OLMES Extra - Extra - Extra
Er brachte Hitler zum Lachen und erfand eine Wunderwaffe, er bewahrte den Atomprofessor Heisenberg vor Entführung und plante die Befreiung der Landsberger Rotjacken. Zuletzt handelte er-mit lebenden Schnecken.
Wann immer sich während der letzten zwei Jahrzehnte in Deutschland etwas, Außergewöhnliches vollzog - Friedrich Olmes war dabei.
Der Lohn dafür war freilich Undank: Der heute 41jährige Niedersachse hat seit 1944 zumeist in Gefängnissen und Zuchthäusern gelebt. Anfang dieses Monats wurde ihm die Freiheit neuerlich entzogen: Ein bremisches Schöffengericht verurteilte ihn wegen versuchten Betruges, Unterschlagung und Urkundenfälschung in 69 Fällen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis.
Aber auch das Bremer Urteil war sog außergewöhnlich wie der Lebenslauf des Angeklagten: Die Richter setzten den Multi-Betrüger nicht mit schlichten Kriminellen gleich. Dem Olmes, so befanden sie, gebührten mildernde Umstände: Der Umgang mit der Prominenz des Dritten Reiches - Olmes drang zu Hitler, Keitel, Jodl, Skorzeny und anderen NS-Größen vor - habe zu einer Selbstüberschätzung geführt, der es zuzuschreiben sei, daß Olmes nicht ins bürgerliche Alltagsleben zurückfand.
Die Quasi-Berühmtheit, deren Opfer der gebürtige Hildesheimer laut Gerichtsurteil wurde, hatte 1943 begonnen, als der damals 22jährige an der Ostfront angeblich eine Wunderwaffe gegen die Sowjetpanzer erfand. Olmes: »Ich entwickelte das Olmes-Rohr, das später unter der Landser-Bezeichnung 'Ofenrohr' bei der Truppe eingeführt wurde.«
Wahr daran ist, daß Olmes dem Heereswaffenamt seinerzeit einen entsprechenden Vorschlag einreichte. Tatsache ist aber auch, daß es sich beim »Ofenrohr« weder um seine noch überhaupt um eine originäre deutsche Erfindung handelte: Das Rohr «war ein Nachbau der amerikanischen »Bazooka«. Immerhin: Der angebliche Rohr-Erfinder Olmes reiste damals laut Marschbefehl »in geheimem Auftrag« an die Italienfront.
Aus Italien drang kurz darauf ins Führerhauptquartier die fern schriftliche Kunde, der Oberjäger Olmes habe hinter den feindlichen Linien etliche Panzer geknackt; Empfang durch den Führer werde empfohlen.
Held Olmes wurde daraufhin im Hauptquartier zunächst von Keitel und Jodl, dann von - Hitler selbst empfangen - bis heute sein stolzester
Erfolg, über den er sich auch vor den Richtern in Bremen wieder verbreitete: »Das war für mich ein großer Tag. Nach dem Gespräch stürzte Guderian auf mich zu und sprach mir seine Anerkennung dafür aus, daß ich den Führer zum Lachen gebracht hatte. Das war vorher nur wenigen gelungen.«
Die Bremer Richter versagten sich allerdings die zeithistorische Frage, welcher Olmes-Witz den Führer erheitert habe.
Das Führerhauptquartier reichte Olmes arglos nach Karinhall zu Hermann Göring weiter, und von Karinhall aus setzte Olmes unbeobachtet ein Fernschreiben an seinen Ersatztruppenteil in Hildesheim ab. Inhalt: »Leutnant Olmes trifft erst morgen bei seiner Einheit ein. Stabsamt Reichsmarschall.«
Noch auf dem Hildesheimer Bahnsteig ließ sich Oberjäger Olmes von seinem Kommandeur die Schulterstücke anheften.
In einem Brief an einen Göttinger Landgerichtsrat hat der Fallschirmjäger-Generaloberst Student nach dem Kriege enthüllt, wie das Olmes-System funktionierte. Student: »Der Fall Olmes ist mir deswegen noch erinnerlich, weil er als Köpenickiade gröbsten Stils in der deutschen Wehrmacht wohl einmalig dasteht ... Jeder wollte Olmes kennenlernen: Aber niemand kam auf den Gedanken, sich einmal sein neues 'Ofenrohr' zeigen zu lassen. Dieses existierte nämlich überhaupt nicht.«
Und Hauptlehrer Ottens, Vater einer jungen Dame aus der Gegend von Celle, mit der Olmes sich zu jener Zeit verlobt hatte, deckte nach dem Kriege durch Zufall das ganze Geheimnis auf. Zwischen seinen Schreibutensilien fand der Lehrer nur einmal benutztes Kohlepapier, auf dem sich noch entziffern ließ, was Olmes einst getippt hatte. Nämlich: »Der Oberjäger Friedrich Olmes reist in geheimem Auftrag mit vier Mann zur Frontleitstelle Verona. Er führt geheime Kommandosachen mit sich und ist berechtigt, alle Wagenklassen zu benutzen. Es wird gebeten, dem Oberjäger Olmes notfalls Schutz und Hilfe zu gewähren.«
Außerdem fand der Lehrer Durchschriften von zwei Fernschreiben. Das eine meldete die Olmes-Heldentaten an das Führerhauptquartier; das andere enthielt den Marschbefehl des Oberjägers nach dort.
Bald nach dem Abstecher zu Hitler reiste Olmes nach Berlin, wo er mit
- dem Deutschen Kreuz in Gold,
- beiden Eisernen Kreuzen,
- dem Narvikschild,
- dem Kreta-Ärmelband,
- dem Afrika-Ärmelband, - dem Fallschirmjäger-Abzeichen,
- dem Verwundetenabzeichen und
- Panzervernichtungs-Streifen auf
dem Ärmel
in der Dienststelle Skorzeny auftauchte. Olmes zu dem Mussolini-Befreier: »So kann der Krieg nicht weitergehen.« Der Einsatz von Sonderkommandos im Rücken des Feindes sei notwendig. Skorzeny sorgte dafür, daß Olmes zwei Tage später verhaftet wurde.
Mit der Ausrede aber, er habe »wichtige Angaben über eine Offiziersverschwörung gegen unseren Führer« zu machen, gelang es Olmes einige Monate später, wieder freizukommen und wieder berühmt zu werden: Das Attentat gegen Hitler wurde am 20. Juli 1944 verübt, Olmes hatte auf die Verschwörer aber schon vier Monate vor dem Anschlag hingewiesen.
Auf Geheiß des Skorzeny-Adjutanten Radl sollte der Ex-Untersuchungshäftling Olmes, dem offenbar die geheimsten Intrigen nicht verborgen geblieben waren, im Spätsommer 1944 auf die Jagd nach bis dahin unbekannt gebliebenen Mitverschwörern gehen.
Aber es kam etwas dazwischen: Olmes erhielt Beerdigungsurlaub nach Hildesheim, kleidete sich in die Uniform eines Eisenbahners und erwartete das nahe Ende des Krieges.
Sogleich nach der Kapitulation freilich war Olmes um die Fortsetzung seines Lebensromans bemüht, indem er zunächst - nun gefahrlos - weitere Heldentaten erfand und sich dem amerikanischen Stadtkommandanten von Hildesheim als Inhaber eines - im Kriege nur einmal verliehenen - Deutschen Kreuzes in Gold mit Brillanten vorstellte.
Den amerikanischen, später den britischen Besatzern in Hildesheim wußte Olmes detailliert zu berichten, daß er als Sonderbeauftragter für die Spionageabwehr der deutschen Atomforschung im Berliner Führerbunker ein- und ausgegabgen sei, im Auftrage des Reichsleiters Bormann Kontakt zu den Russen aufgenommen und Bormann schließlich an Hitlers Todestag zu den Russen gebracht habe.
Die Engländer schafften den interessanten Geheimnisträger auf ihre Insel, vernahmen- ihn und schickten ihn wieder nach Hause.
Aber im englischen Vernehmungslager hatte Olmes wieder einen Prominenten kennengelernt: Hitlers Leibarzt Dr. Brandt.
Nach Deutschland zurückgekehrt, fahndete Olmes nach der Brandt-Gattin und ließ sich von ihr die Aufzeichnungen des Arztes aushändigen. Von deren Lektüre angeregt, fertigte Olmes unter dem Pseudonym Friedrich Oscar ein Buch: »Über Galgen wächst kein Gras«.
Sein nächster Einfall führte Olmes statt zu einem neuen Erfolg in eine Heil- und Pflegeanstalt, wo er elf Monate ausharren mußte: Olmes hatte dem britischen Geheimdienst in Göttingen eingeredet, die deutschen Atomforscher Hahn, Heisenberg und Weizsäcker würden in Kürze gewaltsam in die Sowjet-Union entführt werden. Olmes lieferte den Engländern präzise Angaben über Ort, Stunde und Beteiligte. Tatsächlich gelang den Briten der große Coup: Die ganze Räuberbande wurde gefaßt.
Allerdings waren die feindlichen Agenten brave Deutsche, die Olmes mit der Nachricht vor Heisenbergs Haus gelockt hatte, bei dem »ollen Professor« gebe es billigen Schnaps.
Die Engländer ließen Olmes auf seinen- Geisteszustand untersuchen. Doch der Göttinger Oberarzt Dr. Krätzschmar, der sich damit elf Monate Zeit ließ, vermochte keinen Defekt zu finden, der genügt hätte, Olmes aus dem Verkehr zu ziehen.
So konnte Olmes, kaum daß er die Freiheit zurückgewonnen hatte, sich ein Projekt »Atlantropa« zur Bewässerung der Sahara ausdenken, eine Pelztierfarm in der Heide eröffnen und ein »Institut für angewandte Naturwissenschaften« gründen.
Auch auf dem kulturellen Sektor blieb Olmes nicht untätig. Er verlieh sich für
ein Drama »Hutten«, das nie geschrieben worden war, den 1. Preis eines Kulturkreises, den es nie gegeben hat brachte eine Zeitung »Unter der Lupe« heraus, die einmal, und eine andere, das »Extra-Extra-Extrablatt«, die zweimal erschien.
Sodann entwickelte Olmes ganze Serien von Plänen zur Befreiung - des französischen Marschalls Pétain,
- der in Luxemburg inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher,
- der zum Tode verurteilten sogenannten Rotjacken in der Festung Landsberg und
- der Spandauer Häftlinge.
In einer Moorhütte bei Gifhorn am Rande der Lüneburger Heide gewährte er Reportern Interviews über sein Landsberger Abenteuer, noch ehe es stattgefunden hatte.
Es fand auch später nicht statt, was eine Reihe von Zeitungen nicht hinderte, auf Sonderseiten darüber blutrünstige Einzelheiten zu veröffentlichen, die Olmes ihnen verkauft hatte. Die Illustrierten »Revue« und »Stern« zahlten Vorschußhonorare.
Zum Verhängnis wurde Olmes eine zwei Seiten lange Liste sämtlicher sowjetischer Kriegsgefangenenlager mit
beigelegter Karte, die er in Hildesheim drucken ließ. Im sowjetzonalen Greifswald, wohin er angeblich durch Entführung aus Westberlin gelangte, wurde er wegen Boykotthetze und Spionage zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die sechs Jahre saß Olmes ab; am 13. Juni 1957 wurde er entlassen, kehrte heim in die Bundesrepublik und kassierte 10 000 Mark Haftentschädigung.
Mit diesem Geld versuchte er nach seinen zahlreichen militärischen und politischen Abenteuern nun auf wirtschaftlichem Gebiet aktiv zu werden. Olmes: »Ich wollte endlich auch etwas erreichen wie die anderen.«
Olmes erreichte bald allerlei, wurde erst Geschäftsführer der von ihm gegründeten »Norddeutschen Gaststätten-GmbH«, sodann Mitglied des »Kuratoriums für die
afrikanische Großraumforschung«, das er sich ebenfalls selber ausgedacht hatte, und schließlich Chef der »Hanno-Werbung«, die im Hause des hannoverschen Georgs-Palastes ein feudales Büro betrieb, wo als Sekretärin ein Hamburger Photomodell agierte, das sich Direktor Olmes mit Chauffeur und geliehenem Mercedes 220 aus der Hansestadt geholt hatte. Überführungskosten: 135 Mark.
Im Herbst 1960 schließlich produzierte sich der Ex-Gaststättenmanager, Ex -Raumforscher und Ex-Werbechef als Landwirt: Er beschickte Bremen mit dreitausend Weinbergschnecken.
Mit den Kriechtieren, denen er eigens ein Freigehege einräumen ließ, warb Olmes für die Produkte seiner Schnekkenzuchtfarm, die er angeblich auf dem niedersächsischen Schloß Bothmer gegründet hatte. Der Auftragseingang war zwar gering, doch ließ sich Olmes jede Bestellung sogleich mit einer Anzahlung honorieren, weil, wie er der Kundschaft klarmachte, die Tiere schließlich leben müßten. Auf Schloß Bothmer allerdings waren Olmes und Schnecken unbekannt.
Seine jeweiligen Geschäfte vollzog Olmes unter jeweils besonderen Namen, wie de Vries, Dr. med. Glaukens und Volmer, weil es ihm dadurch beispielsweise möglich war, als de Vries die telephonische Auskunft zu geben, daß Volmer für jeden Kredit gut sei.
Vor dem Bremer Schöffengericht, das ihn für die nächsten zweieinhalb Jahre der Sorge enthob, sich neue Namen und neue Firmen auszudenken, wartete Friedrich Olmes mit einem Gag auf, den er ausnahmsweise selbst nicht ernst nahm. Er wies das Photo eines Grabsteins mit der Inschrift vor: »Fallsch. Jg. Fritz Olmes«.
Fragte der Vorsitzende: »Wo steht denn dieser Stein?« Olmes: »Das habe ich vergessen.«
Abenteurer Olmes
Den Führer gefoppt
Abenteurer Skorzeny
Den Flunkerer gefaßt
Kriegsheld Olmes: Eine Köpenickiade gröbsten Stils ...
Unbekanntes Olmes-Grab
... zwischen Front und Führerhauptquartier