EXISTENZBELEUCHTER
Viel interessanter als Jaspers Privatmeinung, über die Wiedervereinigung ist die Reaktion der deutschen politischen Öffentlichkeit. Für die Wiedervereinigung gilt nämlich die Parole: möglichst viel und nur in Superlativen darüber reden, um den Mangel an Bereitschaft zu wirklichen Taten zu verhüllen und um vorzutäuschen, wieviel man tun würde, wenn nicht dies und nicht jenes im Wege stünde. Gegen diese Spielregel hat Jaspers verstoßen und man fühlt sich in seinem schlechten Gewissen getroffen.
Göttingen LÁSZLÓ TRUNKÓ.
... provozierender Supermilitarismus eines als vorbildlich geltenden Pazifisten, der bekennt, daß er die Grundgedanken seines Philosophierens neben anderen vor allem Nietzsche verdankt und sicherlich auch bei ihm gelesen hat: »Jede Philosophie, welche durch ein politisches Ereignis das Problem des Daseins verrückt oder gar gelöst glaubt, ist eine Spaß- und Afterphilosophie.«
München DR. FRIEDRICH ALFRED BECK
Herr Jaspers sollte einmal seinen Kollegen Ortega y Gasset zu Rate ziehen, bevor er das nächste Mal die Arena der Politik betritt. Y Gasset schreibt, daß das Gebaren des Fachgelehrten außerhalb seines Gebietes das eines »gelehrten Ignoranten« sei, daß er sich »in allen Fragen, von denen er nichts versteht, mit der ganzen Anmaßung eines Mannes aufführen wird, der in seinem Spezialgebiet eine Autorität ist«. In der Politik »hat er die
Ansichten eines Wilden, eines hoffnungslosen Stümpers, aber er verteidigt sie mit Nachdruck und Selbstvertrauen ... Jedermann kann beobachten, wie töricht heute in Politik, Kunst und Religion und den allgemeinen Lebens- und Weltproblemen die Gelehrten denken, urteilen und handeln«.
Düsseldorf WERNER BUHLMANN
Ein Größerer als Jaspers hat einmal gesagt, daß die Philosophie nur das Vorzimmer der Weisheit sei: Es ist aber nicht anzunehmen, daß Karl Jaspers sich mit der Zuweisung nur eines »Vorzimmers« abspeisen lassen würde, gibt er sich doch schon in seinem Auftreten als eine Art Primadonna in Herrenkleidung oder als wandelnde Neu-Plato -Büste.
Hösel (Westf.) DR. HEINRICH EHLERS
Ihre Jaspers-Titelgeschichte beweist, daß der SPIEGEL trotz guter Informationsmasche nicht in der Lage ist, solch einen Artikel ohne rapiden Niveau -Abfall zu Ende zu bringen: Da war er wohl auch überfordert!
Hamburg DR. NORBERT LINKE
Ich bitte um Schonung für Jaspers! Er selber kann nichts dafür, daß er so lebensuntüchtig zur Welt kam und ihm nichts anderes übrigblieb, als die Realität aller Existenz in Frage zu stellen.
Kressbronn (Württ.) DR. ELISABETH ERNST
Um die politische Einstellung deutscher Universitätsprofessoren zu verstehen, muß man wissen, daß sie seit je im Lager eines mehr oder weniger weltfremden Weltbürgertums gestanden haben. Man studiere also das Gedankengut des Kosmopolitismus im 18. und 19. Jahrhundert, und schon hat man das Inventar des politischen Denkens von Herrn Jaspers vor Augen.
München GERD FISCHER
Sie sollten Jaspers Buch »Der philosophische Glaube« lesen! Wenn sich in den Schwaden dieser terminologischen Sudelküche etwas klar und deutlich erkennen läßt, dann ist es dies die Ichbezogenheit und lehrhafte Überheblichkeit eines Fachmannes, der sich als Weiser gebärdet.
Frankfurt EDGAR SCHÖNFELDER
... gratuliere ich Ihnen. Der Verfasser findet den richtigen Ton, um angemessen über den großen Philosophen zu schreiben. Auch, wo er anderer Ansicht ist, wahrt er die Form und vermeidet mit Recht in diesem Zusammenhang alles Zynisch-Aggressive. Mit solchen Aufsätzen beweist der SPIEGEL, daß er ernst zu nehmen ist.
Mannheim DR. A. MEUSEL
Bertrand Russell hat einmal gesagt, daß 90 Prozent aller Philosophie, mit Ausnahme der Logik, Betrug sei. Es ist anzunehmen, daß der Spaßmacher Jaspers seine von ihm gedeutete »Existenzphilosophie« selbst nicht ernst nimmt. Jedenfalls möge er uns in Zukunft mit seinen blutlosen Theorien verschonen!
Neckarsulm KURT JUNKER
Zu den Wesensmerkmalen der Existenzphilosophie scheint eine dunkle, schwerverständliche Ausdrucksweise zu gehören. Aber auch heute noch gilt der Ausspruch des Franzosen Vauvenargues: »La clarté est la bonne foi des philosophes« (Die Klarheit ist der Kreditbrief des Philosophen).
Karlsruhe DR. EUGEN MAYER
Als ich den Jaspers-Artikel verdaut hatte, begab ich mich spornstreichs auf die Suche nach meinem uneigentlichen Sein, um ich selbst zu werden. Nach dem Überschreiten aller das Sein fixierenden Weltkenntnis geriet ich in den bodenlosen Raum, woselbst ich die Transzendenz beschwor (was diese nicht gern hatte!) und war nahe daran, des Seins inne zu sein. Da geschah es: Bei einem Fehltritt in die Subjekt -Objekt-Spaltung verlor ich mein seiendes Ich! Auch eine kräftige Existenz -Erhellung vermochte das eigentlich Unbedingte nicht wieder herbeizuschaffen; es blieb uneigentlich verschwunden. Nun schwebe ich nachts im Bett und grübele: Wo ist mein seiendes Ich geblieben?
Berlin NORBERT STAHL
Klargeworden ist mir jetzt erst ganz, weshalb der amerikanische Volksmund seine Gelehrten als »Eierköpfe« bezeichnet.
Berlin HELMUT SCHULTZE
Jaspers-Titel