CHINA Exodus am Grenzfluss
Seine Einheit hat die Rationen pro Mann auf 500 Gramm Grieß und ein paar Kartoffeln am Tag gekürzt, und selbst die gibt es nicht immer. Doch nicht der Hunger hat den nordkoreanischen Offizier Paek Hyoen Il*, 33, über den Fluss nach China getrieben, sondern ein seit Monaten bohrender Schmerz in der Magengrube.
Die Militärärzte hatten ihn nicht lindern können. Wirksame Medikamente gegen Magengeschwüre gibt es selbst für Militärs wie Paek seit langem nicht mehr. So bat er in der Wachstube um 15 Tage Urlaub und machte sich auf in Richtung China. Dort, so hatte er gehört, könne er Arbeit finden und Arzneien kaufen. »Dann wollte ich so schnell wie möglich wieder heim zu meiner Familie und zu meiner Einheit«, sagt er.
Über die Grenze hat er es geschafft. Seine Hoffnung, nach Hause zurückzukehren, zerschlug sich schnell. Die Polizei fasste die Frau, die Paek gegen Geld einen Schleichweg gezeigt hatte, und schob sie nach Nordkorea ab. Nun fürchtet er, sie habe beim Verhör seinen Namen verraten: »Wenn ich zurückgehe, bin ich verloren.«
Der Wechsel eines Offiziers auf die andere Seite - aus welchen Gründen auch immer - kommt Landesverrat gleich. Sofern der Abtrünnige nicht erschossen wird, droht ihm lebenslanges Arbeitslager. Und falls Paek in fünf Tagen, wenn der Urlaub vorbei ist, nicht wieder durch das Kasernentor marschiert, werden Sicherheitsleute bei seinen Verwandten auftauchen, die dann für sein Verschwinden büßen müssen.
Paek ist einer von Zehntausenden Nordkoreanern, die in den vergangenen Jahren in der autonomen Region Yanbian, einem abgelegenen Winkel der chinesischen Mandschurei, gestrandet sind. Kaum ein Flüchtling nennt politische Gründe für seinen Entschluss. Alle wollen nur dem Elend entfliehen, dem längst zusammengebrochenen nordkoreanischen Wirtschaftssystem. Meist hoffen sie auf einen Job, um ein paar Yuan zu sparen und dann mit Lebensmitteln heimzukehren.
Lim Se-Hyun hingegen, ein Bergmann, dessen Grube stillliegt, macht nur eine Stippvisite in China. Mit seinem Freund Mun, einem Kolchosarbeiter, ist er über die Grenze geschlichen, im Sack drei kleine Hunde. Deren Fleisch gilt in der Mandschurei als Delikatesse.
Von dem Erlös wollen sie Kekse und Süßigkeiten kaufen, vielleicht 20 Kilogramm, die sie in Nordkorea an einen Mittelsmann loszuschlagen gedenken. Mit diesem Geld wiederum könnten sich ihre Familien drei, vier Monate lang halbwegs vernünftig ernähren - und nicht, wie seit Jahren immer wieder, von Rinde, Gras und wilden Kräutern.
Die Grenze zwischen China und Nordkorea ist porös. Kein Zaun, kein Stacheldraht, keine Mauer trennt die beiden befreundeten Länder. Im Sommer schwimmen oder waten die Flüchtlinge durch den Tumen, im Winter tappen sie über das Eis. Es ist nicht allzu schwer, sich an den Wachen vorbeizudrücken. Manche Grenzer sind bestechlich. Bar kostet die Passage derzeit 200 Yuan (21 Euro), zurück das Doppelte.
Vom chinesischen Ufer aus liegen die grauen Orte jenseits des Flusses zum Greifen nah. Menschen und Autos sind nicht zu sehen, nur wenige Schornsteine rauchen. An einem Bahnhof hängt das Porträt des 1994 verstorbenen Großen Führers Kim Il Sung, der nach seinem Tod zum »Präsidenten auf Ewigkeit« ernannt wurde. Riesige Zeichen künden vom Ruhm des Sohns: »Lang lebe die Sonne des 21. Jahrhunderts, Kim Jong Il.«
Auf der chinesischen Seite warnt ein Schild: »Gewährt den Nordkoreanern keine Unterstützung.« Denn die Flüchtlinge sind nicht willkommen. Seit Frühjahr 2002 sind Hunderte über die Zäune von westlichen Botschaften in Peking geklettert, um Asyl zu suchen. Damit wurden sie für die Regierung zu einem internationalen Problem. Das südkoreanische Konsulat musste seine Arbeit einstellen. Der Ansturm verzweifelter Landsleute aus dem Norden machte den Bürobetrieb unmöglich.
Beharrlich sprechen die Behörden in Peking von illegalen »Wirtschaftsmigranten«, denn sie fürchten, dass es zur Massenflucht käme, wenn den Überläufern der Flüchtlingsstatus gewährt würde. Ein solcher Exodus könnte das Ende der politischen Freunde in Pjöngjang bedeuten.
Das genau wollen die USA. Sie erwägen deshalb, erstmals 20 000 nordkoreanischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren. In Geheimverhandlungen soll Washington derzeit versuchen, die Chinesen zu überreden, sie in Richtung USA ziehen zu lassen. Ob sich die Volksrepublik auf den Plan einlässt, erscheint allerdings mehr als fraglich.
Einstweilen machen Pekings Polizei und Militär weiter Jagd auf abgetauchte Nordkoreaner. Vor Fabriken und Bauernhöfen der Mandschurei fahren blauweiße Polizeiwagen vor, und wenn die Beamten Flüchtlinge unter den Arbeitern finden, setzt es empfindliche Geldstrafen.
Am Rand der Stadt Yanji kontrollieren Soldaten mit Stahlhelm und Gewehr die Autos. 500 Yuan (52 Euro) Belohnung erhalten Anwohner, wenn sie einen Geflohenen denunzieren. Das ist mehr als ein Monatslohn in einer Gegend, in der Staatsbetriebe gleich reihenweise schließen mussten und die Dörfer verkümmern.
Die meisten Flüchtlinge sind daher zu einem Leben in Angst und Abhängigkeit verurteilt. Die Kolchosarbeiterin Choi Chong Suk, 38, ist 1997 zum ersten Mal nach China gekommen, hat Motoren repariert und in der Kantine einer Zementfabrik Geschirr gespült. Oft allerdings haben ihr die Chefs nur einen Bruchteil des versprochenen Lohns ausgezahlt.
Als sie sich beschwerte, wurde sie denunziert, insgesamt schon dreimal. Auch ihr Mann und die zwei halbwüchsigen Kinder wurden jeweils von der Polizei abgeschoben, jedes Mal saß die Familie ein paar Wochen länger im Arbeitslager. Bei der letzten Deportation war Chois zuckerkranker Mann bereits dem Tode nah. Drei Tage nach seiner Entlassung ist er gestorben.
Nun versteckt sich die Witwe in einem Hinterhof. »Ich leide keinen Hunger mehr, aber ich habe meinen Mann und den inneren Frieden verloren«, sagt die Frau im roten Anorak. »Ich bin ständig auf dem Sprung vor der Polizei. Ich kann nicht allzu lange an einem Ort schlafen.«
Es sind vor allem Frauen, die unter der gnadenlosen Abschiebepolitik leiden. Nicht wenige landen in den Bordellen der Region Yanbian, Hunderte wurden an einheimische Männer verkauft, die froh über die billigen und gefügigen Bräute sind. In den abgelegenen Dörfern herrscht Frauenmangel, denn wer kann, sucht in den Städten nach Arbeit.
Ein paar Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt hocken drei Frauen auf dem Linoleumboden einer Kirche. Sie alle sind unfreiwillig mit Chinesen verheiratet, die jeweils 1000 Yuan (103 Euro) an Kuppler gezahlt haben. Lin Song Ae, 29, war einst Volksschullehrerin in Chongjin. Kurz nachdem Lin die Grenze überquert hatte, stand ein Mann vor ihr und erklärte sie zu seiner Braut. »Es ging sehr schnell mit der Heirat«, sagt sie, »was sollte ich tun? Wer Nein sagt, wird zurückgeschickt.«
Trotz aller Demütigungen und aller Angst hat Lin ihre Flucht nicht bereut: »Haben Sie schon einmal Kinder auf der Straße verhungern sehen? Es ist immer noch besser als Ärmster der Armen in China zu leben als in Nordkorea.« Gleichwohl hofft sie, dass Peking »uns endlich als Flüchtlinge akzeptiert, damit wir aus der Illegalität herauskönnen«.
Es sind vor allem christliche Gemeinden, die trotz aller Warnungen Nordkoreanern Unterschlupf gewähren und versuchen, auf Bauernhöfen, in Restaurants oder Fabriken Arbeit für sie zu finden. Die Helfer fühlen sich den Flüchtlingen nicht nur aus religiösen Gründen verbunden, viele gehören zur koreanischen Minderheit.
Doch Menschlichkeit wird schnell strafbar. Ein koreanischer Pfarrer wurde jüngst zu mehreren Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er es nicht übers Herz brachte, die Hilfesuchenden von seinem Kirchentor abzuweisen.
So wird es immer schwerer unterzutauchen. Viele Flüchtlinge übernachten in den Wäldern um Yanji. Wer erwischt wird, landet zunächst in einem Gefängnis außerhalb der Grenzstadt Tumen. Nachts schaffen Busse die Nordkoreaner über die Brücke auf die andere Seite.
Auch Offizier Paek ist in der Obhut von koreanischen Christen. Sie gaben ihm zu essen und kauften ihm einen modernen Pulli sowie schwarze Hosen, damit er auf der Straße nicht schon an der Kleidung als einer von drüben zu erkennen ist.
Die Helfer wollen den unglücklichen Paek so schnell wie möglich herausschleusen, aber nicht nach Peking, das erscheint ihnen derzeit zu riskant. »Ich habe keine Wahl«, sagt Paek und hält sich den Magen. »Ich muss nach Südkorea.« ANDREAS LORENZ
* Alle Namen der Flüchtlinge sind geändert.