FRANKREICH / ATTENTATE Explosive Marianne
Punkt 21 Uhr, zu Beginn der über Algier verhängten Ausgangssperre, brach der Lärm los. Von den Balkonen und aus den offenen Fenstern trommelten europäische »Ultras« am Freitag vor Pfingsten auf Kochtöpfen ihren Protest gegen die Verhandlungen der Pariser Regierung mit den FLN-Rebellen in die afrikanische Nacht.
Die schwerbewaffneten Polizeistreifen, die durch die menschenleeren Straßen patrouillierten, mußten den demonstrativen Drei-kurz-zwei-lang -Rhythmus des »Algérie francaise« schweigend über sich ergehen lassen.
Gleich darauf ging die erste Bombe hoch. Bis zum Morgengrauen folgten 25 weitere Explosionen. Höhnische Rufe der »Ultras« begleiteten die Einsatzwagen der Gendarmerie und Feuerwehr, die von einem Explosionsort zum anderen jagten.
Verwundete, Trümmer und Rauch zeugten von der Aktivität jener rechtsextremistischen »Organisation de l'Armée Secrète« (OAS), die seit Jahresbeginn in Frankreich und Algerien mit einer Serie von Bombenattentaten de Gaulles Entkolonisierungs-Politik zu durchkreuzen sucht.
»Wir schlagen zu, wo wir wollen und wann wir wollen«, prahlte die OAS großspurig in einem ihrer heimlich verbreiteten Pamphlete. »Die Verräter, die zur Zeit an der Macht sind, werden sich nicht halten. Algerien bleibt eine französische Provinz!«
Die Terrortechnik der OAS ist stets dieselbe: Ihre Aktivisten deponieren die aus hochbrisanter Knetmasse geformten Bomben unauffällig am Attentats_ ort, stellen den bleistiftartigen Säurezünder ein und sind längst verschwunden, wenn die Polizei nach der Explosion erscheint.
Die Auswahl der Attentats-Objekte läßt keinen Zweifel über das von den OAS-Terroristen anvisierte Ziel. Ihre Bomben galten unter anderem:
- den Verlagsgebäuden der liberalen
Zeitung »Le Monde«, des linksorientierten Wochenblatts »france Observateur« und der kommunistischen Zeitung »Le Patriote«;
- den Wohnungen von Politikern in Frankreich und Algerien, die für einen Verhandlungsfrieden mit den algerischen Aufständischen eintreten;
- der Pariser Rothschild-Bank, deren Generaldirektor Georges Pompidou im Auftrag de Gaulles Vorbesprechungen mit FLN-Emissären über die Konferenz von Evian geführt hat;
- Dem Bürgermeister von Evian, Camille Blanc, der bei dem Attentat getötet wurde,
- der Börse, der Nationalversammlung und dem tunesischen Generalkonsulat in der französischen Haupt-Stadt.
Das Unvermögen der Sureté Nationale, den nach ihrem plastischen Sprengstoff »Plastiqueurs« (Plastikmänner) genannten OAS-Attentätern das Handwerk zu legen, läßt Frankreichs mißtrauische Öffentlichkeit bereits fragen, welche gewichtigen Einflüsse den Polizisteneifer bremsen.
»Mit dieser Erfolglosigkeit der Polizei, die in Regierungskreisen schon wegen der potentiellen Gefährdung der unersetzlichen Person des Staatschefs sehr beunruhigt«, spöttelte die Züricher »Tat«, »scheint der alte Satz 'Wenn drei Franzosen eine extremistische Organisation gründen, ist einer davon Polizeispitzel' widerlegt zu sein.«
In der Tat hat sich die Sureté Nationale noch niemals gegenüber einer Terror-Organisation so hilflos gezeigt wie bei der Bekämpfung der 4000 in Frankreich und Algerien operierenden OAS-Aktivisten, die neuerdings auch geplante Attentate auf de Gaulle offen ankündigen.
So erhielt der gaullistische Bürgermeister des südwestfranzösischen Städtchens Dax, Max Moras, kurz vor der letzten Provinzreise des Staatschefs eine Postkarte mit der lapidaren Drohung: »Sie werden zusammen mit dem Großen Charles in die Luft fliegen. Ihre explosive Marianne.«
Zwar blieben Moras und der »Große Charles« verschont, aber alle Provinzreisen de Gaulles sind vorläufig abgesagt. Und wenn Frankreichs Staatschef nunmehr öffentlich in Erscheinung tritt, dann nahmen die Sicherheitsvorkehrungen groteske Ausmaße an.
Die Untergrund-Experten der französischen Polizei würden freilich ihren Kampf gegen die rechtsextremistische OAS nicht mit solch behutsamer Zurückhaltung führen, wenn sie sich nicht nach wie vor als Funktionäre eines Regimes betrachteten, das seine Existenz einem Komplott der politischen Rechten verdankt.
Innenminister Pierre Chatenet, dessen Karriere unter der Protektion der einstigen De Gaull-Paladine Bidault und
Soustelle begann, die heute zu den erbittertsten Gegnern des Generals gehören, verlor indes aufgrund dieser diskreten Zurückhaltung seinen Posten.
Die Passivität des Ministers gegenüber den militanten Anhängern der »Algérie francaise«, insbesondere seine dubiose Haltung während des Generalsputsches von Algier, veranlaßten den Staatschef, den semmelblonden Ehrgeizling Roger Frey an die Stelle Chatenets zu setzen. Frey, bis dahin Staatsminister ohne Portefeuille, hatte sich in den Krisentagen als Getreuester der Getreuen bewährt.
Auf Freys energisches Drängen hin verhaftete die Polizei inzwischen einige Berufsterroristen der äußersten Rechten, unter ihnen den 35jährigen Schulmeister Jean Ghnassia, der sowohl in der Barrikaden-Woche der »Ultras«
vom Januar 1960 als auch beim Militärputsch vom April 1961 eine maßgebende Rolle gespielt hatte.
Da die OAS in kleinen Zellen von jeweils zehn bis zwanzig Mitgliedern organisiert ist, die nur über ihre Führer miteinander in Verbindung stehen, genügt jedoch die Verhaftung einiger Plastikmänner nicht, um den gesamten Geheimbund auseinanderzusprengen.
Die OAS-Terroristen machen sich die Erfahrungen der französischen Résistance in den Kriegsjahren zunutze. Sie rekrutieren sich vor allem aus den Anhängern der verbotenen rechtsextremistischen Organisation »Jeune Nation«, geführt von den Brüdern Jacques und Pierre Sidos, sowie der ebenfalls verbotenen »Front für ein französisches Algerien« (FAF) des auf Mallorca im Exil lebenden ehemaligen Cafétiers Joseph Ortiz. Doch vermutet die Sureté Nationale auch die Mitglieder von 32 weiteren Kampfbünden der äußersten Rechten in den Reihen der OAS.
Das Verschwinden der Generäle Salan und Jouhaud nach dem mißglückten Militärputsch von Algier geht ebenso auf das Konto der OAS wie die perfekte Maquis-Organisation, die der von Kreuzritter-Gefühlen beseelte Berufsrevoluzzer Robert Martel im südalgerischen Wüstengebiet aufgebaut hat. Martel: »Wir werden die Standarte der Jungfrau von Orleans über dem Kreml flattern lassen.«
Auch die alten Kämpfer der nationalistischen »Présence francaise«, die zwischen 1953 und 1956 die Unabhängigkeitserklärung Marokkos mit Bomben und Dolchen zu verhindern suchten, haben in der OAS eine neue Heimat gefunden, wie die Vernehmung von sieben in Limoges verhafteten Plastikmännern ergab.
Eine andere, in Poitiers festgenommene Gruppe Terroristen gestand im Polizeiverhör, daß sie ihre Plastikbomben auf Befehl eines aktiven Offiziers der französischen Armee gelegt habe - des Obersten Simoneau, der sich einst als Spezialist für die Vernehmung
gefangener algerischer Rebellen einen makabren Ruf erwarb.
Solche Verbindungen illegaler OAS -Aktivisten zu Persönlichkeiten der legalen Staatsgewalt irritieren Roger Frey's Terror-Bekämpfer ebenso wie die Herkunft jenes knetbaren, aus Nitrozellulase und Nitroglyzerin bestehenden Sprengmaterials, das die Plastikmänner bei ihren Attentaten verwenden.
Dieser Sprengstoff erinnert peinlich an die gemeinsame Vergangenheit der heutigen Freunde und Feinde Charles de Gaulles. Im Zweiten Weltkrieg von britischen und amerikanischen Chemikern entwickelt, wurde diese Spezialmasse tonnenweise über dem besetzten Frankreich abgeworfen, dessen Résistance-Partisanen sie zu Sabotageakten gegen die deutsche Wehrmachtbenutzten.
Da das explosive Plastikmaterial etwa 20 Jahre lagerfähig ist, vermuten Freys Berater, das Störfeuer gegen die Algerien-Politik des »Großen Charles« werde aus den gleichen Sprengstofflagern gespeist wie einst der in seinem Namen geführte Kampf um Frankreichs Befreiung.
Daß die »Organisation der Geheimarmee« auch die Restbestände an
Plastikbomben nicht ungenutzt lassen will, verrieten ihre jüngsten Traktate. Im Hinblick auf die bevorstehende Prozeß-Serie gegen die Putschisten von Algier drohte die OAS: »Für jedes Todesurteil und für jede Verurteilung zu lebenslänglich Zuchthaus werden wir hundert Komplicen der Regierung hochgehen lassen.«
... wann wir wollen: Bomben-Terror in Paris