Europa im Abseits - DER SPIEGEL
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FUSSBALL / FERNSEHEN Europa im Abseits

• aus DER SPIEGEL 9/1969
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Die Geschäftspartner waren sich einig, die Vertragstexte unterschriftsreif. Das Paragraphenwerk sollte den mexikanischen Millionär Emilio Azcarrága verpflichten, der Eurovision die europäischen Fernsehrechte von der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 aus Mexiko zu übertragen. Doch der Mexikaner schob die Unterzeichnung auf: Er trug die rechte Hand im Gipsverband.

Azcarrága, 37, ächzte über eine Verletzung und gelobte, sein Autogramm baldmÖglichst nachzuliefern. Statt dessen flog er nach Paris und empfing im »Hotel Raphael« einen englischen Geschäftsfreund. Erst im Januar drang bis zur Eurovisions-Zentrale durch, daß Azcarrága die TV-Rechte für Europa an einen britischen Außenseiter namens Robin Gill veräußert hatte.

Nun will die Eurovision den unerwünschten Rivalen juristisch blockieren. Dem Fußballvolk in Deutschland und ganz Europa droht deshalb erstmals seit Anbruch des TV-Zeitalters während der Weltmeisterschaften völlige Abseitsstellung.

Fernseh-Manager Azcarrága war keineswegs der erste Mexikaner, der ausländische Sportsfreunde ausmanövrierte. Ungefähr seit 1960 hatten mexikanische Geschäftsleute vor allem in den USA und in Europa herausgefunden, daß Millionen-Summen im sportlichen Schaugeschäft umzusetzen waren. Bald übertrumpften sie mit besonders elastischen Methoden ihre Vorbilder.

Als erster handelte José de Jesus Clark-Flores, General der mexikanischen Nachrichten-Truppen. Sein Familien-Clan kontrollierte eine der größten Kabelfabriken des Landes; seine eigene Firma produziert Baustoffe. Außerdem war er Präsident des mexikanischen Nationalen Olympischen Komitees. Clark-Flores bewarb sich für Mexiko um die Olympischen Spiele, die einträgliche Bauvorhaben verhießen.

Die Experten räumten Mexico City wegen seiner Höhenlage zwar kaum Chancen ein; doch die Mexikaner luden alle Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mitsamt ihren Damen zur Inspektion vor Ort ein. Etwa 25 IOC-Mitglieder folgten der Einladung; die mexikanischen Gastfreunde befriedigten rundum alle Wünsche. 1963 wurden ihre Bemühungen honoriert. Das IOC wählte Mexico City zur Olympia-Stadt.

General Clark-Flores -- ihm war auch das Präsidenten-Amt im Organisations-Komitee zugefallen -- überrumpelte die Eurovision mit einem Vertragsentwurf, der alle Olympiarechte der gewerblichen US-Fernsehgesellschaft ABC zuschanzte. Von ihr hätte die Eurovision die Olympia-Sendungen einschließlich der Réklame kaufen müssen. Deshalb drohten die TV-Europäer mit einem Olympia-Boykott.

Mexikos Staatschef Gustavo Díaz Ordaz griff ein, Clark-Flores trat zurück. Die Eurovision übertrug -- 194 Sendestunden.

Der Fußball-Weitverband Fifa ließ sich durch frühere Mexiko-Erfahrungen nicht warnen. Fifa-Präsident Sir Stanley Rous war es leid, wie zuletzt mit mehr als zehn verschiedenen TV-Gesellschaften gesondert über die Senderechte von der Weltmeisterschaft zu verhandeln.

Es traf sich günstig, daß sich in Mexikos Fußball-Branche ein Mann geradezu aufdrängte: Emilio Azcarrága. Er läßt drei eigene Profi-Mannschaften in der mexikanischen Meisterschaft spielen, ihm gehört das Azteken-Stadion in Mexico City, in dem 1970 das Finale der Weltmeisterschaft ausgetragen wird, und er verfügt über Mexikos TV-Gesellschaft »Telesistema« (27 Kanäle in Mexiko, fünf in den USA).

Die alleinigen Übertragungsrechte wollte die Fifa dem Sportmillionär freilich nur unter einer Bedingung einräumen: Er müsse sich vorher mit der Eurovison einigen. Vor allem die deutschen TV-Anstalten schrecken vor versteckter Werbung zurück. So verzichten sie darauf, in dieser Woche die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften aus Colorado Springs (USA) zu übertragen, weil im Stadion für Badedas und Teefix geworben werden sollte.

Tatsächlich versprach der Mexikaner dem Europa-Fernsehen farbige Live-Übertragungen und gestand sogar zu, die Werbefläche in den Stadien räumlich und auf Produkte zu beschränken, die nur in Mexiko verkauft werden.

So legte die Eurovision dem Abschluß zwischen Azcarrága und der Fifa kein Hindernis mehr in den Weg. Azcarrága zahlte 6,75 Millionen Mark. Aber nachdem er bei der Fifa fündig geworden war, drückte er sich darum, auch seine Vereinbarungen mit der Eurovision gegenzuzeichnen. »Es gibt nicht einmal mündliche Vereinbarungen«, verleugnete Azcarrága die Verhandlungen.

Allerdings glauben sich die Eurovisions-Herren am längeren Hebel. Azcarrágas neuer Partner in Europa, der Londoner Gill, blieb bislang auf seinem TV-Programm sitzen. Seine Firma »Worldwide Sports« ist eine Tochter der gewerblichen britischen TV-Gesellschaft ITV, der er die Übertragung aus Mexiko mit Gewinn zu verkaufen hoffte. Denn damit, so kalkulierte Gill, würde die ITV endlich einmal das Staatsfernsehen BBC ausstechen können. Doch die ITV ist Mitglied der Eurovision und auch künftig auf deren Beiträge angewiesen. Bis zur letzten Woche hatte die ITV noch nicht zugegriffen.

»Falls alles schiefläuft«, verhieß der Eurovision-Programmchef der Olympischen Spiele von Tokio und Mexiko, Horst Seifart, »können wir bei der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft zurückschlagen.«

Sie wird 1974 in der Bundesrepublik ausgetragen.

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