»Es wird keine Teilung geben«
SPIEGEL: Diese Woche beginnen die Verhandlungen über die Zukunft des Kosovo. Viele hoffen auf eine schnelle Lösung, möglichst noch bis Jahresende. Können Sie den Optimisten Mut machen?
Ahtisaari: Am Anfang der Mission gab es Stimmen, die von einer Verhandlungsdauer von zwei bis drei Monaten sprachen. Da habe ich meinen Job sofort wieder angeboten. Wenn wir Ende des Jahres Ergebnisse aufweisen könnten, wäre das gut, aber es ist verfrüht, das zu versprechen.
SPIEGEL: Die Kosovo-Albaner bestehen auf staatlicher Unabhängigkeit, Belgrad aber will einen Rest an Souveränität für die im Kosovo lebenden Serben aufrechterhalten - was einer faktischen Teilung gleichkäme. Bei solchen Gegensätzen scheint Ihr Auftrag unlösbar zu sein.
Ahtisaari: Ich habe im vergangenen Sommer in Indonesien einen Kompromiss für die Provinz Aceh ausgehandelt, in der fast 30 Jahre lang ein Bürgerkrieg tobte. Bis zuletzt hatte niemand an eine Einigung geglaubt, auch ich nicht. Und doch wurde das Abkommen fristgerecht unterzeichnet. Warum sollte ich also jetzt beunruhigt sein?
SPIEGEL: Vielleicht weil die Fronten so starr wirken. Die internationale Staatengemeinschaft favorisiert offenbar eine Unabhängigkeit des Kosovo.
Ahtisaari: Ich muss mich an die Vorgaben halten, die mir Uno-Generalsekretär Kofi Annan an die Hand gegeben hat, und an das, was die Kosovo-Kontaktgruppe vorgibt. Die Zeichen sind klar: Die internationale Staatengemeinschaft hat festgelegt, dass der jetzige Status so nicht weiterbestehen kann. Und bei ihrem letzten Treffen in London einigte sich die Kontaktgruppe, dass am Ende die Bevölkerung des Kosovo darüber befinden soll, wie die Zukunft der Provinz aussieht. 90 Prozent sind Albaner - wie werden die sich wohl entscheiden?
SPIEGEL: Das hört sich nicht gerade nach Kompromiss, sondern eher nach Ablehnung vieler serbischer Forderungen an.
Ahtisaari: So stellt sich die Frage nicht. Es geht um zwei getrennte, gleichgewichtige Verhandlungsstränge. Beim Kosovo-Komplex müssen wir als Erstes Fragen der Dezentralisierung klären, also die Selbstverwaltung der serbischen Minderheit oder Bildungs- und Sicherheitsfragen. Dann gibt es einen zweiten Komplex, der nur Serbien betrifft: Das Land hat Anspruch auf einen Platz in Europa. Es geht um seine nationalen Ziele: EU-Mitgliedschaft, Nato-Beteiligung, die wirtschaftliche Dimension. Das alles hat mit dem Kosovo-Thema zunächst nichts zu tun. Mit einer Ausnahme: Wenn Belgrad bei der Kosovo-Frage nicht mitspielt, hat das negative Auswirkungen für die eigenen Ziele.
SPIEGEL: Was können Sie Belgrad für die Bereitschaft zur Kooperation anbieten?
Ahtisaari: Es geht nicht um die Verteilung von Leckerlis. Belgrad muss seine eigenen Interessen verfolgen und die möglichen Konsequenzen sehen - mehr nicht. Das sind die Realitäten des Lebens.
SPIEGEL: Serbiens Präsident Boris Tadic fordert die Aufteilung des Kosovo in einen serbischen und einen albanischen Teil, die Schaffung von zwei Entitäten.
Ahtisaari: Wir beginnen die Verhandlungen ja nicht bei null. Die Kontaktgruppe unter Einbeziehung der USA und Russlands arbeitet seit Jahren, und das erleichtert meine Arbeit ungemein. Inzwischen gibt es einige Dinge, welche die internationale Gemeinschaft dezidiert ausschließt: Das ist erstens die Rückkehr zur Situation vor 1999, als Milosevic noch Machthaber in Belgrad war. Zum Zweiten wird es keine Aufteilung des Kosovo geben, so viel steht fest.
SPIEGEL: Die »Serbische Radikale Partei« droht, das Kosovo wie »Ostdeutschland« zu behandeln und später wieder einem Groß-Serbien einzuverleiben. Wie groß ist das Risiko einer neuen Radikalisierung in der Region?
Ahtisaari: In jeder Gesellschaft finden sich Leute, die verrückte Statements von sich geben. Damit befasse ich mich nicht, das ist reine Zeitverschwendung.
SPIEGEL: Auch die Regierung in Belgrad hat bereits angekündigt, die Grenzen von Bosnien-Herzegowina wieder in Frage zu stellen, sollte das Kosovo in die Unabhängigkeit entlassen werden.
Ahtisaari: Die Antwort darauf ist einfach: Wer sich nicht an die Spielregeln hält, kann seine eigenen Ziele vergessen.
SPIEGEL: Im März 2004 hat ein wütender Mob unter anderem zahlreiche serbischorthodoxe Kirchen und Klöster angezündet und verwüstet. Welche Sicherheitsgarantien geben Sie den Serben?
Ahtisaari: Der Minderheitenschutz ist von überragender Bedeutung, bislang existiert er nicht. Es muss daher weiter so etwas wie die heutige Kfor-Truppe geben, nur vielleicht unter anderem Namen. Aber allen, auch den Albanern, muss klar sein: Wenn irgendeine Seite Gewalt anwendet, ist die Sache für sie gelaufen.
SPIEGEL: Kritiker sagen, die Gewalttätigkeiten würden sich für die Albaner nachträglich auszahlen, wenn sie jetzt mit der Unabhängigkeit belohnt werden.
Ahtisaari: Ich will nichts rechtfertigen, aber die März-Unruhen waren nur eines von vielen anderen tragischen Ereignissen. In den neunziger Jahren, unter Slobodan Milosevic, passierten im Kosovo schreckliche Dinge. Das ist der Grund, warum die Nato eingegriffen hat und Milosevic sich heute vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten muss.
Es ist ein langer Weg zur Aussöhnung. Ich habe auch den indonesischen Konfliktparteien in Aceh immer wieder gesagt: Ich verlange nicht, dass ihr euch liebt, Toleranz aber wäre für den Anfang gut. Die Geschichte ist eine bittere Erfahrung - für beide Seiten.
INTERVIEW: MANFRED ERTEL,
MARION KRASKE