Export in Blond - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Export in Blond

Von der Mafia beschaffte ein polnisches Staatsunternehmen Devisen -- und lieferte dafür Mädchen.
• aus DER SPIEGEL 22/1981
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Die Polin mußte gut gewachsen sein, 168 bis 172 Zentimeter groß. Dann hatte sie alle Chancen, als Gastarbeiterin im Ausland rund 100 Dollar im Monat für den devisenknappen Staat anzuschaffen. Blondinen mit Abitur bevorzugt.

Dem Drang nach Westen, der viele junge Polen befallen hat, kam das Warschauer staatseigene »Vereinigte Unterhaltungsunternehmen« (ZPR) gern entgegen. In einer Zeitung der polnischen Hauptstadt etwa veröffentlichte ZPR folgende Annonce:

»Das Kulturhaus des Stadtbezirks Ochota organisiert in Zusammenarbeit mit dem Büro für künstlerische Veranstaltungen ein Mädchenballett für Estraden-Aufführungen. Voraussetzung ist Vollendung des 18. Lebensjahres, erwünscht sind Reifezeugnis, wohlproportionierter Körperbau ...«

War das Angebot in der Hauptstadt zeitweilig unzureichend, wurden die Aufträge nach Krakau, Lodz, Rzeszow und auch in die kleineren Provinzstädte weitergeleitet, wo die Beamten aus der ZPR-Zentrale über beste Verbindungen zu den Personalabteilungen örtlicher Theater- und Varietebühnen verfügten.

Die Bewerberinnen wurden zur Vorstellung in dem vornehmen Warschauer »Hotel Europejski« untergebracht, von polnischen Kunstfunktionären begutachtet und dann von den Bestellern ausgewählt: Herren aus Italien, die sich »Impresario« nannten und von einer Agentur kamen, die der Mafia gehört.

Das alles ermittelte die Warschauer Staatsanwaltschaft. Ein Reporter der polnischen Zeitschrift »Antena« berichtete über die Affäre: Er sah die Personalunterlagen von Mädchen, die bereits die Volksrepublik Polen verlassen hatten oder demnächst exportiert werden sollten. Berufe: Hilfsarbeiterin, Verkäuferin, Ärztin, Ingenieurin, Pädagogik-Studentin. Chemikerin, Volkswirtin.

Mit Ausreisegenehmigungen gab es keine Schwierigkeiten, die Reisewilligen wurden als Elevinnen einer »Bühne unter der Kuppel« eingetragen. Zwar hat das polnische Kulturministerium durch Verordnung im August 1978 jede Ausreise von Mädchen zwecks Erwerbstätigkeit im Ausland verboten, doch die Mafia-Geschäftspartner vom ZPR unterhielten ausgezeichnete Kontakte zu den Behörden. Im Polen der Vor-Walesa-Ära wusch allerorts eine Hand die andere, Gesetze traten gegen Honorar außer Kraft.

Wie die Krakauer Wochenzeitschrift »Tygodnik Powszechny« berichtet, wird zur Zeit in Polen gegen vier ehemalige Minister, sieben ehemalige Vizeminister, fünf ehemalige Erste Woiwodschaftssekretäre der Partei und 102 andere ehemalige Spitzenfunktionäre wegen »Wirtschaftsverbrechen« ermittelt. In einem derart von Korruption zerfressenen Sozialismus war es ein leichtes, lebende Ware über die streng gehütete Staatsgrenze zu schicken.

Die Arbeitsplätze in Italien waren meist Bars mit blumigen Namen, die blaue Nächte und böse Lüste verhießen. Eine Warschauer Sängerin, die in den Night-Club »Omnibus« in Cassano Spinola bei Tortona vermittelt wurde, hatte dabei laut »Antena« doppeltes Glück. Sie wurde von ihrem Ehegatten, einem Pressephotographen, begleitet, der eine Bischofssynode photographieren sollte. Und sie kam an ihrem ersten Arbeitstag in der Bar mit einer schon länger dort wirkenden Landsmännin namens Barbara ins Gespräch, die ihr die Arbeitszimmer zeigte und die Preise einschlägiger Dienstleistungen nannte. Sie konnte noch vom »Omnibus«-Vertrag zurücktreten.

Anderen Neuankömmlingen in Italien wurden gleich nach der Ankunft die polnischen Pässe abgenommen -man müsse ja eine Arbeitsgenehmigung besorgen -- und durch Photokopien ersetzt. In die Stadt durften die Mädchen nur in Begleitung von Klubangestellten gehen, hauptsächlich zum Einkaufen, wofür sie großzügig mit Krediten bedacht wurden, zurückzuzahlen von der künftigen Gage.

Schon war die Falle zu. Für ihr richtiges Funktionieren sorgten Profis -bekannt wurde ein Franco Franci mit einer »A 11«-Knarre.

Abgerechnet wurde korrekt: Für jedes angeworbene Mädchen zahlten die Italiener an ihre polnischen Lieferanten 500 US-Dollar, dazu für jeden Tag Einsatz drei Dollar. Außerdem wurden pünktlich, über ZPR, 15 Prozent von den Einkünften der Dirnen an die polnische Staatskasse überwiesen.

Dabei war es gar nicht so, daß sich das sozialistische Vaterland um seine im westlichen Ausland schuftenden jungen Bürgerinnen etwa nicht gekümmert hätte. Regelmäßig wurden Inspektoren nach Italien entsandt, welche die Arbeitsbedingungen der Schaffenden prüfen sollten. Nach ihrer Rückkehr berichteten sie nur Gutes. Es waren dieselben Genossen, die den Export von Anfang an gemanagt hatten.

So florierte das Geschäft über Jahre, die ZPR-Zentrale, die der Warschauer Volksmund schon »Dziwex« (auf deutsch: »Hurex") nannte, brachte den Funktionären wie auch dem Fiskus wachsende Deviseneinnahmen. Nach den Ermittlungen der Warschauer Staatsanwälte wurden insgesamt an die 300 Polinnen an italienische Vergnügungsbetriebe vermittelt, nach Angabe der Zeitschrift »Antena« können es eher anderthalbtausend gewesen sein.

Als Ende April die letzte, aus der Provinzstadt Slupsk (Stolp) eingetroffene Partie, »allesamt wohlgebaute Blondinen im Alter zwischen 19 und 21 Jahren« ("Antena"), im »Hotel Europejski« einquartiert wurde, kam die Polizei. Zwei italienische Zwischenhändler und acht polnische Funktionäre wurden verhaftet, gegen einige Dutzend andere wird noch ermittelt.

Warum erst jetzt? »Antena": »Das Netz der Kontakte ist ungeheuer breit verzweigt, und es reicht weit oder, wenn man so will, hoch.«

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