Exodus der Christen - DER SPIEGEL
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RELIGIONEN Exodus der Christen

Unter dem Druck der Nahost-Krise verlassen immer mehr Gläubige das Heilige Land - ihre geschwächten Gemeinden ringen ums Überleben.
• aus DER SPIEGEL 52/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schmuck an der Ladentheke wirkt wie eine bittere Erinnerung an längst vergangene Zeiten. »Happy New Year« steht auf der Girlande aus goldenem Glanzpapier. Trotzig hat Garo Sandruni sie aufgehängt, obwohl er weiß, dass auch das kommende Jahr kein glückliches wird.

Zwei Jahre erneuter palästinensischer Intifada haben seine Einnahmen auf 20 Prozent schrumpfen lassen. Der armenische Christ verkauft handgefertigte Keramiken - reich verzierte Schüsseln und Kacheln, die an die einstige Pracht des Orients erinnern.

Doch es kommen keine Touristen mehr, die ihm seine Kunstwerke abkaufen. Die Jerusalemer Altstadt, in deren verwinkelten Gassen sein Geschäft liegt, ist meist wie ausgestorben. Sandruni, 45, wäre längst ausgewandert, wenn er nur seinen Laden loswürde. »Für wen soll ich hier ausharren? Das ist nicht mein Krieg.«

So wie der Töpfer urteilen immer mehr Christen vor allem in den Palästinensergebieten. Sie bangen um ihre Existenz, der »Schutz der Heiligen Stätten«, um die sich der Papst sorgt, ist ihnen da relativ gleichgültig. »Wir müssen an die Zukunft unserer Kinder denken«, sagen viele.

Mehr als 2000 sind bereits gegangen, auf der Flucht vor der Gewalt und der wirtschaftlichen Misere in Palästina, die selbst einst wohlhabende Familien bedroht. Zwar emigrieren noch mehr palästinensische Muslime, doch der christliche »Exodus«, wie kirchliche Informationsdienste die Auswanderung bereits nennen, bedroht eine schon kritisch geschwächte Gemeinschaft. »Die christliche Existenz hier«, warnt der Jerusalemer Nahost-Forscher Raphael Israeli deshalb gar, »geht ihrem Ende entgegen.«

Mehrere Emigrationswellen entlang der Nahost-Krisen des 20. Jahrhunderts und eine niedrige Geburtenrate haben die Christen im Geburtsland Jesu auf eine winzige Minderheit schrumpfen lassen. Gerade mal zwei Prozent dieser Gläubigen leben noch in Israel und Palästina unter neun Millionen Juden und Muslimen. Die meisten der rund 180 000 Christen sind Araber palästinensischen Ursprungs - Griechisch-Orthodoxe, Katholiken, Armenier und, als kleinste Konfession, Protestanten.

In früher christlichen Städten wie Betlehem und Nazaret haben längst Muslime die Mehrheit. Ein Drittel der Jerusalemer Altstadt befindet sich zwar immer noch in christlichem Besitz, doch mehr als 70 Prozent der Händler und Bewohner bekennen sich zum Islam. Selbst in etlichen christlichen Schulen lernen inzwischen mehr muslimische als christliche Kinder.

Alarmiert sandte der Vatikan nun 400 000 Euro für seine geplagten Glaubensbrüder im Heiligen Land, die er »zwischen zwei Extremismen zerrieben« sieht. Das Geld soll die Christen »ermutigen, an diesen geschlagenen Plätzen auszuhalten«. Es ist nicht die einzige Hilfe. Der Franziskanerorden etwa sponsert Wohnungen für mittellose Katholiken, andere Organisationen übernehmen Schulgebühren.

Viele Christen im Heiligen Land fühlen sich dennoch im Stich gelassen. Fraglich ist auch, ob solche Alimente wirklich etwas retten können. An der Misere der Geschäftsleute, den Säulen der christlichen Gemeinden, ändern sie nichts.

In Betlehem, das zu 65 Prozent vom Tourismus lebt, stehen die zumeist christlichen Andenkenhändler nach ständigen Ausgangssperren und Abriegelungen vor der Pleite. Selbst Pilger meiden inzwischen den Ort, wo der Heiland das Licht der Welt erblickt haben soll. »Betlehem ist eine sterbende Stadt«, klagt Bürgermeister Hanna Nassir, selbst Christ.

Sogar das Weihnachtsgeschäft, mit dem viele ihre Verluste wettzumachen hofften, verdarben die Israelis. Nachdem Ende November ein Selbstmordbomber von Betlehem zu einem Anschlag in Jerusalem fuhr, sperrte das Militär die Stadt erneut, pünktlich zur Adventszeit. Viele Betlehemer Christen kritisieren aber auch die muslimischen Fatah-Milizen, die von christlichen Wohnvierteln aus Israel angriffen - und damit militärische Gegenschläge provozierten.

Samir Saïd, dessen Restaurant an der Hauptstraße in diesem Jahr vier Monate geschlossen war, hat sich schon in Kanada nach Arbeitsmöglichkeiten umgesehen. Es gefiel ihm dort, und er traf viele Palästinenser. Doch die Entscheidung, sagt er, »ist die schwerste meines Lebens«. Denn der Christ griechisch-orthodoxen Glaubens fühlt auch eine »patriotische Pflicht«, seine Heimat Palästina nicht aufzugeben.

Die Besatzung, von Israel als Reaktion auf die palästinensischen Terroranschläge wieder rücksichtslos ausgeweitet, hat selbst die Unpolitischen zu Nationalisten gemacht. Denn das Militärregime unterscheidet nicht zwischen Christen und Muslimen. »In dieser Zeit ist jeder Araber Teil des Konflikts, Christen und Muslime sind eins«, sagt Bürgermeister Nassir.

Sogar gemäßigte christliche Araber in Israel, die lange Teil der israelischen Gesellschaft sein wollten, fühlen sich nun trotz Religionsfreiheit zurückgestoßen. »Israel

will uns nicht«, sagt der renommierte Ost-Jerusalemer Rechtsanwalt Elias Churi. Der Jurist hat genug von der »täglichen antiarabischen Drangsal« und den Einschränkungen, die er als »rassistisch« empfindet.

Gerade mal ein arabischer Christ bekleidet in Israel derzeit eine höhere Regierungsposition. Im maroden Regime Arafats gibt es immerhin zwei christliche Minister. »Auch in Palästina kann ich als Christ zwar nicht Präsident werden. Hier komme ich als Bürger immerhin gleich an zweiter Stelle«, sagt der palästinensische Katholik Magdi al-Siriani, dessen Familie 1948 und 1967 von Israel vertrieben wurde. »Arafat weiß, dass wir Christen integraler Bestandteil des palästinensischen Volkes sind«, meint der Ordensmann, »wir sind die Brücke zur Welt.«

Das klingt schöner, als es der Realität entspricht. Denn tatsächlich haben sich palästinensische Christen in jahrhundertelanger Unterordnung unter muslimische Herrschaft längst angepasst - ein Schicksal, das sie lange mit den Juden teilten.

»In vielen Bereichen sind wir der muslimischen Dominanz unterworfen«, sagt der palästinensische Bibelwissenschaftler Peter Madrus. Aber die Lage sei besser als in anderen muslimischen Ländern: »In Palästina haben wir das volle Recht, unsere Religion zu praktizieren.« Er selbst betreibt ein christliches TV-Programm.

Madrus und andere kritisieren aber auch »Feigheit« von Christen, die ihre Stimme nicht erheben, »wenn unser Glauben in den Medien angegriffen wird, wenn sie in den Moscheen gegen uns predigen, wenn Schulbücher kaum ein gutes Haar am Christentum lassen«. Auch die Zersplitterung lähmt die christlichen Gemeinden. In mehr als 30 Glaubensgemeinschaften aufgeteilt, streiten die Christen im Heiligen Land häufig untereinander. »Die Muslime stehen dagegen zusammen wie ein Block«, so der Politologe Israeli.

Trotz zum Teil riesigen Landbesitzes in Jerusalem, Betlehem, Jaffa, Jericho und rund um den See Genezaret tendiert der Einfluss der christlichen Kirchen auf den Kampf zwischen Israel und den Palästinensern um die Rechte am Heiligen Land gegen null. Als es etwa bei den Friedensgesprächen von Camp David im Jahre 2000 um den Status Jerusalems und die Aufteilung der Altstadt mit den Heiligen Stätten ging, spielten sie bloß eine Zuschauerrolle. Dreist missbrauchten die Konfliktparteien im April sogar die Geburtskirche in Betlehem als Schauplatz ihres bewaffneten Kampfes.

Die Christen Betlehems sind entschlossen, am 24. Dezember die Christmette in ihrer Kirche zu feiern. »Aber es wird eine traurige Weihnacht«, sagt der Universitätsrektor Manuel Hassassian. Er würde nie auswandern, sagt er: »Wenn alle gehen, bleiben nur noch die Steine der Kirchen.« ANNETTE GROßBONGARDT

* An einer Straßensperre auf dem Weg nach Betlehem.

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