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»Euroschima, mon futur«

Wilhelm Bittorf über die Strategen des Irrsinns
Von Wilhelm Bittorf
• aus DER SPIEGEL 7/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon von 1983 an sollen in Westeuropa 108 amerikanische Mittelstreckenraketen vom Typ »Pershing 2« und 464 Marschflugkörper (Cruise missiles) stationiert werden. Die mit Atomsprengkopf versehene Pershing 2 kann Ziele bis zu einer Entfernung von 1800 Kilometer punktgenau treffen.

Das bedeutet, daß (von Startrampen in der Bundesrepublik aus) noch Sowjetstädte wie Charkow oder Kaluga -knapp 200 Kilometer westlich Moskau -- im Aktionsradius dieser Raketen liegen. Die gleichfalls mit Atomsprengköpfen gerüsteten Marschflugkörper (Reichweite: 4000 Kilometer) können jedes Ziel westlich des Ural zerstören. Eine »verbesserte« Version der Pershing (mit 2500 Kilometer Reichweite) ist in den USA in Entwicklung.

Diese Rakete braucht sechs Minuten für den Flug von der Pfalz nach Moskau. Als erste Rakete überhaupt besitzt sie ein ausgepichtes neues Zielanflug-System, das sie befähigt, ein vorgegebenes Objekt von nur 25 Meter Durchmesser zu treffen: Wenn man ihr ein Computer-Luftbild des Kreml einspeist, dann findet sie den Kreml mit ihrem Radar-Scanner im Moskauer Häusermeer und schlägt präzise in jedem gewünschten Punkt des sowjetischen Herrschaftszentrums ein.

Die Tüchtigkeit der Techniker der Goodyear Aerospace Corporation macht es möglich -- und nicht nur das. Eine Pershing 2 ist auf dem Raketen-Versuchsgelände von White Sands, New Mexico, auch schon erfolgreich mit einem »Earth-Penetrator«-Gefechtskopf getestet worden. Das ist ein extra harter Kopf, der mit 2200 km/h Geschwindigkeit auf den Boden aufschlagen kann, ohne zu zerspringen.

Der »Earth-Penetrator« dringt vielmehr bis zu 12 Meter tief in die Erde ein. Dann erst detoniert seine nukleare Ladung und vernichtet unterirdische Befehlsbunker und Raketensilos, gegen die ein über der Erde explodierendes und weniger zielgenaues Atomgeschoß womöglich verpuffen könnte.

Kein anderes Waffensystem kann die sowjetische Hauptstadt und das europäische Rußland bis östlich von Moskau so überraschend und zielgenau attackieren wie die verbesserte Pershing und die Cruise missiles.

Die großen interkontinentalen Landraketen »Minuteman 3« in ihren nordamerikanischen Silos sind zwar auch außerordentlich präzise -- aber sie brauchen mehr als 30 Minuten von North Dakota und Montana bis zu ihren sowjetischen Zielen.

Die von U-Booten abzuschießenden strategischen Raketen können erheblich näher an diesen Zielen losgelassen werden. Aber sie sind wenig treffsicher und ganz ungeeignet, wenn es darum geht, ein so winziges Punktziel wie einen Befehlsbunker zu zerstören.

Die Sowjets haben nichts Vergleichbares gegenüber den Vereinigten Staaten, es sei denn, sie stationierten ihre SS-20-Mittelstreckenraketen mit Zielrichtung Washington auf Kuba und riskierten eine Konfrontation am Rand des Abgrunds mit den Amerikanern wie 1962 mit Kennedy.

Die Pershing 2 und die gleichfalls für den Einsatz von Europa aus vorgesehenen Cruise missiles (mit ähnlicher Zielgenauigkeit) sind aber ein Meisterstück nicht nur der Technik. Denn obwohl auf der Hand lag, daß die neue Pershing allein aufgrund ihrer Reichweite eine ganz neue strategische Qualität hat, ist es der Rüstungslobby gelungen, diese Waffen einer ahnungslosen Öffentlichkeit und denkfaulen Politikern in Europa als bloße »Nachrüstung« und »Modernisierung« zu verkaufen.

Seit Adenauer den Deutschen taktische Atomwaffen als eine bloße »Weiterentwicklung der Artillerie« andrehen wollte, hat es keine so unverfrorene Verniedlichung mehr gegeben. Damals freilich erhob sich auf der Stelle ein Aufschrei der Entrüstung; über die »Modernisierung der taktischen Nuklear-Streitkräfte« dagegen herrscht noch immer Ruhe im Land (wenn auch nicht in der SPD-Fraktion).

Dabei verbinden amerikanische Strategiedenker mit der »Nachrüstung« in Europa Vorstellungen, die so erstaunlich sind, daß sie dem »ublikum nicht länger verborgen bleiben sollten. Die » » erschreckendste Bedrohung für die Sowjet-Union wäre die » » Zerstörung oder schwere Schädigung ihres politischen Systems. » » Deshalb sollten die Vereinigten Staaten imstande sein, » » wesentliche Führungskader, deren Kommunikationsmittel und » » einige ihrer internen Kontrollinstrumente zu vernichten. Die » » UdSSR mit ihrem überzentralisierten Machtgefüge und ihrer » » riesigen Bürokratie in Moskau wäre für einen solchen Angriff » höchst verwundbar.

» Die Sowjet-Union könnte aufhören zu funktionieren, wenn ihr » » Sicherheitsdienst, der KGB, lahmgelegt würde. Wenn die » » Moskauer Bürokratie eliminiert, beschädigt oder isoliert » » würde, könnte die UdSSR in Anarchie auseinanderbrechen; » » deshalb die extensiven Luftschutzmaßnahmen, die das Überleben » » der Sowjet-Führung sichern sollen. Wohlüberlegte Zielplanung » » durch die USA und die Beschaffung entsprechender Waffen » » könnte der UdSSR die Gewißheit ihres politischen Überlebens » » streitig machen. »

Diese Aufzeichnungen stammen -nein, nicht aus dem Tollhaus. Sie stammen von zwei Experten aus dem Stab des vom Atomdenker Herman Kahn geleiteten Hudson Institute, Colin Gray und Keith Payne. Ihre Arbeit wurde von der Washingtoner Zeitschrift »Foreign Policy« abgedruckt. Überschrift: »Victory is possible«.

Der Ausgangspunkt dieser und anderer Strategiedenker ist simpel genug: Die Russen sind frech geworden (in Angola, Äthiopien, Südjemen, Afghanistan), weil der ungefähre Gleichstand der strategischen Atomwaffen beider Supermächte die Kremlherren nicht mehr richtig abschreckt. Also muß die Abschreckung, und das heißt die Bedrohung der Sowjet-Union und ihrer Führung drastisch verstärkt werden.

Das geht aber nicht mit den »großen« strategischen Raketen (so räsonnieren die Denker weiter); deren Einsatz, selbst wenn er begrenzt wäre, könnte zu leicht einen totalen Schlag der Russen gegen Amerika auslösen -- und der soll ja tunlichst vermieden werden. Es könnte gehen mit Waffen wie den Cruise missiles und der verbesserten Pershing.

Damit könnte man den Sowjets glaubhaft »chirurgische Einzelschläge« (Colin Gray) gegen ausgewählte militärische und politische Ziele androhen für den Fall, daß sie sich weiter danebenbenehmen S.111 oder sich gar unterstehen, die westlichen Ölinteressen am Persischen Golf zu gefährden. Mit der präzisen Eurorakete könnte man die lügende, betrügende, kriminelle Kreml-Crew per »Earth-Penetrator« samt ihrem Bunker in die Luft jagen.

So »chirurgisch« könnte man den Kreml aus dem Antlitz der Erde herausoperieren (oder es wenigstens androhen), daß sich der »collateral damage«, der »Nebenschaden« selbst in Moskau in Grenzen hält. Dann noch das KGB-Hauptquartier, und wer weiß? Vielleicht rennt das Volk dann jubelnd auf die Straßen und Plätze, um das Befreiungswerk zu vollenden.

Happy end (meinen Gray und Payne). Denn dann könne man »die Heraufkunft einer Weltordnung ins Auge fassen, die mit den westlichen Werten vereinbar ist«.

Im Kreml-Bunker pulverisiert zu werden ohne die Chance einer Gegenreaktion: Diese Furcht soll die Sowjet-Führer in letzter Instanz zu weltweitem Wohlverhalten zwingen.

Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs im Pentagon, General David Jones, letzte Woche vor dem Streitkräfte-Ausschuß des Senats: »Die Sowjets müssen ständig mit der sicheren Aussicht konfrontiert werden, daß ein militärischer Schachzug gegen amerikanische oder alliierte Interessen einen Konflikt heraufbeschwört, dessen geographische Ausdehnung, dessen Ausmaß und Grad der Gewaltanwendung über das hinausgehen, was sie (die Sowjets) zu riskieren bereit sind.«

Wie meint der General das? Er meint: Wenn die Sowjets vorhaben sollten, die Golfregion mit konventionellen Kräften anzugreifen, dann müßten sie wissen, daß sich die Vereinigten Staaten nicht nur in der Golfregion und konventionell wehren. Dann müßten sie fest damit rechnen, daß sie notfalls chirurgische Atomschläge von Westeuropa aus versetzt bekommen.

Die Strategen glauben, daß sie damit eine »handhabbare« Zwischenstufe zur Verfügung haben zwischen konventionellem Konflikt und der nuklearen Katastrophe. Angenommen, der US-Präsident ließe wirklich ein paar Pershing 2 aus der Pfalz nach Rußland los, nicht um den Kreml, sondern um wichtige Militäranlagen zu treffen -- Kommunikationszentren oder Stabsquartiere zum Beispiel. Dann (meinen die Strategen) ständen die Sowjet-Führer immer noch vor der Wahl, lieber leicht beschädigt zur Vernunft zu kommen, als den großen Schlag gegen Amerika und so den eigenen Untergang auslösen.

»Eskalationskontrolle« heißt im Strategenjargon dieses mit den Russen zu spielende russische Raketen-Roulette: Immer den Finger zuerst am Drücker haben und dem Gegner die »Option« aufzwingen, ob er es noch schlimmer haben oder einlenken will.

Nicht zuletzt diesem Zweck soll die »Nachrüstung« dienen. Denn um eine nukleare Attacke abzuschrecken oder zu vergelten, die der Kreml mit seinen SS-20-Raketen unternehmen könnte, genügt das Atomwaffen-Potential der Nato, das von amerikanischen und britischen U-Booten und Bombern im europäischen Bereich transportiert wird.

Selbst wenn dieses Potential nicht ausreichen sollte, hätte eine Verstärkung der Zweitschlagskraft der Nato nur dann Sinn, wenn die zusätzlichen Raketen auf schwer verwundbaren U-Booten stationiert würden statt auf dem Land, wo sie einen überraschenden Erstschlag der Gegenseite kaum überstehen könnten. Das hat auch Bundeskanzler Helmut Schmidt gewußt, als er 1961 schrieb: »Jedermann weiß, das einstweilen alle in Europa installierten Mittelstreckenraketen nur zum Erstschlag, niemals aber zum Zweitschlag geeignet sind.«

Pershing 2 und die Marschflugkörper haben widersinnigen Sinn nur als Erstschlagwaffen. Nicht weniger als 572 Waffensysteme dieser Art sollen im Nato-Bereich, die meisten davon in der Bundesrepublik, stationiert werden: Westdeutschland soll zum Flugzeug-Mutterschiff der verschärften Abschreckung werden.

Welch wenig beneidenswerter Part der Bundesrepublik zugedacht ist und wie die Sowjets diese Planung sehen könnten, hat der ehemalige Bundeswehr-Oberstleutnant und jetzige Friedensforscher Alfred Mechtersheimer so kommentiert: »Die Sowjet-Union wird vermutlich davon ausgehen, daß der amerikanische Präsident dann früher zum Einsatz von taktischen Atomwaffen bereit ist, wenn er durch die Mittelstrecken-Stationierung in Westeuropa die Risiken des Atomkriegs stärker auf Europa verlagern kann.«

Mechtersheimer spricht von einer »Europäisierung der Atomkriegsgefahr«, die es Ronald Reagan erlaubt, offensiver mit der nuklearen Abschreckung zu hantieren, weil das amerikanische Territorium selbst bei einem atomaren Schlagabtausch in Europa nicht mehr unmittelbar und automatisch gefährdet wäre.

Aber diese verschärfte Abschreckung der Sowjets ist gar nichts gegen den Schrecken, in dem die Bewohner der Abschreckungsbastion Bundesrepublik fortan leben müßten, gegen die Todesfurcht, die sie bei jeder Krise am Golf befiele. Denn wenn in der Konfrontation die Nerven versagen, dann haben die Bundesdeutschen und ihre Nachbarn soviel Chancen wie die Einwohner von Hiroschima am 6. August 1945.

Vielleicht ist es deshalb angebracht, der neuen Eurostrategie auch einen neuen Begriff zur Seite zu stellen: Euroschima.

S.110

Die erschreckendste Bedrohung für die Sowjet-Union wäre die

Zerstörung oder schwere Schädigung ihres politischen Systems.

Deshalb sollten die Vereinigten Staaten imstande sein, wesentliche

Führungskader, deren Kommunikationsmittel und einige ihrer internen

Kontrollinstrumente zu vernichten. Die UdSSR mit ihrem

überzentralisierten Machtgefüge und ihrer riesigen Bürokratie in

Moskau wäre für einen solchen Angriff höchst verwundbar.

Die Sowjet-Union könnte aufhören zu funktionieren, wenn ihr

Sicherheitsdienst, der KGB, lahmgelegt würde. Wenn die Moskauer

Bürokratie eliminiert, beschädigt oder isoliert würde, könnte die

UdSSR in Anarchie auseinanderbrechen; deshalb die extensiven

Luftschutzmaßnahmen, die das Überleben der Sowjet-Führung sichern

sollen. Wohlüberlegte Zielplanung durch die USA und die Beschaffung

entsprechender Waffen könnte der UdSSR die Gewißheit ihres

politischen Überlebens streitig machen.

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