Ewige Opfer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 52 / 109

IRAK Ewige Opfer

• aus DER SPIEGEL 18/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach der Bestätigung des Rumpfkabinetts von Ministerpräsident Ibrahim al-Dschaafari am vorigen Donnerstag öffnen sich im irakischen Parlament neue Fronten. Mehrere Parteiführer, die an der neuen Regierung nicht beteiligt sind, haben dem früheren Premier Ijad Alawi Unterstützung zugesagt. Alawi wollte eigentlich als Verteidigungsminister in die Regierung eintreten, scheiterte aber mit diesem Plan - nun dürfte er zum dominierenden Oppositionsführer werden. Diplomaten in Bagdad glauben, er stelle mit seinem entschieden säkularen Kurs eine ernsthafte Gefahr für die fragile Koalition von Kurden und Schiiten dar, die das Land bis Dezember regieren soll. Bis Mitte August muss das Parlament eine neue Verfassung verabschieden, die Zeit dafür ist äußerst knapp.

Auch im Konflikt um die Einbindung der arabischen Sunniten vertiefen sich die Gräben. Bei den Freitagspredigten wetterten sunnitische Geistliche vorige Woche gegen eine gewaltsame Mehrheitsdiktatur der Schiiten. Ajatollah Ghafrani, Sprecher von Großajatollah Ali al-Sistani, warnte hingegen, dass die weiterhin vom Terror heimgesuchten Schiiten sich inzwischen so fühlten wie die Muslime im bosnischen Bürgerkrieg: »Doch wir werden nicht ewig nur die Opfer sein.« Der Alltag der Bevölkerung wird unterdessen fast ausschließlich von Energie- und Sicherheitsproblemen geprägt. Mit Sarkasmus nahmen viele Einwohner zur Kenntnis, dass sich die Regierungsparteien zunächst nicht einmal auf einen Minister für Elektrizität einigen konnten: In der Hauptstadt wechseln dieser Tage Stromversorgung und Blackouts im Drei-Stunden-Takt.

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 109