EUGEN GERSTENMAIER † - DER SPIEGEL
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NACHRUF EUGEN GERSTENMAIER †

• aus DER SPIEGEL 12/1986
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Er war einer der Paradepolitiker des nach dem Krieg zum CDU-Staat geläuterten deutschen Staatswesens. »Gewissen der Nation« nannte ihn der Publizist Paul Sethe, Franz Josef Strauß schmeichelte ihm als »Mann von hohem Verantwortungsbewußtsein«.

Am 12. Januar 1969 war es mit derlei Lob vorbei. Eugen Gerstenmaier wurde aus Amt und Würden gedrängt: Plötzlich fanden die Deutschen den im schwäbischen Kirchheim/Teck geborenen Bundestagspräsidenten unerträglich, die Parlamentarier hielten ihn für untragbar. Als allzu kraß wurde die Kluft zwischen formalem Recht und anrüchigem Verhalten empfunden.

Der Anlaß für seinen Rücktritt war nach den heutigen Maßstäben des Bonner Affärensumpfes allerdings eine Lappalie: Ganze 281107 Mark ließen ihn straucheln. Die hatte er als Wiedergutmachung für entgangenes Gehalt einer ihm von den Nationalsozialisten 1937 verweigerten Professorenlaufbahn kassiert. Die Unmoral des legalen Geldgeschäfts wollte er indes nicht einsehen: »Wenn dieses Volk meinen Kopf haben will, den kann es haben. Meine Ehre nicht.« Seine Ehre, das war nicht nur sein zuweilen bieder-gravitätisches Bemühen um demokratische Tugenden der Neu-Republikaner. Seine Ehre, das war auch sein Widerstand gegen die Nazis. Zunächst hatte er, wie viele Bürgerliche, geschwankt zwischen Gegnerschaft und Kollaboration, zwischen innerer Emigration und Mittäterschaft unter geistigem Vorbehalt. Eine Karriere als evangelischer Theologe vor Augen, wurde der Sohn eines Werkmeisters erst mal, 1933 »Amtsträger des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes« sowie Mitglied des SA-Reitersturms 1/111 in Rostock. 1934 aber forderte er bereits in einem Offenen Brief den von den Nazis eingesetzten evangelischen Reichsbischof Müller zum Rücktritt auf. Vom Berliner Gaudozentenbundführer wurde Gerstenmaier, 1938, inzwischen promoviert, als »unversöhnlicher Gegner des Führers und der nationalsozialistischen Bewegung« von der Universität verwiesen.

Gerstenmaier ging in den Dienst des Kirchlichen Außenamts, war aber gleichzeitig, wieder verwirrend genug, mit Nazi-Paß als Beauftragter des Auswärtigen Amts viel in Südosteuropa unterwegs und sorgte sich dort um »bolschewistische Einflüsse«.

Doch schließlich schaffte er Klarheit. Er wollte »wenigstens nicht kneifen, sondern stehen« und fuhr am 20. Juli 1944, das Neue Testament in der einen, die Pistole in der anderen Rocktasche, mit der Straßenbahn in die Berliner Bendlerstraße, zum Sitz des Allgemeinen Heeresamtes. Dort erwartete er mit Freunden vom Kreisauer Kreis den »Aufstand der Elite«.

Der Anschlag auf Hitler mißlang, Gerstenmaier kam mit einer Zuchthausstrafe davon. So stand er bei Kriegsende als einer der wenigen unbelasteten Deutschen mit internationalen Kontakten für größere Aufgaben bereit.

Die Evangelische Kirche bestellte ihn zum Leiter des Evangelischen Hilfswerks, und die politische Karriere verlief von nun an zügig: 1949 CDU-Bundestagsabgeordneter, 1953 Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. 1954, Adenauer hatte, wie schon 1949, seine Hoffnungen auf das heißersehnte Amt des Außenministers zunichte gemacht, erklomm er den Gipfel seiner politischen Laufbahn: Bundestagspräsident, ein Amt, das er, der zum Abkanzeln eher neigte als zum Dialog, als Parteipolitiker und keineswegs unparteiisch versah.

Zu Differenzen mit Adenauer kam es in der Frage der deutschen Ostpolitik. Im Gegensatz zu dem vom Kanzler empfohlenen Wiedervereinigungsrezept »Zuerst freie Wahlen« trat er für eine andere Reihenfolge ein: Bei Friedensverhandlungen müsse es zunächst um den künftigen politischen Status Deutschlands gehen.

Zutiefst verletzten ihn Adenauers harte Attacken gegen seine Vorschläge, seine Ambitionen bremsten sie nicht. Gerstenmaier brachte sich selbst als Erhard-Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers ins Gespräch, auf das Amt des Bundespräsidenten spekulierte er ebenso offen wie wieder einmal auf den Posten eines Außenministers der Großen Koalition.

Sein Sturz führte geradewegs ins politische Vergessen. Er starb, 79 Jahre alt, am vergangenen Donnerstag in Oberwinter bei Bonn.

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