Export der Terroristen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 75

FRANKREICH / ALGERIEN-FRIEDEN Export der Terroristen

• aus DER SPIEGEL 7/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die monatelangen Geheimverhandlungen zwischen Frankreich und der algerischen Exilregierung zur Beendigung des siebenjährigen Krieges in Nordafrika haben zu einem nahezu unterschriftsreifen Dokument geführt.

Das bestätigte Frankreichs Staatschef Charles de Gaulle in der vergangenen Woche in einer Fernsehrede, als er den »Frieden innerhalb kürzester Frist« prophezeite.

De Gaulle: »Noch vor Ablauf dieses Jahres wird der größte Teil unserer (Algerien-)Armee in Europa stationiert sein.«

Auch das offizielle Blatt der FLN -Rebellen, »El Moudjahid«, bestätigte: »Die provisorische Regierung der Republik Algerien ist zur Feuereinstellung und zum Frieden mit Frankreich bereit.«

Bisher geheimgehaltene Einzelheiten des algerisch-französischen Kompromisses lassen erkennen, daß beide Gesprächspartner - unter dem Druck der rechtsextremistischen Untergrundorganisation OAS ("Organisation de l'Arme Secrète"), die mit ihrem Bombenterror einen Friedensschluß zu verhindern sucht - beträchtliche Zugeständnisse gemacht haben:

- Algerien wird nach einer Übergangszeit von sechs Monaten souverän und unabhängig sein; an die Stelle der ursprünglich von Frankreich geforderten »Assoziierung« ist »Zusammenarbeit« (Cooperation) getreten;

- die Sahara wird algerischer Souveränität unterstellt, jedoch soll ihr Öl- und Erzreichtum von beiden Staaten gemeinsam erschlossen werden;

- den Flottenstützpunkt Mers el-Kébir wird Frankreich nach Abschluß eines entsprechenden Pachtvertrages für weitere 30 Jahre benutzen können. Umstritten blieb bisher der künftige Status der Algerien-Europäer:

- Frankreich verlangt, daß alle gegenwärtigen Bewohner Algeriens automatisch das Staatsbürgerrecht der künftigen unabhängigen Algerischen Republik erhalten.

- Die algerische Exilregierung will nur solchen Europäern staatsbürgerliche Rechte gewähren, die für den künftigen Staat »wertvoll« sind. FLN -Regierungschef Ben Chedda: »Wir werden nur die Guten behalten und die Schlechten hinauswerfen.«

Mit anderen Worten: Die algerische Exilregierung wünscht die Untergrundkrieger des OAS-Chefs Salan nach Frankreich zu exportieren. De Gaulle, der von solcher Zwangszuwanderung nur innerpolitische Explosionen zu gewärtigen hat, möchte hingegen die formelle Ausweisung der »schlechten Europäer« (Ben Chedda) wenigstens in eine allmähliche freiwillige Übersiedlung umgewandelt sehen.

Darüber werden Frankreichs Algerien-Minister Louis Joxe und der Außenminister der algerischen Exilregierung Saad Dahlab noch zu reden haben, ehe sie ihre Geheimverhandlungen beenden.

De Gaulle tröstete bereits: »Denjenigen (Algerien-Europäern), die sich entschließen sollten, ins französische Mutterland überzusiedeln, wird die notwendige Hilfe zuteil werden.«

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 75

Mehr lesen über