit.
Auf CNN ist eine Familie aus Pennsylvania zu sehen, die berichtet, wie sie durch die Straßen irrte, bis sie schließlich irgendwo in einem Hauseingang kampierte, auf ein paar Pappkartons als Matratze und mit T-Shirts als Kopfkissen. Vater, Mutter, zwei Töchter, typische New-York-Besucher, wie sie im Sommer zu Tausenden durch die Stadt ziehen. Sie sehen sehr fröhlich aus. »Es war ziemlich verrückt«, sagt der Vater, »aber wenn wir wieder zu Hause sind, haben wir auf jeden Fall etwas zu erzählen.« Hinter ihm sind die Riesenbildschirme am Times Square noch immer schwarz. Es ist neun Uhr, vier Stunden nachdem in Manhattan wieder die ersten Lichter angingen.