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Indien Ewig leben

Nach Pakistan zerschmetterte Indira Gandhi ihre eigene Opposition. Ihr erdrückender Sieg bei Indiens Provinzwahlen legt ihr jetzt die Verpflichturig auf, Indiens fast unlösbare Probleme zu lösen.
• aus DER SPIEGEL 14/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie beginnt den Tag um sechs mit Joga-Übungen. Für ihre Toilette braucht sie ganze sieben Minuten; die San, traditionelles Kleidungsstück der Frauen ihres Landes, legt sie in zweieinhalb Minuten um.

Sie ißt mäßig, nie Rindfleisch, nie Süßigkeiten. Anders als ihre Landsleute meidet sie scharfgewürzte Speisen. Alkohol trinkt sie nicht und bietet ihn auch nicht an, dafür hat sie stets Wasser in einer Thermosflasche zur Hand.

Sie ist 54 Jahre alt, arbeitet 18 Stunden am Tag und ·scheint dennoch nie müde, denn »in Indien wollen wir kein bequemes Leben«.

Ihren zwei erwachsenen Söhnen und einer italienischen Schwiegertochter gilt sie als der gute Geist des Hauses, Fremden gegenüber kann sie von eisiger Arroganz sein. Leute, die ihr nicht liegen, ignoriert sie, ebenso mißliebige Fragen; gegen Feinde ist die Frau, die viele Inder »Mutter« nennen, »härter als jeder Mann« -- so eines ihrer Opfer.

Sie hält, nach eigener Aussage, Religion für eine »Krücke«, die sie nicht brauche, und leistete folgerichtig auch ihren Amtseid nicht »bei Gott«. Ihren letzten Wahlkampf begann sie aber doch im südindischen Tirupati-Tempel mit einem Gebet zum Gott Venkates war, von dem es heißt, er pflege Wunsche zu erfüllen.

Der Hindu-Gott muß bei Laune gewesen sein, denn mehr als sie erreichte, kann sich Indiens Führerin Indira Gandhi nicht gewünscht haben: Die Provinzwahlen in der größten Demokratie der Welt brachten ihr ein für jegliche Demokratie unerhörtes Ergebnis -- eine Dreiviertel-Mehrheit für ihre Kongreßpartei. Indira Gandhi wurde damit, so die »New York Times«, »Kaiserin von Indien«.

Als diese »bemerkenswerte Frau« -- so Londons »Economist« -- vor sechs Jahren die Geschicke des 550-Millionen-Volkes übernahm, war sie wenig mehr als »die Tochter Nehrus«. Den Kronprinzen der Kongreßpartei galt sie als Übergangslösung, als leicht lenkbarer Kompromiß -- doch nur für wenige Monate:

* 1967, ein knappes Jahr nach ihrer Amtsübernahme, gewann sie für die abgewirtschaftete Kongreßpartei die Wahlen und verdiente sich damit eine volle Amtsperiode.

* 1969 zerschlug sie das »Syndikat«, die Alt-Männer-Loge ihrer eigenen Partei, die den Regierungskurs zu diktieren suchte, und feuerte ihren mächtigsten Konkurrenten, den Finanzminister Desai.

* Im Frühjahr 1971 führte sie ihre »Neue Kongreßpartei« zu einem glänzenden Wahlsieg -- einer Zweidrittel-Mehrheit im Parlament.

* Im Herbst 1971 strich sie den einstigen Feudalherrschern« den Maharadschas, ihre Privilegien.

* Im Dezember 1971 überrannten ihre Divisionen den Erbfeind Pakistan, die Feldherrin Indira schuf den neuen Staat Bangladesch und veränderte damit die Landkarte; Indien wurde zur unbestrittenen Vormacht in Südasien.

Das schaffte, binnen eines halben Jahrzehnts, jene grazile Frau, von der einst Freunde fürchteten und Gegner hofften, daß es ihr »an Stärke fehlt«, der allerdings Vater Jawaharlal bereits zum 13. Geburtstag aus dem Gefängnis geschrieben hatte: »Tu nie etwas insgeheim, tu nichts, was Du verbergen möchtest. Denn das würde bedeuten, daß Du Angst hast, und Angst ist Deiner nicht würdig. Beweise Mut, dann kommt alles andere von selbst.«

An Mut fehlte es Nehrus Tochter selten. Als Kind schon organisierte sie Widerstandsgruppen gegen die englischen Kolonialherren, als junge Frau saß sie 13 Monate im Kolonialkerker -- kurz nachdem sie, gegen den Willen ihrer Brahmanen-Familie. einen Angehörigen der Parsen-Religion, Feroze Gandhi, geheiratet hatte.

Unterschätzt wurde sie wohl nur, weil sie zu Lebzeiten ihres Vaters stets im Schatten Nehrus stand obwohl sie dessen engste Beraterin war. Seit sie jedoch Ende 1969 die Cliquen-Wirtschaft in der Kongreßpartei zerschlug, wurde Indira in Indien von niemandem mehr unterschätzt.

Im Ausland hatte sich ihre Stärke nicht so schnell herumgesprochen. Amerikas Präsident Nixon etwa glaubte offenbar noch im letzten Dezember, während des indischen Blitzkriegs gegen Pakistan, die Inder ließen sich durch einen in der Bengalen-Bucht aufgefahrenen US-Flottenverband unter Druck setzen. Indira ließ sich vom Sabelrasseln der stärksten Militärmacht der Welt nicht beeindrucken und beendete den Feldzug nach Plan.

Der Sieg auf dem Schlachtfeld brachte ihr als erster Frau die höchste Auszeichnung des Landes, »bharat ratna« -- das »Juwel Indiens« -- und in der Folge souveräne Macht über mehr als eine halbe Milliarde Menschen.

Denn bisher herrschten in vielen Provinzen noch, Kurfürsten gleich, linke und rechte Feinde der Regierungschefin, wurden ihre Anordnungen fern von Neu-Delhi sabotiert.

Vom Ruhm der Siegerin über den Erbfeind getragen, stürzte sich Indira in den Wahlkampf um Indiens Bundesstaaten. Persönlich siebte sie alle wichtigen Kandidaten ihrer Partei, warf mißliebige Funktionäre unter Korruptions-Vorwürfen von den Listen, lobte Widerborstige in abseitige Parteiämter hoch« pensionierte alte Parteibosse, bis nahezu alle Spitzenkandidaten auf das Wort der Vorsitzenden Indira hörten.

Dann flog sie in russischem Jet und Helikopter fast 50 000 Kilometer kreuz und quer übers Land. Sie sprach auf 197 Wahlversammlungen und forderte von den Massen: »garibi hatao« -- »bekämpft die Armut!«

Eine Märzwoche lang wählten in einer halben Million Dörfer fast 100 Millionen Menschen. Wahllokale lagen zuweilen höher als die Zugspitze oder so entlegen, daß Wähler sie nur über ein fremdes Land -- einen Zipfel Burmas -- erreichen konnten. In einem Fall mußte ein Tiger verjagt werden, bevor die Wahlberechtigten zur Urne konnten, vor einem anderen Wahllokal gebar eine Wählerin Zwillinge.

Die Stimmzählung brachte einen derart. überwältigenden Sieg für Indira, daß der maoistische KP-Führer Gopalan »das traurige Ableben der parlamentarischen Demokratie in Indien« beklagte. Die »Times of India« veröffentlichte eine Karikatur, auf der servile Funktionäre der Führerin ein 99-Prozent-Ergebnis vermelden, Indira aber nur ungnädig heischt: »Und wo ist der Rest?«

Die »Hindustan Times« unkt: »Das Land hat sie beim Wort genommen, nun wird sie es einlösen müssen.« Der »Indian Express« befand, jetzt hätte die Regierungschefin »kein Alibi mehr« müsse sie »die Wünsche, die sie weckte, auch erfüllen«.

Damit steht der sieggewohnten Landesfürstin der schwerste Kampf erst noch bevor. Denn sie ist nun, fast allein, verantwortlich für 14 Prozent der Menschheit, die auf nur 2,4 Prozent der Erdoberfläche zusammengedrängt sind und mit ganzen 1,3 Prozent des Welt-Einkommens auskommen müssen.

Sie regiert so viele Arbeitslose, wie das geschlagene Rest-Pakistan Einwohner hat, mehr Hungernde und dauernd Unterernährte, als es Nordamerikaner gibt, so viele Analphabeten, wie die Sowjet-Union und die USA zusammen an Einwohnern zählen.

Slum-Bewohner in Alt-Delhi wußten, was es braucht, diese Aufgaben zu lösen. Sie wünschten sich »Indira amar rahe« -- »Indira soll ewig leben«.

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