»Etwas in Bewegung gesetzt«
Süddeutsche Zeitung
Noch ehe der Bundeskanzler und der Außenminister Gelegenheit hatten, die Aufzeichnungen durchzusehen, die der SPD-Vorsitzende Willy Brandt aus Moskau mitgebracht hat, konnten sie den Ertrag seiner Gespräche im SPIEGEL lesen. Was nun die Vorschläge betrifft, die der SPD-Vorsitzende mitgebracht hat, so sind sie nicht gerade geeignet, eitel Freude und Begeisterung zu wecken. Mag sein, daß Breschnew, wie Brandt bemerkt haben will, um den Frieden »zittert«. Der Friede, den er sich vorstellt, ist allerdings ein anderer als derjenige, den der Westen erhalten will.
Frankfurter Rundschau
Nein, das Angebot Breschnews ist gewiß keine Sensation, aber deswegen auch, so wie die Dinge liegen, kein untragbares Risiko, eigentlich nur ein Anstoß, rasch mit den Verhandlungen zu beginnen. Doch es wird in erschreckendem Maß immer deutlicher, daß es hier in Europa, speziell in der Bundesrepublik, und natürlich in den USA eine große Gemeinde von Gläubigen gibt, für die die Nachrüstung mehr ist als ein Versuch, das angeblich oder wirklich außer Balance geratene militärische Gleichgewicht wieder zu ordnen, sondern eine Art Wundermittel, das uns nicht nur endgültige militärische Sicherheit, sondern auch den Schwung der guten alten fünfziger Jahre mit ihren klaren Fronten, einfachen Fragen und Antworten wiederbringen soll.
DIE WELT
In Bonn hat es besondere Verwunderung erregt, daß Brandt dem SPIEGEL schon in Moskau ein Interview mit genauen Angaben über seine Gespräche gegeben hatte, Schmidt und Genscher aber erst Anfang dieser Woche ausführlich und schriftlich unterrichtet wurden. Weshalb der SPD-Vorsitzende nicht am Freitag unmittelbar nach seiner Rückkehr mit dem Kanzler zusammentreffen konnte, war bisher nicht zu klären. Im Kanzleramt heißt es, Schmidt habe am Freitag zur Verfügung gestanden.
WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE
Willy Brandt hat sicher in Moskau etwas in Bewegung gesetzt. Wenn dabei von einer »Null-Lösung« gesprochen wird, so muß man sich allerdings davor hüten, Wunschvorstellungen einzubringen, die unrealistisch sind. Das Gleichgewicht zwischen den Blöcken ist nicht leicht zu bestimmen. So durfte auch am Anfang der SS-20-Rüstung der sowjetische Argwohn gestanden haben, in Rückstand geraten zu sein. Das läßt sich nicht einfach auf Null zurückdrehen. Das Bedürfnis, mehr als nur Rakete gegen Rakete aufzuwiegen, entspricht der komplizierten Situation, auch wenn damit die Gespräche weiter kompliziert werden.
Schwäbische Zeitung
Der bereits vorhandene Konflikt zwischen Regierung und SPD wird sich nun noch ausweiten. Der Kanzler nimmt seinem Parteivorsitzenden nicht nur Formfehler übel -- also die Tatsache, daß er ihn zunächst via SPIEGEL über das informierte, was er in Moskau besprach. Mehr noch wirft Schmidt dem SPD-Chef vor, in der Öffentlichkeit eine neue, unrealistische Erwartungshaltung geweckt zu haben.
Neue Presse
Es war Willy Brandt gegenüber fair, mit einem Urteil über seine Moskau-Reise, das stets nur ein vorläufiges sein kann, zu warten, bis sich abzeichnete, ob die Ergebnisse den Aufwand und die Risiken rechtfertigten. Es ist nun der SPD-Vorsitzende selbst, der einem die Kriterien zur Beurteilung an die Hand lieferte, nämlich durch das, was er selbst zu seinen Gesprächen mit Breschnew zu bemerken hat. Danach sind es auf seiner Seite weniger Fakten als der Sache kaum dienliche emotionale Impressionen, die dabei herausgekommen sind.
Frankfurter Allgemeine
Die schweigende Mehrheit der Parteigänger der Bundesregierung hört jetzt genau hin, wer ungehemmt spricht und wer sich Selbstzensur auferlegt. Wenn ein sozialdemokratischer Abgeordneter minderen Ranges und Verstandes die Regierungssprecher für »untragbar« erklärt, weil sie ungenügenden Enthusiasmus für die angeblichen Ergebnisse der Brandt-Reise bekunden, dann handelt es sich nicht mehr um gewöhnliche Arroganz, sondern schon um die Arroganz der Macht.
BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN
Allerdings konnten Kanzler und Außenminister, ehe sie Brandt gesehen und dessen Reisenotizen in Händen hatten, ein zehnseitiges SPIEGEL-Interview lesen, das der SPD-Vorsitzende noch im sowjetischen Gästehaus auf den Moskauer Lenin-Hügeln gegeben hatte. Warum diese Gemächlichkeit in lebenswichtigen Fragen der Rüstung und Rüstungskontrolle, von denen es sonst immer heißt, sie duldeten keinen Aufschub? Will Brandt demonstrieren, daß er es nicht nötig hat, zum Rapport bei der Regierung zu eilen? Also eine weitere Demonstration seiner Rolle als »selbständige politische Einheit«?
Christ und Welt Rheinischer Merkur
Er führt in Moskau mit höchster Stelle Gespräche, ohne Einschaltung des Auswärtigen Amtes und der zuständigen Botschaft. Es werden keine Protokolle geführt. Der eigene Regierungschef wird auf dem Umweg über Interviews in einem, seine Nacht- und Nebelpolitik voll unterstützenden Nachrichtenmagazin informiert. Das Auswärtige Amt reagiert mit verächtlichem Schweigen.
Hamburger Abendblatt
Brandt und Wischnewski haben voreilig zu viel öffentlich geredet. Sie haben das Interesse ihrer Partei über das der Bundesregierung -die bekanntlich von ihr entscheidend mitgetragen wird -- und unserer westlichen Verbündeten gestellt.
STUTTGARTER ZEITUNG
Die Skepsis, auf die Brandts Botschaften hier und da gestoßen sind, läßt sich allerdings auch begründen: Es ist nicht auszuschließen, daß der Kreml Vorschläge deshalb ins Spiel bringt -- und dazu gehört auch der Stationierungsstopp während laufender Verhandlungen --, um den Nato-Beschluß doch noch zu Fall zu bringen. Doch dies sind vorerst Vermutungen. Wirkliche Klarheit können nur ernsthafte Verhandlungen zwischen Moskau und Washington bringen. Willy Brandt hat dafür wichtige Vorarbeit geleistet.