Europas Erbe: So fern, so nah
Der Geldsegen kam von ganz oben. Die Einführung des Euro, sprach Papst Johannes Paul II. am Neujahrstag, sei das »Erreichen eines historischen Ziels«. Die neue Währung ist nicht nur in den zwölf Mitgliedsländern des Euro-Verbandes, sondern auch im Vatikanstaat in Umlauf. Aus dem - auch für Latein programmierten - Geldautomaten der kirchlichen Bank kommen die neuen Scheine ebenso frisch wie fast überall im Euroland. »Frieden und Wohlstand« wünschte der Papst den Europäern mit dem Gemeinschaftsgeld.
Geistlicher Beistand in der Bewährungsprobe kann nicht schaden. Die Einführung einer gemeinsamen Währung in Europa ist eine Jahrtausend-Aufgabe. Die großen europäischen Herrscher versuchten alle, eine einheitliche Währung in ihrem Machtbereich durchzusetzen. Der Grieche Alexander der Große führte mit der aus Athen stammenden Drachme eine Währung ein, die in der gesamten damals bekannten Welt galt. Der Römer Caesar konnte in seinem Reich der Sesterze allgemeine Geltung verschaffen. Der Denarius Karls des Großen überdauerte immerhin mehrere Jahrhunderte, verlor allerdings immer mehr an Wert, weil die Münzherren dem guten Silber zunehmend minderes Metall beimengen ließen. Den Euro kennzeichnete schon vor seiner Einführung in Münzen und Scheinen der Kursverfall an den internationalen Währungsmärkten. Seit er 1999 zunächst in der Finanzwelt als bargeldlose Einheit etabliert wurde, ist der Euro um rund 20 Prozent gegenüber dem Dollar abgerutscht, seine Ära beginnt in einem Europa am Rande der Rezession.
Der reibungslose Start zu Neujahr verschaffte dem Euro immerhin endlich ein kleines Hoch. Doch weit über den Wert der neuen Währung am internationalen Markt hinaus reicht die Symbolkraft des Euro für das Gemeinschaftsgefühl der Europäer. Überall auf dem Kontinent beschworen Staatsmänner die sinnstiftende Wirkung des neuen »gesetzlichen Zahlungsmittels«, wie die nüchterne Amtsbezeichnung lautet. »Der Euro ist ein Sieg Europas und wird dessen Identität und Macht festigen«, erklärte der französische Staatspräsident Jacques Chirac. Und Romano Prodi, Präsident der EU-Kommission, freute sich, dass jetzt über 300 Millionen Menschen »ein kleines Stück Europa in ihren Händen halten« können.
Ein Symbol der ohnehin fragilen nationalen Identität der Deutschen verschwindet nun im Großen und Ganzen der europäischen Einigung. Und je mehr Souveränitätsrechte die Mitgliedsstaaten an Brüssel abgeben, desto eindringlicher klingen die Appelle an das europäische Bewusstsein der Bürger und Bürgerinnen.
Aber was ist das, dieses Europa?
In einer großen Serie versucht der SPIEGEL auszuloten, wie aus Europas Geschichte das entstand, was noch heute das besondere Erbe des alten Kontinents ausmacht. Führende Experten und SPIEGEL-Autoren schildern, was einzelne Epochen dazu beitrugen: Demokratie und Rechtsstaat etwa waren im Kern schon im antiken Athen und alten Rom angelegt. Die Kaufleute der Hanse schufen schon im Mittelalter einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Doch zugleich zeigt die Serie, wie der Europa-Mythos missbraucht wurde, etwa durch Napoleon oder in der Verklärung Karls des Großen.
»Von Europa weiß kein Mensch, weder ob es vom Meer umflossen ist, noch wonach es benannt ist, noch wer er war, der ihm den Namen Europa gegeben hat«, schrieb der altgriechische Historiker Herodot um 430 vor Christus. Da war die Geschichte von der phönizischen Königstochter Europa, die Göttervater Zeus in Gestalt eines Stieres und mit amourösen Absichten an den Strand von Kreta entführt hatte, noch gar nicht so lange her. Dass die Schöne dem Kontinent den Namen gab, ist ebenso dunkle Legende wie das Wort Europa selbst, es soll vom semitischen »ereb« abgeleitet sein, was so viel wie düster und finster bedeutet.
So unklar wie der Ursprung ist die Sache mit Europa immer - eine Geschichte der Widersprüche: Kein anderer Kontinent war zeitweise so zersplittert in kleinste politische Einheiten, die sich meist heftig befehdeten und oft blutig bekämpften. Gleichzeitig einten Familienbande ihre Herrscher, deren Untertanen folgten europaweit denselben Moden, die Neuerungen von Kultur und Technik verbreiteten sich meist schnell zwischen Skandinavien und Sizilien.
Was ist aber das gemeinsame Erbe, auf das sich die Verfechter der Idee eines vereinten Europa berufen könnten? Ist es das von Kirche und Konservativen lange verklärte christliche Abendland, das sich mal im Kampf gegen Muslime auf der spanischen Halbinsel oder Türken vor Wien zusammenfand, mal zu Kreuzzügen gen Jerusalem aufbrach und daheim Hexen verbrannte? Ist es das Europa der Aufklärung, das Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit predigte, Demokratie und Menschenrechte auf seine Fahnen schrieb - und im Wahn des Tugend-Terrors seine Ideale auf Tötungsmaschinen exekutierte? Ist es die Kultur des wissenschaftlichen Denkens europäischer Schule, die nahezu alle bahnbrechenden Erfindungen der Neuzeit hervorbrachte - und sich mit ihrer Hilfe, für eine Epoche des Kolonialismus und Imperialismus, fast den gesamten Rest der Welt untertan machte?
Wo immer auf Europas Vergangenheit für zukünftige Ziele zurückgegriffen wird, droht Mythenbildung und selektive Wahrnehmung. Der Vorkämpfer der Paneuropa-Bewegung, Richard Graf Coudenhove-Kalergi, einer der geistigen Väter der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg, behauptete 1923: »Das alte Griechenland war das erste Europa. Sein Gegensatz zu Persien schuf die Spannung zwischen Europa und Asien, schuf die europäische Idee.« Dabei störte den Grafen nicht, dass der Makedonier-König Alexander der Große, der den persischen Großkönig besiegte und bis zum Hindukusch vordrang, ebenso ein grausamer Despot war: Er unterjochte zuvor die griechischen Städte, als Demokratien ein weiterer Hort europäischer Ideale.
Die Abgrenzung zum Orient ist ein Jahrtausende überdauernder Topos europäischer Identitätsstiftung. Noch bei der Frage des Beitritts der Türkei zur EU versteckt sich hinter allen Debatten über die Einhaltung von Menschenrechten oder die Öffnung von Arbeitsmärkten der Glaube, ein nicht christlicher Staat gehöre nicht in die Gemeinschaft.
Wenn die Attentate des 11. September ein Angriff auf »unsere Zivilisation« waren, so etwa Politiker wie Kanzler Gerhard Schröder, und »die vielleicht letzte Gelegenheit« ist, so Intellektuelle wie der »Merkur«-Mitherausgeber Kurt Scheel, »dass der Westen sich und der Welt klar macht, wofür er steht und was er zur Verteidigung seiner Werte zu unternehmen gedenkt« - dann bekommt die Frage nach dem Spezifischen der europäischen Tradition plötzlich wieder eine ungeahnte Aktualität und Brisanz.
Plötzlich rückt wieder ins Bewusstsein, dass die auf den Erfahrungen europäischer Geschichte basierenden Werte auch nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus keineswegs weltweit so anerkannt sind, wie es der Glaube an den Universalismus der vom alten Kontinent ausgehenden Ideen vorspiegelte.
Freiheit, Recht und Demokratie - diese Grundpfeiler europäischer Gesellschaftsorganisation werden nicht nur immer wieder von diktatorischen Bösewichtern missachtet. Sie sind offenbar auch für viele Menschen anderer Kulturkreise nicht so selbstverständlich, besonders wenn sie sich in speziellen Ausformungen verbreiten wie dem freien Handel auf globalisierten Märkten oder der Trennung von Staat und Kirche.
Zu Überheblichkeit gegenüber denen, die sich den Errungenschaften der westlichen Zivilisation europäischer Herkunft verschließen, besteht kein Grund. Europas Geschichte selbst ist voll von Beispielen der Intoleranz, des Terrors und der kulturellen Borniertheit. Vom Religionskampf des Dreißigjährigen Krieges bis zum Holocaust liefert Europa alles, was ein Lehrbuch der Hölle braucht. Dennoch zeigt Europa immer einen Doppelkopf: Schrecken und Schönheit, Horror und Humanismus, Freiheit und Fron.
Das europäische Denken, das sich zuerst in der Polis des antiken Griechenlands bei Philosophen wie Aristoteles und Platon entwickelte, begab sich allerdings sogleich auch auf einen doppelgleisigen Weg, der ebenso destruktiv wie fruchtbar sein konnte: Zweifel, Selbstkritik und Infragestellen aller überlieferten Werte begründeten die modernen Wissenschaften, stürzten die Menschen aber auch in eine permanente existenzielle Sinnkrise. Dennoch ist der ungläubige Skeptizismus wohl Europas bestes Erbe: Er bereitete den vernünftigen Ausweg, als der Kontinent der unendlichen Irrungen und Wirrungen fast am Ende war.
»Europa hat niemals bestanden ... Das wirkliche Europa muss man erst schaffen«, meinte 1950 der Europa-Politiker Jean Monnet, als nach dem finalen Desaster des Zweiten Weltkriegs die verfeindeten Staaten nach einer Ordnung für ein friedliches Zusammenleben suchten. Monnet, Sohn eines Spirituosenhändlers aus der französischen Stadt Cognac und in den zwanziger Jahren stellvertretender Generalsekretär des Völkerbundes in Genf, glaubte nicht mehr an die großen Schritte zu einem politisch vereinigten Europa, wie es die Paneuropisten und andere Idealisten in den Jahren zwischen den Kriegen proklamiert hatten. Sein Weg, der letztlich in die Europäische Union führte, wurde später als die »Methode Monnet« sprichwörtlich.
Die Wirtschaft sollte vorangehen bei der Integration, banal und unpathetisch. Ganz unauffällig würde dann mit Hilfe vieler kleiner Vereinigungen auf dem Verordnungswege doch noch das große Ziel der politischen Union Europas erreicht werden. Politische Interessen spielten dennoch mit bei dieser listigen Gründung aus dem Geist der Kaufleute: Die Kriegsgegner des Nazi-Reichs, besonders Frankreich, hatten Angst vor einem wirtschaftlich wieder erstarkenden Deutschland, die Waffenschmiede Ruhrgebiet sollte deswegen möglichst seinem Einfluss entzogen werden.
Monnets Plan, den der französische Außenminister Robert Schuman sich zu Eigen machte, schlug eine Verflechtung der deutschen und französischen Stahl- und Kohleindustrie vor. Diese Montanunion kam auch dem ersten bundesdeutschen Kanzler sehr gelegen: Konrad Adenauer sah die Chance des besetzten Landes, in einer supranationalen Institution wieder von gleich zu gleich mit den anderen europäischen Staaten zu agieren: »Ein Bundeskanzler muss zugleich ein guter Deutscher und ein guter Europäer sein.«
Der Versuch, europäische Politik durch die Hintertür der Wirtschaft zu machen, war zugleich für Erfolg und Misserfolg der Integration verantwortlich. Der wirtschaftliche Erfolg brachte die Staaten der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft - mitsamt den widerspenstigen Briten - schneller, enger und dauerhafter zusammen als alle Versuche, den Kontinent politisch und mit gewalttätiger Eroberung zu einen. Die Ökonominisierung der Gemeinschaft verhinderte aber auch, dass die Bürger diese Europäische Union als die ihre betrachten. Der Mangel an demokratischer Kontrolle und Mitwirkung, das Unbehagen und Misstrauen gegenüber der Brüsseler Eurokratie sind ebenfalls Folge der Methode Monnet, mit der die Politik aus dem Prozess der Einigung ausgeklammert werden sollte.
Die Einführung des Euro ist der wohl letzte Versuch aus der methodischen Schule von Monnet: Mit dem Gemeinschaftsgeld wird schon auch das Gemeinschaftsgefühl kommen. »Das Geld ist nicht eine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis«, behauptete schon der europäische Ökonom Karl Marx. Die neuen Scheine zeigen Brücken und Bauwerke europäischer Baustile. Das soll demonstrieren, meint etwa Finanzminister Hans Eichel, »dass Europa seit vielen hundert Jahren ein gemeinsamer Lebens- und Gestaltungsraum ist«.
Vielleicht klappt's ja.
MICHAEL SCHMIDT-KLINGENBERG