ONLINE »Es wird Krach geben«
Sonntagsarbeit und Nachtsitzungen, schreiben, telefonieren und diskutieren, 80 Stunden pro Woche - Jeanette Hofmann, Internet-Forscherin am Wissenschaftszentrum Berlin, lebt im Dauerstress.
Doch der Fleiß der promovierten Politologin gilt derzeit nicht der Wissenschaft. Hofmann, 40, früher nur Beobachterin politischer Vorgänge, hat die Rolle gewechselt und steht mitten im Wahlkampf. Als eine von sieben Kandidaten bewirbt sie sich um den Posten des Europa-Direktors bei Icann ("Internet Corporation for Assigned Names and Numbers"), jener Organisation, die das zentrale Melderegister des Internet verwaltet und darüber erheblichen Einfluss auf die künftige Entwicklung der globalen elektronischen Vernetzung ausübt.
Es gehe »um eine entscheidende Schnittstelle zwischen Technik und Politik«, begründet Hofmann ihr Engagement für den ehrenamtlichen Job: »Da müssen unabhängige Vertreter für die Interessen aller Nutzer rein.«
Die Online-Wahlen, bei der bis Dienstag dieser Woche die rund 76 000 registrierten Icann-Mitglieder 5 der 18 Direktoren per Mausklick wählen können, sind Teil eines historischen Experiments: Erstmals können Bürger aus aller Welt mitbestimmen, wie und von wem eine weltumspannende und zukunftsträchtige Infrastruktur technisch und rechtlich gestaltet wird.
Weil damit künftig nicht mehr nur die Vertreter der interessierten Industrie und der US-Regierung die Regeln unter sich aushandeln, steht eine harte Debatte über die Netzverwaltung an. »Es wird Krach geben«, prophezeit Andy Müller-Maguhn, Sprecher des deutschen Chaos Computer Clubs und Hofmanns schärfster Konkurrent um den Posten.
Dabei obliegt Icann vordergründig nur eine rein technische Koordinationsaufgabe. Damit E-Mails ihre Adressaten erreichen und Web-Surfer die gesuchten Seiten finden, müssen alle Rechner an den Knotenpunkten des Netzes jederzeit über die gleichen Informationen darüber verfügen, welche Adresse zu welchem Computer gehört.
Dazu bedarf es des so genannten Authoritative Root Servers, eines Zentralcomputers, aus dem alle anderen Netzrechner die notwendigen Daten beziehen. Zudem muss zentral festgelegt werden, welche Adressnamen zulässig sind und wer sie nach welchen Kriterien und zu welchem Preis vergeben darf.
Fachleute erkannten schon früh, dass mit der Verfügung über dieses Datenherz des Netzes erhebliche Macht verbunden ist, etwa um die Einhaltung von Marken- und Urheberrechten durchzusetzen. Denn erst mit der Eintragung im Root Server erhalten Firmen, Staaten und Organisationen ihr Existenzrecht im Cyberspace.
Die US-Regierung, unter deren Aufsicht der Root Server zunächst verwaltet wurde, wollte sich aber der vielfach erhobenen Forderung nach einer Internationalisierung dieser Datenbank unter dem Dach der Uno nicht beugen. Stattdessen beschloss das US-Wirtschaftsministerium 1998, die Aufgabe an eine private Organisation abzugeben, deren Führung in gleichen Teilen von der Internet-Industrie und - per Online-Wahl - von interessierten Netzbürgern aus aller Welt gestellt werden soll. Heraus kam Icann, eine im kalifornischen Marina del Rey eingetragene gemeinnützige Firma nach amerikanischem Recht (siehe Grafik).
Deren Autorität reicht jedoch bislang nur genau so weit, wie es die US-Regierung zulässt. Ausdrücklich behielt sich das Washingtoner Wirtschaftsministerium die endgültige Verfügungsgewalt über den Root Server vor. Eine volle Übergabe an Icann sei auch »nicht vorgesehen«, konstatierte jüngst ein Bericht des US-Kongresses.
Dementsprechend fielen alle Entscheidungen des Icann-Direktoriums, in dem bisher fast ausschließlich Industrievertreter das Sagen haben, sehr amerikanisch aus. So weigert sich das Gremium unter Vorsitz der Internet-Unternehmerin Esther Dyson hartnäckig, das umstrittene System der länderübergreifenden Adresskürzel am Ende der Website-Namen wie ».com« oder ».org« grundlegend zu reformieren.
Wegen der bisher begrenzten Zahl dieser so genannten Top Level Domains (TLDs) sind die meisten eingängigen Namen längst vergeben. Darum muss sich etwa der US-Computerunternehmer Uzi Nissan mit dem japanischen Autokonzern gleichen Namens vor Gericht um die Adresse Nissan.com streiten.
Zwangsläufig stieg die Zahl der Rechtsstreitigkeiten um leicht auffindbare - und damit lukrative - Web-Adressen in die Tausende. Um schneller ans Ziel zu kommen, zahlten viele Unternehmen bis zu siebenstellige Dollarsummen für die Überlassung einer bereits registrierten Adresse und schufen so den einträglichen Beruf des Cyberquatter, der spekulativ Adressnamen auf Vorrat registrieren lässt.
Technisch ließe sich all das leicht vermeiden: Die Einführung vieler hundert neuer Kürzel wie ».shop«, ».noncom« (für non commercial) oder ».complaint« (für Verbraucherklagen) könnte die künstliche Verknappung beenden. Dagegen sperren sich aber Industrievertreter und die amerikanische Anwaltslobby, weil so die Kontrolle und die einträglichen Prozesse darüber verloren gingen, wer Markennamen nutzen darf.
Statt der technischen Lösung beschlossen die Icann-Gewaltigen darum kurzerhand, dass im Cyberspace weltweit das Markenrecht gelte, und ernannten unter anderem die Weltorganisation für Namens- und Urheberrechte zur Schiedsgerichtsinstanz. Seitdem enden die meisten Namenshändel zu Gunsten der stärkeren Markeninhaber.
So erhielt etwa die Schauspielerin Julia Roberts das Exklusivrecht auf Web-Adressen mit ihrem Namen. Das Gleiche strebt derzeit die Pop-Ikone Madonna Ciccone für »Madonna.com« an, obwohl Millionen Frauen diesen Namen führen. In Barcelona verlor ein privater Stadtinformationsdienst die Adresse »Barcelona.com« an eine Firma im Besitz der Stadtverwaltung.
Kritiker wie Hofmann monieren darum »die klare Bevorzugung kommerzieller Interessen«. Verbraucherschutzgruppen oder politische Initiativen würden von der Etablierung eigener Namensräume ausgeschlossen.
Vor allem aber fürchten viele Icann-Kritiker, darunter auch der favorisierte US-Kandidat für den Nordamerika-Direktor, der Harvard-Jurist Lawrence Lessig, dass sich die Interessen der Copyright- und Patent-Lobby auch bei noch wichtigeren Entscheidungen durchsetzen könnten.
So ist denkbar, dass der Streit um die Urheberrechte der übers Internet vertriebenen Musik, Filme oder Bücher auch mittels Auflagen bei der Vergabe von Domainnamen ausgetragen wird, Icann also zum Einfallstor für die Regulierung des Netzes wird. Im Netzzeitalter werde vor allem über den technischen »Code« Politik gemacht, mahnt Lessig. Deshalb gehe es darum zu streiten, »ob das Internet als offene Plattform mit gleichen Chancen für alle erhalten bleibt«. Nur dann könne es weiterhin als Innovationsmaschine für soziale und technische Neuerungen dienen.
Doch an dieser Auseinandersetzung haben die bisherigen Icann-Direktoren offenbar kein Interesse. Kaum verhüllt versuchten sie die Wahl von zu vielen Kritikern in ihren Kreis zu verhindern.
Statt neun, wie ursprünglich vorgesehen, so beschlossen Dyson und ihre Mitstreiter, darf das gemeine Wahlvolk vorerst nur fünf Vertreter in das 19-köpfige Gremium entsenden, je einen für die Kontinente Nord- und Südamerika, Asien, Afrika und Europa. Anschließend soll erst geprüft werden, ob das Verfahren taugt. Ob und wann die übrigen vier Nutzervertreter gewählt werden, ist daher völlig offen. Dies sei nötig, um zu verhindern, »dass eine Interessengruppe zu viel Einfluss gewinnt«, rechtfertigt der niederländische Telekom-Manager und Icann-Direktor Hans Kraaijenbrink das krude Verfahren.
Zudem mussten die Mitglieder nach der elektronischen Registrierung ihre Wahlbereitschaft noch einmal durch Eingabe eines per Post versandten PIN-Codes bestätigen, was ohne erkennbaren Grund nur bis zum 8. September möglich war, einen Monat vor der Wahl. Von ursprünglich 150 000 Möchtegernwählern blieb so nur die Hälfte übrig.
Noch fragwürdiger gestaltete sich die Kandidatenauswahl. Von den maximal sieben zulässigen Kandidaten pro Region sind bis zu fünf von einem Nominierungskomitee ernannt, das sich die Icann-Direktoren selbst ausgesucht haben. Kandidaten ohne diesen Segen mussten die Verteilung der verbliebenen Plätze per Vorwahl unter sich auskämpfen.
Angesichts solcher Praktiken geriet die Kür der unabhängigen Kandidaten durch die Mitglieder denn auch zur Protestwahl. Mit Hofmann und Müller-Maguhn landeten gleich zwei profilierte Icann-Kritiker auf der abschließenden Europaliste. Ähnlich verlief die Auswahl in Nordamerika. Für die Europaregion treten daneben unter anderen der Telekom-Manager Winfried Schüller und der norwegische Netzfachmann Alf Hansen an, die das IcannKomitee aufstellte.
Gelingt einem der Verfechter des offenen Netzes der Einzug ins Direktorium, ist somit die Eskalation des Streits um die Macht im Cyberspace programmiert. Denn zur Sprache bringen wollen die Kritiker nicht nur »die Simulation von Nutzer-Demokratie« (Müller-Maguhn) und die »Mauschelpraktiken« (Hofmann).
Auf die Tagesordnung soll auch die bisher peinlich vermiedene Frage, wann der Root Server der amerikanischen Regierungskontrolle entzogen und das System dezentralisiert wird. Die Wurzel des Netzes dürfe nicht auf ewig »der Faustpfand der US-Regierung gegen nicht genehme Entscheidungen bleiben«, fordern beide Kandidaten unisono.
Das sei zwar derzeit noch nicht durchsetzbar, weiß auch Netzkämpferin Hofmann, aber sie hofft auf die massenhafte Mobilisierung der Nutzer zur Mitgliedschaft bei Icann und einen entsprechenden Ausgang der nächsten Wahl. Das Ziel sei, so Hofmann, »den Namen Icann weltweit so bekannt zu machen, wie es hier zu Lande der ADAC ist«.
HARALD SCHUMANN